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05.April 2015, 22:51

Falscher Ärger

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[myblog-Text vom 27. Oktober 2004 23:50] Ein selbstkritischer Text über den Stress, den vermeintlichen.

Es regnet. Stau auf allen Strassen. Die Zeit wird knapp. Ich fühle Druck. Baustellen in den Quartierstrassen. Wann sehe ich auch mal einen Bauarbeiter?

Endlich ist das Büro nah. Vor mir schleicht ein alter Nissan über die Kreuzung. Und was macht er? Setzt sich links aufs Trottoir, unmittelbar vor mir, und genau da, wo ich in den Hinterhof fahren will. Wieder so einer, der wild im Quartier parkt, auf allen Gehsteigen, ohne jeden Blick für Andere, hemmungs- und rücksichtslos.
Ich hupe und verwerfe die Hände.
Ein alter Mann steigt aus, fuchtelt erregt zurück.
Erst jetzt nehme ich die alte Frau wahr, die mit eingezogenen Schultern verloren im Regen an der Hauswand steht und jetzt von ihrem Mann an der Hand genommen wird. Langsam zittert sie sich mit unsicherem Schritt über die rutschigen Pflastersteine, die gläsern regennass glänzen. Ihr Mann stützt sie, so gut er es selbst noch vermag und wie er es jeden neuen Tag, in jeder Situation erneut tun wird.

So schnell bin ich selbst zum Rücksichtslosen geworden. Was ist mein Stress im Vergleich mit der Energie, die altersschwache Menschen wie diese Frau tagtäglich finden müssen, um ihre täglichen Bedürfnisse zu decken? Mein Hupen von eben – ich versuche es durch eine entschuldigende Handbewegung abzuschwächen. Der Alte winkt, steigt mit gekrümmtem Rücken ein und fährt weg.

Ich danke ihm still für die versöhnliche Geste und lenke mein Auto mit etwas mehr Gelassenheit auf den Parkplatz.

Was war noch mal so wichtig, dass ich so in Eile war?

Thinkabout

#myblogReload

3 Gedanken zu „Falscher Ärger

  1. ClaudiaBerlin

    Sehr schöne “teilnehmende Beobachtung”!

    In der alten Frau sehen 50# auf einmal ihre eigene Zukunft – und verhalten sich im positiven Fall achtsam und solidarisch.
    Der Horror vor dem Alter ist ubiqitär…. wie der Birnenrost, der immer schon überall auf neue Birnen wartet.
    Fast nie wird thematisiert, welche Stärken sich im Zuge dieses altersbedingten Schwächelns entwickeln.

    Frohe Ostern! (Wenns jetzt auch nur noch der Montag ist… )

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  2. Thinkabout Artikelautor

    Liebe Claudia, entschuldige, dass der Kommentar so spät erfolgt… er hat nichts mit Altersnachlässigkeit zu tun. Die Entschuldigung wäre zu einfach…

    Nun, es ist manchmal nicht so leicht, sich in seinen Tempi so weit runter zu fahren und die Achtsamkeit in ihrer Empfindsamkeit so hoch steigen zu lassen, dass man diesen Segen wahr nimmt. Vielleicht so:

    Wenn man erkennt, wie viel Energie es für einen alten Menschen brauchen kann, die ganz simplen Verrichtungen des Alltags zu meistern, und wenn man dann von diesem Menschen vorgelebt bekommt, wie versöhnt man sein kann mit aller Mühe – dann hat man jemanden vor sich, der sich gerade unvergesslich macht. Für uns.

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