Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

12.August 2015, 10:40

Warum es hier so still ist

Das Internet-Zeitalter ist ein Informationszeitalter. Noch nie verfügten so viele Menschen über so viel Information. So weit die Theorie. Noch nie aber war es auch so leicht zu erahnen, von welcher miesen Qualität viele dieser Informationen sind. Diese Erkenntnis kappt auch immer wieder die Energieströme für dieses Blog.

Die Dynamik, welche Meldungen, übers Internet verbreitet, entwickeln können, ist längst Teil der Politik – bis hin zur Kriegsführung. Das war schon immer so – hat heute aber eine ganz andere Bedeutung bekommen. Es ist mehr als verlockend, Stimmungen an Märkten und in Ländern mit Wahlen über den Informationsfluss zu steuern. Und wenn das einer einzelnen Seite in den meisten Ländern auch zum Glück nicht gelingt, so wird es doch von allen versucht.

Im Resultat führt das nicht nur bei mir zu einer riesigen Verunsicherung. Über was auch immer wir – bezogen auf die politische und gesellschaftliche Tagesaktualität – reflektieren: Wir können es noch so sehr um Objektivität bemüht tun – es bleibt immer die Frage, auf welchen Grundlagen wir das tun. Und selbst dann, wenn wir Ursache und Wirkung eines Sachverhaltes wirklich erfassen können, bleibt die Frage, ob wir daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen können.  Die Welt ist ein Dorf geworden, in dem die einzelnen Bewohner je länger je weniger wissen können, welcher Lüge oder Schönfärberei oder Hetze oder Schwarzmalerei sie gerade aufsitzen. Vielleicht haben deshalb in den Social Medias die ganz einfachen Botschaften so viel Zuspruch? Bin ich ausgegangen und habe ich im Musikschuppen XY einen tollen Live Act erlebt, so ist die Freude darüber echt und mein Erleben auch. Das kann dann geteilt werden. Bis wir irgendwann feststellen, dass auch solche Meldungen schon mal getürkt oder gesponsert werden können…

Wir alle sind frei darin, das zu teilen, mitzuteilen, für uns zu behalten, was uns wichtig und richtig erscheint. Wir alle geben damit Information gefiltert weiter oder halten sie zurück. Die leichte Verbreitung derselben gibt uns die Chance, weltweit in Echtzeit Kontakte zu knüpfen und diese zu pflegen. Wenn die Empörung über Weltwirtschaft und Flüchtlingswesen, über Griechenland und Charlie, über welches beängstigende oder – kurz – nervende Thema auch immer der Empathie für ein Erzählen aus einem andern Leben weicht, dann bewegt man sich näher zum eigenen Herzen hin. Auch diese Wahrhaftigkeit mag eine gefilterte sein, denn ein jeder Mensch reflektiert auch über sich selbst mit Selektion. Aber es ist ein Geben und Nehmen und damit ein Dialog. Und der Dialog ist genau das, was uns im Netz in den grösseren Debatten am Schnellsten abhanden kommt.

 

13 Gedanken zu „Warum es hier so still ist

  1. Gerhard

    Mir stellt sich die Frage, wieso erst jetzt auffällig wird, daß man Informationen nicht so ohne Weiteres trauen kann. Das Internet gibt es ja schon lange, Berichterstattung in den Medien noch länger.
    Ich habe mich noch nie groß um Politik gekümmert. Vornehmlich aus Faulheit und weil ich kaum Grundlagen dazu habe. Unterstützt wird die Faulheit natürlich recht leicht durch das Wissen, daß alle Information im Grunde hinterfragt werden sollte.
    Information ist nur dann gesichert und vertrauenswürdig, wenn sie solche Dinge beschreibt wie 1m = 100cm.
    Private, persönliche Information transportiert des weiteren auch nur ein Ungefähr-Wissen: Wie kann ich jemanden verstehen, wenn er über sich einige Sätze verliert? Wie soll ich diese deuten? Was heißen sie, was bedeuten sie?

    “Walk a mile in my shoes” – schön wäre es, die Welt des anderen für eine Weile aus seinem Blickwinkel betrachten zu können. Er schaut alles mit seinen Atennen, mit seinen Sinnen, mit seinen Erfahrungen, mit seinen Schaltungen an.
    “Versteh-Trance”. Dieses Wort verwendete ein mir geschätzer Redakteur des öfteren.
    So bewegen wir uns halt durch diese Welt.

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    1. Gerhard

      Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Film “Rashomon”. So hieß er wohl.
      Der Film, den Du sicher kennst, hat m.E. (!) die völlig unterschiedliche Wahrnehmung/Schilderung eines Geschehens durch alle Beteiligten/Zuschauer zum Thema .

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    2. Thinkabout Artikelautor

      Ich glaube, dass dieses Bewusstsein für die unausgewogene Information schlicht deswegen heute viel grösser ist, weil wir grundsätzlich aus viel mehr Quellen wählen können – und somit selbst ständig vor dem Problem stehen, welche Motivation, welcher Ursprung und welche Absicht wirklich hinter einer Quelle steht.
      Und haben wir früher in der Funktion der Leitmedien eine Garantie gesehen, dass sie mithelfen, den kalten Krieg zu gewinnen, so sind sie uns heute suspekt – weil wir Leitmedien nun dazu verpflichten wollen, dass sie sich wirklich der objektiven Meinungsbildung verschreiben. Das funktioniert aber – nicht nur in der aussenpolitischen Berichterstattung – sehr schlecht.
      Und:
      Sich für Politik nicht zu interessieren, ist für mich nur dann nachvollziehbar, wenn man sich umgekehrt auch in keiner Weise und niemals über “die Gesellschaft”, “die Menschen” oder “die Wirtschaft” auslässt. Denn die Demokratie braucht den politischen Menschen. Sonst geht sie vor die Hunde. Und das ist in letzter Konsequenz nie die Schuld der Politiker, sondern von uns Bürgern, die wir uns solche Politiker gefallen lassen.

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      1. Gerhard

        Diesen Satz verstehe ich leider nicht:
        “Sich für Politik nicht zu interessieren, ist für mich nur dann nachvollziehbar, wenn man sich umgekehrt auch in keiner Weise und niemals über “die Gesellschaft”, “die Menschen” oder “die Wirtschaft” auslässt.”
        Was soll er heißen?
        Ich lese, zu Unrecht oder Recht, daß
        a) man gar nicht unpolitisch sein kann, wenn man sich über “die Gesellschaft”, “die Menschen” oder “die Wirtschaft” auslässt.
        b) Die Gesellschaft”, “die Menschen” oder “die Wirtschaft” als Thema berührt IMMER Politisches.
        :-)

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        1. Thinkabout Artikelautor

          ich meine einfach: wenn man sich an Aspekten unseres Gemeinschaftslebens reibt, mit etwas hadert, dann ist es sehr fatalistisch, sich nicht für Politik zu interessieren – denn darüber wird eben genau unsere Gemeinschaft mit bestimmt und gestaltet. Und weil das so ist und sich nicht beschäftigen mit so was auch eine Entscheidung ist, welche die Politik beeinflusst, sind wir mit unserer Haltung immer auch politisch:
          Das ganz konkrete Beispiel sind dann Wahlen, deren Ausgang nicht zuletzt mit dem Anteil der Wähler begründet wird, welche NICHT zur Wahl gegangen sind.

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          1. Gerhard

            Das ist klarer als der obige Satz. Danke!

            Ich stehe zu meiner Haltung, auch wenn sie nicht gerade hübsch aussieht, macht ja nichts.
            Vielleicht will ich mich einfach nicht frustrieren!

  2. ClaudiaBerlin

    NOCH NIE waren die Möglichkeiten, sich zu informieren, so groß und vielfältig wie heute!

    Man ist ja nicht nur auf “Leitmedien”, Partikular-Medien, Blogs und allerlei “alternative” Medien angewiesen, sondern kann auch einzelne Akteure, Personen, Unternehmen und Organisationen selbst konktakten! Und man kann ÜBER Quellen recherchieren…

    Klar gibt es allüberall interesse-geleitete Manipulationen, Schön- und Schlechtrederei, Fälschungen, Fakes, etc. Gleichzeitig gibt es Whistleblower, Leaks von recht verlässlichen Engagierten und vieles mehr, das eine Transparenz schafft, die so nie zuvor möglich war. Wenn “die Herrschenden” darauf reagieren, indem sie z.B. die TTIP-Verhandlungspapiere nurmehr im Lesesaal in Brüssel ausgewählten Personen zugänglich machen, zeigt die jeweilige Institution ihr hässliches, demokratiefeindliches Gesicht! Auch ein Effekt, denn es in dieser Deutlichkeit früher nicht gab.

    Alles kein Grund, zu verstummen! Als Bloggerin bin ich keineswegs zur “Objektivität” verpflichtet, sondern ich kann und will mich positionieren: Für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik, für mehr Demokratie und Mitbestimmung, für Frieden, Freiheit und vieles mehr, was mir wichtig ist.

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Das sind alles here Ziele und richtig verstandene Prinzipien der freien Meinungsäusserung. Dass die Freiheit der MeinungsBILDUNG in dieser unserer heutigen Neuzeit eher schwieriger als leichter geworden ist, will mir dennoch nicht leicht zu schlucken sein. Womit auch schon gesagt ist, dass ich Deinen ersten Satz eben gerade anzweifle.
      Die investigative Recherche mag ja theoretisch heute mehr Menschen offenstehen. Das Bild aber, das wir uns machen zuhanden jeder politischen Debatte, ist nicht davon geprägt, sondern von einer Vielfalt an Information, die in ihren Ursprüngen wohl nie mehr gesteuert war, als es heute der Fall ist.

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    1. ClaudiaBerlin

      Ich muss Abbitte leisten, denn ich fühle mich derzeit ebenfalls “verstummt”!! (Mache mir gleichwohl ein bisschen Sorgen um das Verstummen HIER). All dieser Hass – welche Worte könnten dem gerecht werden?

      Zum ersten Satz: eben die Vielfalt der Quellen, wie auch die Vielfalt der spürbaren Motive dahinter lässt mich denken, dass es noch nie so viele Möglichkeiten gab, sich zu informieren über das, was geschieht. Dabei wird allerdings das Gefühl der eigenen Ohnmacht immer größer. Gelegentlich kommentiere ich hier und da – auch dort, wo der Hass waltet in verschiedenen Farben. Die Abkehr von jeglichen Gepflogenheiten eines normalen Gesprächs ist dann doppelt frustrierend, man wird als Projektionsfläche für den Hass benutzt und mit Unterstellungen überzogen… ganz krass! Ich lass es dann lieber bleiben..

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      1. Thinkabout Artikelautor

        Ja, das Gefühl der eigenen Ohnmacht mag ein ehrliches sein, denn erstmals ist und die Vielfalt der Information, die Vielfalt der Meinungen und die Macht bewusst, welche der einen Information zur Beachtung und der anderen zur Diskreditierung gereichen soll. Und das grosse breite Angebot fürchtet schon das Marketing der Retailer – Wenn es dazu führt, dass die Kunden vor dem Regal statt zuzulangen verzweifelt überlegen, welche der fünfzig Nudelpackungen denn nun die richtigen für sie sein könnten?
        Unser Multitasking ist gewissermassen die Bankrotterklärung zur Informationsvielfalt. Wir lesen überall mit und saugen alles auf – um es dann gleich wieder zu vergessen, weil die nächste Information wartet.

        Mit dem Kommentieren geht es mir genau gleich. Leider auch mit dem Effekt, dass ich meinen eigenen zwei Kommentierern hier nicht gerecht werde, indem ihr viel zu lange auf Antworten warten müsst.

        Gewissermassen haben wir Beide wohl den Eindruck, nicht mehr als laue Luft erzeugen zu können – die von der rauhen Luft der Gleichmacherei, der Wut und des Hasses dann erst recht fortgespült wird.

        Es ist ein kurzer Weg zwischen dem Gedanken, dass jede Wortmeldung im Netz ihren Samen finden kann, also auch der gute, kontruktive Gedanke, und dem Eindruck, dass am Ende nichts bleibt als der Mob der Schreihälse und jene Art Grundstimmung, die sich dann wieder politisch nutzen lässt…

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  3. Relax-Senf

    Als ich im 2007 angefangen habe bei Facts Kommentare zu erstellen und als Folge “heiss und bissig” über die “richtige Sicht” zu streiten, war ich beeindruckt, dass das Verhältnis zu den Meinungsgegner gegenseitig immer so respektiert geblieben ist, dass das nächste Wortduell einfach wie die nächste Partie Schach angegengen wurde und wenn man mich mit guten Argumenten zu überzeugen vermag, lerne ich gerne dazu und ändere auch Mosaiksteinchen in meinem Weltbild.

    Das damalige Streiten als Lern- und Spassfaktor ist längstens der Ernüchterung gewichen, dass Blogger zwar immer die Meinungsfreiheit als unverzichtbares Gut preisen, aber die Grenzen dort festgemacht sind, wo jemand seine Sichtweise verteidigt. Argumente bleiben schnell aus und eine pauschale Verurteilung folgt. Nur wer seine Sicht dem schnell wechselnden Mainstream anpasst kommt relativ ungeschoren davon.

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