Ressort: Mensch und Natur(Weitere Infos)

27.Mai 2015, 7:33

Die Dämmerung

Die Sonne geht unter. Der Mond wird aufsteigen. Beides ist wahr, und beides ist falsch. Das Licht zwischen den Wahrnehmungen ist blass aber warm, und wenn ich Verbindung zu meiner Erde habe, ist es so lange hell genug, bis ich die Nacht begrüssen kann, ohne sie fürchten zu müssen.

Die Sonne geht niemals unter, der Mond geht nicht auf. Die Gestirne ziehen einfach ihre Bahnen, und mein Wohntrabant führt mich kreisend und sich drehend eine unbestimmt kurze Zeit durch sein Leben, schenkt mir die Ahnung von Werden und Vergehen. Was mir Vergänglichkeit ist,  deutet nur die beschränkte Zeit eines Teilhabens an und einer völlig unzureichenden Wahrnehmung. Wehmut kann mich deswegen umfangen – oder aber mein Trost kann ganz mächtig werden: Denn jenseits all meiner Erkenntnisarmut dreht sich das Gefüge weiter, aus dem wir niemals ausgespuckt werden und an dem zu rütteln uns nicht gegeben ist. Was soll ich den Tod fürchten, wenn ich das Leben geschenkt bekommen habe?

Die Dämmerung ist die Schwester der Stille, die Einladung zur Rast, die Aufforderung zur Ruhe. Sie versorgt meinen Tag in der Truhe des Ablassens; und kein schlechter Gedanke wird die Sonne am nächsten Morgen trüben können.

Die Sonne geht unter, der Tag sagt Adieu. Die Nacht schluckt die Sorgen oder verlängert ihre Schatten, bis sie alles ersticken könnten – wäre da nicht die Gewissheit, dass genau dieser Hügel vor dem Haus, der gerade zur dunklen Wand wird, morgen alle Farben zurück bekommt: So gewiss, wie der Schlaf irgendwann alle Umtriebe ruhen lässt, so sicher fragt das Erwachen des Lebens schon morgen wieder nach mir und meinem Atem.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Strassenlaternen, die schwache und doch gleissende Lichterbahnen durch die Nachtschwärze ziehen. Wie faszinierend sind unsere Lichter – und wie schwach sind sie doch: Je dunkler es wird, um so mehr wirken sie wie auf schwarzes Papier gemalt. Es ist Zeit, sie abzustellen und die Augen zu schliessen:

Ist meine Nacht hinter den geschlossenen Lidern wirklich schwarz? Ich trage eine Dämmerung in mir, ein Wissen, ein Fühlen, ein Leben, eine Seele. Wie auch immer wir das nennen in uns, das wir mit der Sonne teilen: Die Liebe stirbt mit der Dämmerung nie. Sie bringt uns zu Bett und lässt uns aufstehen. Ein jeder von uns ist in Liebe gewollt.

 

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