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02.März 2015, 23:45

Batman und Robin passen leider zu Borussia Dortmund

credit: istockphoto.com/OSTILL

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Ich bin Fan von Borussia Dortmund. Es gibt keinen schöneren Fussball zu sehen in Europa, als den, welchen diese Mannschaft spielen kann, wenn sie völlig befreit auftritt. Aber Herzblut kann gerinnen. Oder umgekehrt den Motor überpowern. Und genau das ist das Problem. In Dortmund laufen sie viel zu schnell heiss.

Es bleibt rätselhaft, wie eine Mannschaft mit so viel individueller Klasse auf einem Abstiegsplatz überwintern konnte. Niemand wird sagen, dass dies vorauszusehen war, und alles, was wir jetzt als Erklärungen anführen, wirkt naseweis. Aber es gibt ein paar Phänomene, die eben auch verhindern, dass Dortmund wirklich zum beständigen Bayern-Kontrahenten werden kann – und die umgekehrt einen solchen Absturz überhaupt möglich machen:

In Dortmund schaffen sie den Sprung zur erfolgsorientierten Nüchternheit einfach nicht. Und dabei geht die Übersicht im Erfolg verloren. Das ist äusserst sympathisch und lässt uns jeweils herzlich mitfeiern, es verursacht aber auch Leiden, wenn es daneben geht. Es ist herrlich, einen Volleyschuss dreimal in der Slowmotion zu sehen, der mit vollem Risiko nur ganz knapp übers Tor gedroschen wird. In Bayern schieben sie den Ball quer und rein. Mit dem Innenrist statt mit dem Vollspann. In Bayern ist eine Aktion dann geil, wenn sich die Maschen biegen. In Dortmund müssen dabei mindestens auch die Socken qualmen: Auch in den besten Tagen dieser Mannschaft war die Chancenauswertung meistens unterduchschnittlich, und genau das charakterisiert die mangelnde letzte Klarheit vor dem nächsten und wichtigsten Ziel.

Dortmund lebt von der Emotion, und es hat einen wunderbaren Trainer, der seinen Fachverstand in der täglichen Arbeit mit den Spielern mit Sozialkompetenz verbindet, dass es phantastisch sein muss, unter diesem Trainer auf allen Ebenen zu lernen. Aber warum bringen sie sich in Dortmund nicht gegenseitig bei, dass die Wirkung nach aussen, das Resultat all dieser Bemühungen jene Art von Erfolg sein sollte, die wiederholbar ist? In Dortmund haben sie es nicht geschafft, immer das nächste Ziel zu setzen und mit dem Erreichten nie wirklich zufrieden zu sein. Die jüngste Historie wirkt noch nach. 2007 war man ganz unten, das dürfen wir alle nicht vergessen. Aber wenn Dortmund von Wolfsburg und Bayern nicht abgehängt werden will, dann heisst es, ein Stück der Nüchternheit dieser Vereine zu erlernen – und gegen aussen mehr Demut zu zeigen – auch und gerade im Erfolg.

Die Personalie eines Marco Reus ist dabei exemplarisch. Dieser junge, begnadete Fussballer musste sich in einem Alter, in dem andere lernen, Discobesuche auf zwei Beinen abzuschliessen, mit charakterlichen Herausforderungen herum schlagen, die für einen allenfalls knapp volljährigen jungen Mann gar nicht zu bestehen sind: Schon bei seinem Wechsel von Mönchengladbach nach Dortmund ging dem Abschluss des Vertrages ein Medienhype voraus, der jeden in Reus’ Situation hätte verrückt machen können. Der Junge blieb ruhig, sagte wenig und brachte weiter Leistung. Als er dann ging, konnte das ein jeder nachvollziehen und würdigen, als normalen Karriereschritt eines Fussballers mit allerhöchsten Qualitäten.

Und dann in Dortmund, zwei Jahre später, das gleiche Theater. Diesmal streckte Bayern seine Fühler aus, und ein Reus-Wechsel wurde wiederum zur Belastungsprobe für den Verein des jungen Fussballers und für ihn selbst. Er bestand den Test, so weit es um Fussball ging, mit Bravour. Wiederum hielt er sich bedeckt, spielte die Medien nicht gegen seinen Verein aus. Niemand konnte sich wirklich über ihn beklagen. Dafür wurde bekannt, dass Reus jahrelang ohne Führerschein Auto gefahren war. Schnell, sehr schnell gefahren… Wie passte diese Unreife zu eben dieser geschilderten gemeisterten Herausforderung in den Vertragspokern?

Es ist wirklich ein Sinnbild: Vor der Fan-Wand in Dortmund zu spielen, ist für jeden Fussballer pures Adrenalin. Nirgends kann man besser spüren und fühlen, was Fussball auszulösen vermag – entsprechend schwer ist es, Bodenhaftung zu halten. Aber genau das braucht es: Für den sicheren Torschuss musst Du das Standbein richtig setzen.

Nun hat sich Dortmund aus dem Keller gekämpft. Und steckt nach vier Siegen en suite bereits wieder im Delirium fest, überzogener Torjubel inbegriffen. Was Aubamejang und Reus mit ihrer Batman- / Robin-Maskerade als Torjubel abzogen, veranschaulicht sehr schön, wo sie in Dortmund das grösste Problem haben: Das sind alles tolle kleine Jungs, die nicht erwachsen werden können. Und der Trainer, dieser kluge, sozial gewandte, leidenschaftliche Mann mag seien Stil auch nicht ändern: Die Säge am Spielfeldrand wird bereits wieder ausgepackt, die Faust reckt sich als rechter Haken gegen das Publikum, die Gier nach Fussball ist allgegenwärtig. Das kann weit führen. Aber in diesem Aggegatzustand gibt es keine Festigung, da ist so viel Hitze, dass am Schluss einfach nur Dampf bleiben kann. Wenn Dortmund aus dieser Saison wirklich etwas lernen will, dann muss die Analyse beim Bild ansetzen, dass man auf dem Platz abgeben will. Und daneben. Sonst ist man irgendwie als Spieler und Trainer wirklich daneben und damit neben der Spur.

Sie haben nun viermal in Folge gewonnen. Unter anderem gegen Stuttgart und Freiburg. Das ist nicht nichts. Aber Batman und Robin gehören nach Gotham City und nicht auf den Fussballplatz. Schon gar nicht, wenn man in einem Spiel gegen Schalke fünf Viertelstunden braucht, um die drückende Überlegenheit nach gefühlten sechzehn vergebenen Torchancen endlich in ein Tor umzumünzen. In jedem anderen Spiel wäre das schief gegangen.

Die Bundesliga braucht ein Dortmund, das erwachsen wird, das die Chance packt, diese harte Saison dazu zu benutzen, genau dies zu werden: Ein Spitzenverein.

 

2 Gedanken zu „Batman und Robin passen leider zu Borussia Dortmund

  1. sinta

    Meine Begeisterung über diesen Artikel ist riesig! Vielen Dank!
    Ich habe ihn gleich weiter verbreitet. Das sollte Jürgen Klopp
    und die ganze Bundesliga lesen und verinnerlichen.
    Es kann gar nicht sein, daß irgendein Deutscher soviel
    kompetentes Wissen über den Schweizer Fußball hat,
    wie thinkabout über die deutsche Bundesliga.

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Hoppla. Jeztzt habe ich ganz rote Ohren. Danke Dir.
      Sport, und Fussball im Besonderen, ist ja ein herrliches Thema, weil Geschick und Pech scheinbar von so vielen “weichen Faktoren” bestimmt wird – oder eben doch nicht. Auf Dauer ist nichts Zufall, und Dauerhaftigkeit, Beständigkeit ins Metier zu bringen und in den eigenen Verein, ist die allergrösste Kunst.

      Nun, so vermessen zu sein, von einem Deutschen zu erwarten, wer müsse sich so für den Schweizer Fussball interessieren wie ich für die Bundesliga, bin ich nicht. Immerhin ist Schweizer Fachverstand und Ballfertigkeit mittlerweile in der Bundesliga selbst ziemlich anerkannt:
      Aktuell arbeiten zwei Schweizer Trainer in der Bundesliga,
      von den achtzehn Teams setzen vier auf Schweizer Torhüter,
      und die Feldspieler Rodriguez bei Wolfsburg, Schwegler bei Hoffenheim, Seferovic bei Frankfurt, Xhaka bei Mönchengladbach, Behrami bei Hamburg, Mehmedi bei Freiburg nehmen tragende Rollen ein.
      Mit Peter Knäbel hat der HSV den technischen Direktor des Schweizer Verbandes abgeworben, der Chefscout des DFB’s ist ein gewisser Herr Siegenthaler, auf den Yogi Löw schwört. Und der hat genau so seine Trainerkarriere in der Schweiz begonnen wie Ottmar Hitzfeld. Der DFB hat sein Jugendförderungskonzept in den letzten zwei Jahrzehnten hervorragend modernisiert, und er hat dabei sehr genau und lange in den Süden geschaut, weil ihm die Arbeit im Schweizer Verband sehr wohl aufgefallen ist.

      Da fällt mir noch einer ein, der den Schweizer Fussball als Deutscher sehr gut kennt: Günter Netzer, der nicht nur selbst seine Karriere beim Grasshopper Club ausklingen liess, sondern lange, vor der Ära mit Delling bei der ARD, eine ähnliche Funktion in der Schweiz beim SF wahrnahm.

      Schweizer Fussballfans sind stark an der Bundesliga orientiert – und seit einem Stephane Chapuisat haben nach und nach auch Schweizer Fussballer in Deutschland Fuss fassen können. Wir mögen uns manchmal in Rivalitäten reiben, aber die Qualität der Bundesliga mit einigermassen vernünftig wirtschaftenden Vereinen und vollen Stadien fasziniert auch in der Schweiz. Sie liegt uns von allen ausländischen Ligen am Nächsten.

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