Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

01.April 2015, 7:50

Nicht nur unsere Kids sind auffällig. Nur fällt es uns nicht auf.

Was ist mit uns los? Sind wir heute einfach aufmerksamer bei Problemen, oder haben wir davon viel mehr? Statistisch gesehen ist es kaum mehr möglich, dass in einer Familie mit drei Kindern nicht mindestens eines während der Schulzeit grosse Probleme überwinden muss.

Wobei ich noch nicht so genau weiss, ob all die Schlagwörter für das auffällige Verhalten der Schüler nicht mehr Ausdruck für eine regelrechte Industrie ist, die sich um schulische und erzieherische Unterstützungen gebildet hat. Eltern verwirklichen sich gerne selbst, entwickeln aber gleichzeitig enorm hohe Erwartungshaltungen, was die Chancen ihrer Kinder in der Schule betrifft, und manchmal frage ich mich, was da schief gelaufen ist, wenn die Hauptlast des Tages in der Familie massgeblich davon mit bestimmt wird, welches Kind denn wann wo sein muss und wie es dahin kommt?

Kita-Leiterinnen könnten uns Geschichten erzählen, die uns auch einen Spiegel vorhalten, der uns erschrecken sollte. Kinder, die nicht abgeholt werden, Elternabende, die nicht besucht werden, Sonderleistungen, welche die Krippe anbieten möchte, für die sie dann aber ganz bestimmt von den gut situierten Eltern keine Unterstützung bekommen. Für manche Eltern erschöpft sich der Sorgeauftrag mit dem Finden der richtigen Unterbringung der Kinder – dann hat das Ding gefälligst zu laufen. Kinder gehören dazu, und doch auch nicht. Viel zu oft ist das so. Und wenn dann die Probleme akut werden, müsste man doch fragen: Welcher Elternteil ist bereit, die Karriere fahren zu lassen, seine Pläne zu revidieren, weil ein junges Mitglied der Familie die Zukunftspläne stört und wirklich extra Zuwendung braucht? Fast alle werden jetzt aufschreien – aber in viel zu vielen Fällen ist die Frage zu Recht gestellt.

Dass wir umgekehrt eine extreme Leistungskultur haben und schulisches Fortkommen heute für den Grossteil der Schüler sehr, sehr früh bestimmend wird, passt ins Bild. Allerdings wüsste ich nicht, wie ich selbst als Kind in dieser Situation bestanden hätte? Wann immer ich nach Hause kam, war jemand da. Dass ich mir als Teenager oft wünschte, das wäre gar nicht so, war kein Leid, sondern ein Glück – mochte ich das damals auch nicht so sehen.

Was kann uns davor schützen, nichts so genau zu wissen, wie dass wir uns selber helfen müssen. Was uns heute so logisch erscheint, so wahr – wäre früher nie so kategorisch erklärt worden. Unsere Welt ist reicher geworden, wohlhabender, sorgloser. Und um Vieles härter und kälter. Wir kriegen, was wir säen. Und vor allem unsere Folgegenerationen werden damit umzugehen haben.

 

2 Gedanken zu „Nicht nur unsere Kids sind auffällig. Nur fällt es uns nicht auf.

  1. ClaudiaBerlin

    In DE hat eine Frau im Schnitt 1,4 Kinder, in der Schweiz 1,5. Da Kinder also viel seltener sind als früher, ist ihr Wohlergehen und “Weiter kommen” viel wichtiger geworden. Hinzu kommt der allgemeine Sicherheitswahn, der sich durch alle Lebensbereiche frisst. 1970 gingen noch 91 Prozent der Erstklässler selbstständig zur Schule, 2000 waren es nur noch 17 Prozent. Was gar nicht für die Vernachlässigungsthese aus deinem Artikel spricht, sondern eher für die “Überbehütung durch Helikopter-Eltern”, die immer mal wieder durch die Medien gereicht wird.

    Ich könnte noch viel dazu schreiben, unterlasse das aber lieber. Denn als Kinderlose, die sich den ganzen Stress und all die damit zusammen hängenden Entscheidungen erspart hat, hab’ ich im Grunde kein Recht, Eltern für ihr Karrierestreben, ihre vielleicht übertriebene Fürsorge, ihr Verhältnis zum Thema Selbstverwirklichung zu kritisieren.

    In meiner Teeny-Zeit hab’ ich extra mal Schule geschwänzt, um am hellichten Vormittag ein paar Stunden mit meinem Freund zuhause allein zu sein (meine Mutter hatte einen Vormittags-Job, Vater arbeitete ganztags). Glücklich die heutigen Jugendlichen mit liberalen Eltern, die ihre Liebsten ganz offiziell empfangen dürfen – und nicht nur zum Reden.

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Auch ich will Eltern nicht kritisieren. Es geht eigentlich mehr um Feststellung. Auch der Tatsache, dass es schlicht unmöglich bleibt, Beides auf eine Hutschnur zu bekommen. Das ist – in unserer bestehenden sozialen gesellschaftlichen und politischen Kultur einfach ein Mythos.
      Interessante Statistik, die sich mit den Beobachtungen auf der Strasse – Wagenparks vor Schulen – deckt. Wobei ich da weniger eine Überbehütung durch Eltern sehe, als das fehlende Gespür dafür, was Kind kann (und auch möchte) und was nicht – und eine Kompensation anderer Aspekte: Man will wenigstens dazu Sorge tragen, dass das Kind wirklich in der Schule ankommt, bevor man sich dem eigenen Alltag zuwendet. Das IST jetzt böse formuliert, aber nicht so gemeint. Es ist einfach eine Tatsache, dass auch hier sich der gesellschaftliche Wandel vollzieht und sich das allgemeine Bild dafür, was Vater und Mutter tun, zu tun haben, sich verändert.

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