Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Von der Erfahrung

∞  1 März 2013, 13:59 Kommentare

Wir kennen das alle: Die Erfahrung, die abwinkt. Der junge Erwachsene, der in seinem Enthusiasmus belächelt wird, der Chef, der gar nicht richtig hinhört, weil er “weiss”, dass er es ganz sicher besser weiss, die Nachbarin, die auch “man weiss es ja” sagt, aber es ganz bestimmt nochmals hören will oder noch besser zur Sicherheit gleich selber nochmals sagt.

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Wir reden oft von der Erfahrung, auch von den eigens gemachten, und das Wort Erfahrung hat so was Absolutes, Autoritäres, als würde es eine Wahrheit benennen. Dabei ist sie nur eine Erinnerung an ein Leid, an einen Nasenstüber, an eine erfolgreiche Strategie, vielleicht eine Quintessenz aus dem Ratschluss an sich selbst, sich bestimmte Verletzungen nicht mehr zufügen lassen zu wollen.

Erfahrungen stehen den Illusionen im Weg, und das macht sie für Viele so wertvoll, obwohl sie doch eigentlich einen freiwilligen bis leichtfertigen Verzicht auf Vielfalt, auf neues Wagen, auf einen anderen Ausgang bedeutet. Worin sind wir denn erfahren? Kommen wir mit unserer Erfahrung jemals dort an, wo es sich wirklich lohnt, inne zu halten? Befriedet sie uns, diese Erfahrung, schenkt sie Gelassenheit, oder liegt darin mehr Wehmut, die in Resignation kippen könnte?

Wenn wir wissen, dass das Glück flüchtig ist, wenn wir ihm nachsteigen und dann plötzlich nicht mehr – wollen wir einfach nicht mehr enttäuscht werden oder machen wir die Erfahrungen der Vergangenheit zum wohltätigen, gutmeinenden Lehrer einer in sich ruhenden Gegenwart? Verändern wir wirklich die Bilder, die unser Leben prägen sollen? Oder begehen wir, Kraft unserer Erfahrung, nur Abschiede? “Einen Fehler nicht mehr machen zu müssen” – sagt noch nichts darüber aus, wie wir mit der Erfahrung des Fehlers umgegangen sind, seinerzeit, und heute mit der Erinnerung daran. Erfahrung für sich als Begriff benannt ist völlig wertfrei und subjektiv: Er bezeichnet ein persönliches Erleben und einen subjektiven gezogenen Schluss daraus – ob dieser richtig oder schlüssig ist – das kann nicht wirklich gesagt werden, mag der Erfahrene auf diese seine Erfahrung noch so entschieden hinweisen.

Wir erleben Brüche, Enttäuschungen, haben Erfolgsrezepte und Glücksmomente – wenn wir den nächsten Moment nicht mehr als neu erfahren können, ja es womöglich gar nicht mehr wollen, dann machen wir keine neuen Erfahrungen mehr. Und Erkenntnisse gewinnen wir erst recht nicht mehr.


Bittere Gebrechlichkeit

∞  24 Februar 2013, 20:13 Kommentare [3]

Krankheit. Gebrechlichkeit. Endlichkeit. Wo bleibt die Würde in unserem Leben, wenn unser letzter Akt ein langer ist?

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Ich bin nicht Pensionär. Doch hätte ich Kinder, könnten sie nun gut schon erwachsen sein – oder mich zumindest die Ansprüche lehren, die Junge, erwachsen Werdende heute ans Erwachsensein und also an die Erwachsenen stellen würden. Damit würde ich auch von junger Seite und nicht nur mittels meiner eigenen Perspektive daran erinnert, dass die Zeit, in der ich in Lohn und Brot stehe, eine näher rückende, fassbare Endzeit verkündet: Es treten die Brüche ins Leben. Es enden Dinge, Hochblüten verwelken, Kräfte schwinden, Gewicht tritt an die Stelle von Schwerelosigkeit, Selbstläufer werden zu Blindgängern:
Was Substanz versprach, verblasst, vergeht, verendet genau so wie die Dinge, die wir leichthin schon fahren gelassen haben.

Und Altersgenossen in meinen Jahren um die fünfzig werden bereits recht häufig in der Begleitung der Eltern mit einer uns absurd erscheinenden Laune des Lebens konfrontiert: Wir werden in der Begleitung der gebrechlich werdenden Mütter und Väter zu den jungen, starken Töchtern und Söhnen, die doch Trost versrpechen sollen, während wir uns selbst erschreckt fragen, nein sagen, wie nah doch uns selbst schon so mancher Verlust steht. Oder stehen mag.

So manches reiches Leben an seinem Ende zu begleiten, ist oft qualvoll – auch und gerade für den Begleiter, weil er mit ansieht, wie wenig Würde den Menschen bleiben kann, wenn sie die Zeichen ihres Erfolges nicht mehr ausfüllen können, wenn das Haus zu gross und das Auto zu schnell wird, wenn die Welt sich wandelt vor der Tür. So mancher, der “es geschafft hat”, verzweifelt an der letzten Aufgabe, die vielleicht die grösste ist:

Der Wunsch und der Stolz, “unabhängig” zu sein, niemandem “zur Last zu fallen”, bedingt, dass man sich am Ende gerade von Insignien der eigenen Bedeutung lösen kann, dass man allen Dingen einen wahren Wert zumessen kann, weil sie unerheblich werden dürfen. Ihnen nicht nachzutrauern, sondern Heiterkeit dafür zu entwickeln, dass man mit guten Erinnerungen etwas sein lassen kann – das ist die eigentliche Souveränität, welche zu erlangen einem im fortgeschrittenen Alter als letzte Aufgabe bleibt.

Das Glück trauert nicht. Es zieht weiter. Es empfindet dabei keine Schadenfreude.
Man darf darum trauern. Vielleicht kommt es wieder, für Momente, die erneut Zukunft werden, also müde.

Flacher atmen zu müssen, sitzen zu bleiben, wie es der Körper fordert – hat zwar immer etwas Bitteres. Man könnte sich endlos wo anders hindenken wollen. Aber das ist lächerlich, wütend, kindisch, so lange man den Segen nicht erkennt, der darin liegt, Sitzen und atmen zu dürfen. Denn es geht immer noch schlimmer, und wir wissen alle nicht, wie es kommen wird mit uns. Vielleicht haben es Menschen darum manchmal ganz leicht, uns zu verblüffen und zu beschämen: Wir betrauern ihren Kummer, ihre Einschränkung, ihr Elend, während sie uns zeigen, was SIE alles sehen, wie tief ihr Empfinden dort geht, wo ich nur grau sehe.

Was und wie von Leere reden, wenn sie einen nie angesprungen und verschlungen hat und man nie diese riesige mutige Arbeit leisten musste, in diese Leere hinein zu schauen? Vielleicht liegt die grösste Bitterkeit für Menschen, welche diese Herausforderung immer wieder annehmen, annehmen müssen, weil ihnen Körper und Geist diese Not aufzwingen, darin, dass wir ihnen nicht wirklich vermitteln können, wie hell das Licht sein kann, das sie dabei in sich tragen. Das Leben ist ein unerbittlicher Lehrer, wenn es will, dass ich “einfach” werde. Einfach bin. Und warum es die einen quält und andere mit einem Fingerschnippen von der Bettkante schubst? Ich weiss es nicht.

So lange ich aber den Morgen erlebe, geht es im Grunde immer darum, nichts wirklich zu brauchen.


Für Reisen die Bahn?

∞  23 Februar 2013, 21:24 Kommentare

Flugreisen in Europa bestehen oft aus einem kleinen Hüpfer und einem grossen Anlauf, viel Warten und einem Sicherheitsbrimborium, das nicht nur mir auf den Keks geht. Zum Glück lassen sich viele Destinationen auch bequem per Bahn erreichen – wobei die Bewegungsfreiheit und der Komfort oft ein echtes Kontrastprogramm darstellt – meistens zumindest.

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Meine Reisetätigkeit ist auf Deutschland und Holland ausgerichtet. Da bieten sich Bahnreisen an, ob per City Night Liner oder im Intercity. Die Vorteile fürs Gemüt und den eigenen Sinn für Bequemlichkeit sind enorm. Es lässt sich arbeiten, lesen, die Landschaft geniessen und damit verfolgen und miterleben, dass man und wo man gerade reist, und Bewegungsfreiheit hat man eh mehr. Hinzu kommen ungezwungenere Gespräche mit Mitreisenden – sofern sie nicht gerade Anspruch auf den gleichen Platz erheben, weil sie ihre Platzreservationskarte nicht richtig lesen können.

Hinzu kommen weitere Amusemantes, welche die Bahn unfreiwillig einstreut, wenn ich da an meine allerletzten Erfahrungen denke.

So fehlte letztmals im City Nighliner von Zürich nach Amsterdam schlicht der Speisewagen – er wäre kaputt. Das bedeutete: Ohne Abendessen, husch, husch, ins Bett, auch wenn man gar keinen Anlass zu dieser Strafe geboten hatte… Ich kann mir vorstellen, dass es da schon eine kleine Reihe von Fahrgästen gab, welche der verpassten Möglichkeit nachtrauerten, sich noch in der Bahnhofhalle was Zusätzliches zu essen – und vor allem zu trinken zu kaufen.

Letztes Wochenende wollte ich eigentlich auf der Fahrt nach Frankfurt im Speisewagen frühstücken, da ich damit dann wunderbar über den Messetag gekommen wäre. Im erstaunlicherweise fast leeren Wagon fand ich ein wunderschönes Plätzchen und studierte die verschiedenen kombinierten Frühstücksvarianten zu durchwegs vernünftigen Preisen. Ich wunderte mich zwar über das alternative Angebot eines Käsesandwichs samt Kaffee zum Kombipreis. Zum Frühstück? Etwas schräg fand ich das schon, und stellte mir die lappigen Salatblätter auf der Zunge dabei lieber nicht vor.

Dann erfuhr ich von der freundlichen Kellnerin, dass die Frühstücksangebote leider ausgegangen wären – bis auf eines. Das Käsesandwich… Bitte? Es war acht Uhr morgens und der Intercity hatte seine Reise gerade eben begonnen…

Und als ich am Mittwoch aus Frankfurt zurück reiste, mit reserviertem Sitzplatz in Wagon 1, betrat ich eine Zugkombination, wie ich sie noch nie gesehen hatte – der Wagen atmete den Charme wirklich längst vergangener Zeiten, die Sitzpolster waren so durchgedrückt, dass man wie in Ohrensesseln versank, und die Rohrgestelle der Ablagen ächzten mit dem Fahrgestell in jeder Kurve. Meine reservierte Platznummer gab es in dem Abteil gar nicht, aber es waren eh überhaupt keine Reservationen vorgemerkt. Entsprechend kam die Ansage über Lautsprecher: Willkommen im Intercity-Ersatzzug nach Basel. Diesmal war also eine ganze Zukkombination ausgefallen, und obwohl pünktlich angekommen, verzögerte sich die Abreise um zwanzig Minuten – was allerdings bis Basel wieder wettgemacht wurde.

Nun dürfte ich das ja nicht wirlich laut sagen: Diese kleinen Kalamitäten werden mich nicht dazu bringen, mehr zu fliegen. Ich hasse dieses Puff rund um die Sicherheitskontrollen und die lange Warterei auf den Flughäfen immer mehr. Und ich schüttle den Kopf über die Tendenz der Fluggesellschaften, Flüge prinzipiell zu überbuchen und dann Passagiere zu werben, die gegen einen Zustupf bereit sind, eine Nacht länger in der Stadt zu bleiben.

Nein, ich ärgere mich einfach, dass die Bahn ihre Chancen auf zusätzliche Marktanteile nicht besser nutzt und die bei Reisen in Zentraleuropa nur wenig längere Reisezeit nicht mit einem rundum stimmigen Angebot kompensiert – so dass die Alternative einer Bahnreise wirklich noch viel mehr stechen könnte – mit Vorteilen auch für die Umwelt.


Halle 10, Ambiente: Besuch in Asien.

∞  21 Februar 2013, 19:14 Kommentare

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Haushaltwarenmesse Ambiente in Frankfurt – ich nehme mir am letzten Tag die Zeit, mir die asiatische Halle näher anzusehen. Die Konkurrenz aus Fernost ist mittlwerweile Alltag, Handelspartner aus diesem Raum auch. Also rein ins Ghetto – denn irgendwie ist die Halle 10 ein solches:

Draussen schneit’s. Ein nasskalter Tag in Frankfurt. Ich kann beim Wechsel der Stockwerke oder beim Vorbeigehen an den Verpflegungspunkten immer wieder an einem Fenster stehend einen Blick nach draussen werfen. Ich blicke auf ein fast menschenleeres Aussengelände. Wer die grosse freie Fläche überqueren muss, hat den Mantelkragen hoch geschlagen und stapft eilig vorbei, wie ein Flamingo mit eingezogenem Kopf, während mich hier drinnen der Duft von Räucherstäbchen umgibt. Ausserdem ist Mittagszeit und damit Essenszeit. Eine Verpflegungsecke der Messeorganisation hat offensichtlich nicht das richtige Angebot in der Auslage: Die panierten deutschen Schnitzel und Wurstwaren gleissen unter gelben Strahlern fettig vor sich hin, während sich an jedem Stand müde Köpfe – es ist der letzte Messetag – über asiatische Nudelgerichte beugen, die ein pfiffiger Dienstleister ofenwarm in Styroporpacks anbietet – um anschliessend die leeren Packungen wieder einzusammeln – auf dass kein deutscher Ordnungssinn Anstand nehme und Grund böte, das blendende Geschäft zu unterbinden.

Die Stände sind etwas geordneter als in den letzten Jahren, und durch die Mitten der Hallen lässt sich schon fast flanieren. Die Menschen, von denen wohl viele noch nie Schnee gesehen haben, tragen meist Jacken und frieren bei für mich hier drinnen angenehmen Temperaturen still ein wenig vor sich hin. Es ist gut zu erkennen, wer sich auch umgekehrt geschäftlich schon bestens auf europäische Gepflogenheiten eingestellt hat – doch auch die Messebesucher in dieser Halle sind speziell. Nirgends sitzen sie Anzüge der Europäer so schlecht, laufen Gestalten durch die Gänge, die direkt aus einem Ashram zu kommen scheinen und dsikutieren langbärtige Männer mit faltigen Gesichtern mit Standpersonal, als ginge es hier um philosophische Fragen rund um die Wiedergeburt, und nicht ums Geschäft. Ein älterer deutscher Angstellter einer ausstellenden Firma fällt mir auf – ich kreuze seinen Weg in jedem Besuchergang erneut, wir “scannen” gewissermassen das Angebot, und jedesmal wirkt er etwas verlorener auf mich. Seine Hosen sind zu kurz, seine Schuhe zu grob, die Ärmel des grauen Anzugs zu lang, und unter dem Jacket ragt ein absurd kanariengelb leuchtendes Gilet hervor, aus einem Stoff, der wie Pappe steif gen Boden zeigt. Trotzdem oder gerade deswegen wirkt sein Gesicht grau und es ist nichts in diesem Gesicht, das man sich merken und das man danach beschreiben könnte.

Dann stehe ich vor einer Glasscheibe, dahinter wieder ein Restaurant, wie es scheint, sehr dunkel. An der Tür ein aufgeklebter Zettel: HALAL. Im Eingangsraum viele bärtige Männer, schon wieder, aber nun von anderem Typus, und in einer Ecke eine offene Tür zu einem behelfsmässigen, lichtdurchfluteten Gebetsraum.

Ich trete zurück in den Messegang, laufe vorbei an ungezählten Ständen, in denen einzelne Angestellte mit leeren Stühlen auf Kundschaft warten. Die Blicke sind leer. Die Menschen warten (nicht anders als wir es tun), am gedehnten langen letzten Messetag auf das Ende. Aber das Vertraute, das Daheim ist ganz augenscheinlich viel weiter weg. Und doch ist eines ganz ähnlich wie in allen anderen Hallen: Diejenigen Menschen, denen Verkaufen im Blut liegt, erkennt man auch hier sehr gut. Sie fallen einfach auf.

Dann liegt er vor mir: der zentrale Stand auf der zweiten Ebene der Halle. Er ist über und über vollgestopft mit – Nikoläusen in allen Grössen, Formen und Materialien. Und mitten drin hocken drei Chinesen und checken die mögliche Kundschaft mit Argusaugen. An den Aufbauten des Messestandes ist gleich an drei Orten ein Symbolbild fest getackert:

FOTOGRAFIEREN VERBOTEN.

Ausgerechnet.



Vor einer Kehrtwende

∞  16 Februar 2013, 16:21 Kommentare [1]

Sorge, Verwunderung, Empörung. Auf Dauer ist das vielleicht Legitimation, aber zuwenig Ausweis, um über politische Themen zu schreiben. Es ist Zeit, mich nach und nach zurück zu nehmen, und der wirklich eigenen Welt mehr Raum zu geben. Was mich wirklich betrifft, ist meist weniger, als das, was mich beschäftigt. Darin kann auch ein Schlüssel liegen.

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Ich bin in den letzten Monaten in meinem Bemühen, hier täglich etwas Neues zu schreiben, kaum je an politischen oder zumindest gesellschaftlichen Themen vorbei gekommen. Dabei kommen mir zwei Phänomene in die Quere:

Durch die Mitarbeit an einem Nachrichtenportal beschäftige ich mich zwangsläufig stärker mit dem täglichen politischen Geschehen. Nun, ein Nachrichtenjunkie war ich schon immer, aber nun gibt es für das Vergraben in die politischen Wirren des Tages auch noch einen qualifizierten Grund. Hinzu kommt ein Phänomen, das wohl viele Teilzeitarbeitenden kennen: Ersäuft man sich nicht selbst in einem Job, der einen bis ins letzte Mark fordert, kann man ins Nachdenken kommen. Es ist mehr Zeit vorhanden, in denen die Gedanken etwas Gelesenem nachhängen können. Es braucht gar nicht die bewusste Auseinandersetzung damit – es reicht schon, mit dem Kopf nicht ständig in Sachzwängen zu stecken, die jede Aufmerksamkeit fordern. Es genügt, sich einzugestehen, dass man über etwas Zeit verfügt – und schon kann man ins Grübeln kommen über all die Baustellen, die wir verursacht haben, und die brach liegen, oder in denen wir herum fuhrwerken wie jemand, der bei einer Schaufel nicht weiss, was vorn und hinten ist.

Was also tun? Nun, ich habe mich entschieden, mich zukünftig bei politischen Diskussionen bewusst zurück zu halten. All zu oft ist der Drang zum Schreiben zwar eine ehrliche Sorge, aber dahinter steckt kein qualifiziertes Wissen. Das Recht zur Empörung ist redlich, aber ein Blog wird dadurch zum Jammertal eines Pessimisten – wer will das auf Dauer lesen?
Es ist daher wohl besser, zu solchen Themen auf spezifischen Polit-Blogs die Diskussionen zu verfolgen – und sich daran allenfalls zu beteiligen.

Hinzu kommt eine kleine Lebensweisheit, die für uns alle gilt: Wir können täglich uns informiert halten über den Gang der Welt, aber wirklich was bewirken, verändern, uns auch nur schon Meinungen bilden über Mensch und Umwelt – dafür sollten unserek konkreten eigenen Erfahrungen herhalten, unser Alltag, das physische und gefühlsmässige Erleben. Unser aller Welt ist im Kleinen schon so riesig reich, dass darin auch ein Trost liegt: Wir können mit dem sorgsamen Umgang mit unseren Nächsten und der Welt, in der wir selbst leben, diese Welt ein bisschen wärmer machen. Wir können ihr auch unsere positive Energie und durchaus auch Optimismus schenken und auf sie einwirken, wenn wir den Hochmut verlieren, zu meinen, wir müssten irgendwen ausserhalb unserer wirklichen Welt von irgend etwas überzeugen:

Es hat sehr viel mehr mit Ihrem Leben zu tun, wenn ich Ihnen Gedanken zu meinem eigenen Leben offen lege. Es lässt sich mehr damit anfangen, einen Gedanken zum eigenen Feierabend zu teilen, als Gedanken über Obamas Kampf mit den Reps breit zu treten – um mal zwei Extreme mit einander zu vergleichen.

Natürlich bin ich auch, wie wir alle, ein politischer Mensch, und mein Bewusstsein dafür bleibt ausgeprägt. Es darf sich aber bestimmt mehr darin erschöpfen, dass ich hier auf entsprechende Berichterstattungen einfach verweise, mich mit Kommentaren aber bewusst kurz halte. Werde ich breiter, liegt meine Kompetenz oft nur noch in der Empörung. Das macht nicht nur Sie als Leser müde. Mir geht es genau so.

Und in letzter Konsequenz bedeutet das auch, dass ich mich der selbst auferlegten Regel, täglich zu schreiben, zu entziehen versuche: Ist an einem Tag etwas Leere in mir, darf ich mich mit ihr beschäftigen, darf mehr aufnehmen, statt zu produzieren. Ich möchte also auch wieder mehr lesen, in allem freier werden und die wirklich eigenen Gedanken zu Ihnen, mir, Mann und Frau, dem Leben, fliessen lassen. Es gibt dieses Blog nun seit achteinhalb Jahren. Es hat treue Begleiter, aber es muss sich und mir nichts beweisen. Es ist ein Teil von mir, und mit mir wandelt es sich.

Ich bin älter geworden. Mancher Idealismus hat Brüche erlitten. Mein Glaube an unsere innere Kraft, genügend Weisheit, die Wandelbarkeit und Erneuerbarkeit der Menschheit, hat gelitten. Vielleicht war er gar nie da, hat er einfach Prüfungen nicht bestanden. Vielleicht liegt dahinter auch einfach die Ahnung, dass auch mit ein wenig Distanz und allem spirituellen Trost, den ich kenne, meine Gelassenheit nicht ausreicht, den Zeithorizont für diese Wandelbarkeit und Erneuerung weit genug zu spannen: Was sterben muss, um Neues entstehen lassen zu können, lässt sich einfach mehr Zeit, als meine Ungeduld ertragen will.

Woran ich aber glaube, ist an den täglich möglichen Trost durch Menschen, die Begleiter sind, die Gedanken zu Leben und Tod teilen mögen, die nicht klammern, aber fragen, die raten und sorgen, aber nichts für mich besorgen wollen, die Freiheit ertragen, sie suchen – aber auch mit Inhalten füllen wollen. Ich verzweifle nie an der Schwäche des Einzelnen, versuche auch, die meinen zu verstehen, ohne die Arbeit an ihnen aufzugeben. Ich erkenne im liebevollen, freundschaftlichen Umgang mit nahen Menschen Trost und Kraft – denn tatsächlich dürfen wir jeden Tag versuchen, unsere Welt wärmer und heller zu machen. Genau so, wie ich vor achteinhalb Jahren als Thinkabout angetreten bin.

Und so wird sich auch dieser Teil meiner Welt weiter drehen. Zum Glück.



Convenience meint nur Geschmack auf die Schnelle, nicht Gehalt

∞  14 Februar 2013, 19:07 Kommentare [3]

Lebensmittelskandale verstören schon nur deshalb, weil sie überhaupt passieren können. Der eigentliche Skandal aber ist unser Umgang damit.

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Wie gross aufgemacht sind doch jeweils die Vertrauen erweckenden Berichte und internen Weisungen über Social Compliance, über alle möglichen Vereinbarungen des Detailhandels mit Lieferanten, über Standards aller erdenklichen Formen von Nachhaltigkeit, die einzuhalten seien, über die Rückverfolgbarkeit von industriell verarbeiteten Bestandteilen bis zur Erstverarbeitung von Rohstoffen. Und dann das:

Es wäre sehr schwierig, heisst es, bei Convenience-Food zu eruieren, an welchem Punkt der Entstehungskette des Produkts geschlampt oder bewusst betrogen worden sei. Wir nehmen dann teil an der Odyssee einer Lasagne durch halb Europa, reisen mit ihr nach Rumänien, vielleicht nach Süden und dann wieder zurück, während man in Frankreich ausrechnet, was das kostet und was man daran verdienen kann… Und das ist auch hier ganz offensichtlich nie genug:

Essen müssen wir jeden Tag. Ein Traum für jeden Marketingfreak, der sich vorstellt, wie er diese hungrigen Mäuler Tag für Tag stopfen und seine Margen optimieren kann… Convenience-Food ist dabei jener Teil unserer Nahrungsmittel, der eh schon fünf bis zehnmal mehr kostet, als wenn wir uns die Mühe machen würden, uns das Futter selbst zuzubereiten…

Es ist also kaum möglich, die Schlawiner ausfindig zu machen? Na, es geht ja auch nur um unsere Ernährung, und Convenience bedeutet ja nicht etwa Magenverträglichkeit, sondern nur Verzehr ohne Aufwand. Und darauf stehen wir.

Jetzt heulen wir auf, aber wie lange geht es, bis wir das nächste Mal meinen, es lohne sich nicht, die Küche in Betrieb zu nehmen? Futtern muss schnell gehen, Geschmacksverstärker sind willkommen.

Eigentlich möchte man aufschreien, aber im Grunde ist es folgerichtig, es passt zu unserer Degeneration: Die Strafen für Verursacher von Lebensmittelskandalen sind lächerlich gering, die Chancen auf riesige Gewinne dafür enorm gross.

Wir kriegen, was wir verdienen.



Winterblues

∞  10 Februar 2013, 20:38 Kommentare

10 Min Schreiben für zwei Minuten Lesen

Normalerweise hat man als Flachländer im Winter den Blues. Es fehlt die Bedrohung, die mächtige Kraft der Natur, der schwere Schnee auf dem Schieferdach – und der eingeschneite Wegbegrenzungspfahl am Strassenrand.
Dafür bekommt man als Städter ein undefinierbares Gemisch von Matsch, Kälte, Personen in Bussen, die niessen und einen an der Grippe teilhaben lassen, noch mehr sinnlosen Talk übers Wetter und mindestens fünf voreilige Ankündigungen des nahen Frühlings, bevor der nächste Kälteeinbruch obige Erfahrungen erneut abrufbar macht.

Doch dieses Jahr ist irgendwie alles anders.
Wir haben Schnee. Schnee und nochmals Schnee. Normalerweise sind 30 Tage mit Schnee schon sehr viel. Mit liegen bleibendem Schnee. Dieses Jahr pegelt sich das Thermometer knapp unterhalb der Regenfallgrenze ein, so dass uns der Schnee erhalten bleibt. Und nun also Eistage. Erst wollte ich sie nicht haben. Ich mag es nicht kalt. Doch nun geniesse ich es. Weil der Schnee auf den Bäumen gefriert, haben wir nun eine verschneite Winterlandschaft, wie sie sonst nur in Bergdörfern anzutreffen ist.

Es liegt nicht einfach Schnee im Vorbeigehen auf Dächern, Zinnen und Ästen. Er malt eine Landschaft, er lässt Zeit nicht nur für ein schnelles Foto, sondern für eine Staffelei. Dafür ist zwar auch nicht Zeit, ich weiss, aber selbst das Schneeschippen macht keine Mühe. Denn: Es ist erstaunlich selten nötig. Oder dann ist der Schnee nicht schwer, sondern flockig und recht trocken.
Da nehme ich sogar in Kauf, dass der Pflug regelmässig dann vorbei kommt, wenn ich eben die Garageneinfahrt geschippt habe.
Selbst der Nachbarin amüsiere ich mich darüber.

Es ist einer dieser Winter, die einen lehren: Es ist schön, vier Jahreszeiten zu haben. Es ist schön, neben der Vorfreude auf wärmere Tage den Augenblick zu geniessen und sich das Wetter nicht anders zu wünschen.

Fahren Sie sorgsam, aber geniessen Sie es auch, dazu angehalten zu werden, weil das schöne Leben eben auch lebensgefährlich ist. Mindestens im Ansatz daran erinnert zu werden, das schadet gar nichts, im Gegenteil. Es macht lebendig. In vier Sprachen übers Jahr verteilt.

Winterblues? Wintermärchen! In einer fortwährend wahren Fortsetzungsgeschichte.

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Dieser Text ist in 10 Min für meine Webseite Schreiblust auf Stichworte entstanden – und hier geringfügig verfeinert worden (einige Fehlerkorrekturen, Satzstellungen).
Leider greife ich viel zu selten auf dieses Format zurück, dabei liesse sich daraus bestimmt viel mehr machen.


Alte Männer und die Küche: Ein Minenfeld

∞  7 Februar 2013, 19:26 Kommentare [2]

Heute Kaufberatung im Supermarkt. Ich weiss jetzt nur nicht so recht, ob ich da wirklich einen guten Job gemacht habe…

An der Kasse steht vor mir ein alter Mann, der seine Einkäufe fein säuberlich aufs Band gelegt hat. Die Käsefondue-Mischung eines bekannten Herstellers und zwei, drei Joghurts. Bevor der junge Mann mit tippen beginnen kann, zeigt der Mann mit knorpeligen Fingern aufs Förderband und fragt:
Können Sie mir sagen, ob ich damit alles habe, was ich für ein Fondue brauche?

Der junge Mann ist mehr als überfordert und ich versuche zu helfen. “Na, etwas extra Käse kann ja vielleicht nicht schaden, und Knoblauch ist immer gut. Fehlt noch Weisswein.”
“Hab ich zuhause in Mengen”, strahlt er mich fröhlich an.
Der Junge ruft “Kirsch!” und will hinter sich ins Regal greifen.
“Hab ich auuuch”. Jetzt ist der Alte noch vergnügter.

Der alte Mann packt seine Waren zusammen, erklärt, er würde erstmals hier einkaufen, die Rabattmärklein schenkt er mir, als würde er bestimmt kein zweites Mal kommen. Früher hätte er im Altersheim “da vorn” gewohnt. Und jetzt? Ich komme nicht zum Fragen. Er stapft davon zu einem Auto vor dem Laden, stützt sich dabei auf den Einkaufswagen, als wär’s ein Rollator. Ich finde es eine gute Idee, vor dem Mann aus dem Parkplatz zu fahren und beeile mich. Zuhause frage ich mich mit Thinkabouts Wife zusammen:

Was, wenn der Mann nicht die Käsemischung, sonder das Fertigfondue auf dem Förderband hatte? Dann braucht er ja alle anderen Zutaten nicht. Aber vielleicht weiss er ja schon, dass das einfach nicht richtig gut schmeckt und will das Ganze ein wenig pfeffern. Ob der Extra-Käse dann allerdings bindet?…

Jetzt muss ich an den Alten gestern beim Einkaufen denken, der zwei ebenfalls betagten Nachbarinnen von seinem Wirken in der Küche erzählte und stolz meinte, die Schnitzel mit Rahmnüdeli gestern wären jedenfalls lecker gewesen… Dabei wirkte er so, als hätte auch er zum ersten Mal einen Kochlöffel geschwungen – und sei es auch nur, um die Packung aufzuschneiden…

Die Einsamkeit des Alters ist oft auch eine Überforderung mit dem Alltag. Daraus entstehen Ankedoten, aber irgendwie hören sie sich alle bittersüss an.



EDV und IT - der Blutkreislauf der Unternehmen

∞  17 Januar 2013, 18:06 Kommentare [1]


Foto: Lookabout


Computer sind eine feine Sache. Sie automatisieren Abläufe und entlasten Menschen von Routinearbeiten. Dies die positive offizielle Verlautbarung. In der Praxis bedeutet diese Automatisierung, die als Rationalisierung richtig lohnend wird, dass beim Auftreten von Fehlern mit einem Wust von Falschergebnissen umgegangen werden muss. Wie das geschieht, sollte uns nachdenklich stimmen.

Haben Sie einen Schadenfall durch die Automatisation, so werden die Systeme je länger je weniger ausgesetzt (denn das ist viel teurer und verursacht direkt auf Erfolgsrechnungen schlagende Kosten). Stattdessen wird am System so lange herum gepröbelt, bis der Fehler behoben ist. In der Zwischenzeit wird die anhaltend unbefriedigende Situation in Kauf genommen, der Kunde verärgert, die Retoure pauschal akzeptiert und Waren ersetzt, Dienstleistungen gratis erbracht, etc.

Mit Material und Energie wird leichthin verschwenderisch umgegangen, denn entsprechende Ökobilanzen schlagen nicht auf Betriebsrechnungen. Und praktisch jede Rechnung, die wir heute bekommen, ist auf Gedeih und Verderb vom Zahlungssystem und der entsprechenden EDV abhängig, genau so wie das Bestellwesen und alle anderen Verkaufshandlungen. Was es für einen Eindruck macht, wenn in diesen Systemen der Wurm sitzt, konnte ich heute an zwei Beispielen selbst als Betroffener erfahren.

Erst einmal habe ich bei meinem Fotodienstleister ein weiteres Produkt bestellt. Und die Firma schafft es doch tatsächlich, mir in der vierten Lieferung innert eines halben Jahres zum vierten Mal falsch oder zumindest unzureichend zu liefern. Diesmal kriege ich Ware und Rechnung nicht doppel, die Rechnung stimmt auch mit der Menge überein, die Auftragsnummer ist sogar wie auf der Auftragsbestätigung per Mail – aber diesmal halte ich ein falsches Produkt in Händen: Falsches Format, falsche Sprache, schöne Bilder: Nur sind es nicht meine. Und ich kann kombinieren, dass sowohl ich wie der unbekannte Kunde, dessen Produkt ich in Händen habe, keine Chancen haben werden, die richtige Ware zu bekommen. Es sei denn, sie wurde 1:1 vertauscht und wir senden sie beide zeitnah zurück. Dann müsste das im Betrieb noch jemandem auffallen, dass zweimal eine Zuordnung per Computer willkürlich falsch ist und – kombiniere – die beiden Fehler mit einander zu tun haben. Und natürlich nimmt hier ein Mensch die Reklamation der Kunden entgegen, und da ist die Stresstoleranz doch sehr unterschiedlich. Ich soll einfach zurückschicken, “dann werde man sich um alles kümmern”, und ich hätte nun halt eben “einfach viermal Pech gehabt”. Das könne bei der Menge an Bestellungen, die verarbeitet würden, schon mal vorkommen.

Man kann auch zuviel sagen und den Kunden wegreden. Ich weiss ja, dass die Firma ein grundlegendes Problem mit der Auftragserfassungs- und -verarbeitungssoftware hat – und das droht wohl so langsam aber sicher ans Eingemachte zu gehen.

Weiter hat ein grosses Schweizer Verlagshaus mir heute eine Zahlungserinnerung geschickt – für ein Geschenkabonnement einer Zeitschrift im Jahre 2009. Als ich die Firma anrufe, ist die Dame schon im Bild – er würde sich um einen Softwarefehler handeln. Immerhin stimmt hier die Chronologie: Ich hatte 2008 das Abonnement gekündigt (dass ich das Schreiben noch fand, grenzt an ein Wunder). Ich wäre nicht der Einzige, wie ich mir leicht denken kann, der anrufe.

Im zweiten Fall ist der Vorfall peinlich und befremdet einen ans Betroffener, Fehler und Grundangebot der Firma stehen aber nicht im direkten Zusammenhang und die Konkurrenzsituation ist auch nicht so, dass man deswegen Erzeugnisse des Verlages leicht gegen andere austauschen würde.

Im Fall der Fotoservice-Firma sieht das anders aus. Da ist unheimlich viel schief gewickelt, und ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die Angestellten sich mit den Kunden fragen, wie das wohl weiter gehen soll? Firmen sind heute auf Gedeih und Verderb auf eine funktionierende Software-Struktur angewiesen, und ein grundlegendes Problem in diesem Fall, oder eine aus dem Ruder laufende Investition in eine neue Softwareumgebung können auch grossen Unternehmen das Genick brechen. Also kein Vorwurf an die eine Dame, die unter einem grossen Druck stehen dürfte.

Stattdessen die abschliessende Bemerkung: Wenn solche Probleme auftauchen, dass ist am Ende wieder der Mensch gefragt – wenn auch nur im Bestreben, den Ärger auf Kundenseite abschwächen zu können. Alles andere als ein Schoggi-Job, aber extrem wichtig. Denn letztes Mal, bei Fehler Nummer drei, bin ich der Fotoservice-Firma treu geblieben, und das hatte massgeblich mit der Reklamationsbearbeitung am Telefon zu tun. Ob das nach diesem Fall vier genau so bei mir sein wird, vermag ich noch nicht zu sagen…

Soldat in der Falle

∞  15 Januar 2013, 19:43 Kommentare

istockphoto.com/eyecrave

Man stelle sich vor: Die Protagonisten zweier gegnerischer Staaten empfänden es beide als persönliche Niederlage, sobald ein Schuss fällt. Weil sie den Blick vor der Absurdität des Krieges nicht verschliessen können, weil sie die grösste Schwierigkeit haben, Müttern ihre Männer zu nehmen, die selbst noch mehr Kinder sind und traumatisiert werden, bevor sie in irgend einem zivilen Betätigungsfeld eine Identität gewinnen könnten.

Aber es wird Krieg geführt. Es sterben täglich Kinder, Frauen, Unbeteiligte, es werden stündlich neue Traumatas geschaffen, unauslöschliche Brandmale in wunde Seelen gedrückt. Und jene, die töten, sind immer auch Opfer, entmenschlicht, blind, rasend, mit einem Tunnelblick, der einfach das Überleben sichern soll, dass man irgendwann, da vorn, wieder mit dem Leben anfängt – bis auch dieser Glaube schwindet und die Wände des Tunnels allgegenwärtig sind und enger werden.

Im letzten Jahr haben mehr amerikanische Soldaten Selbstmord begangen, als in Afghanistan gefallen sind. Das Kriegshandwerk ist ein absurdes, und die Rollenverhalten sind es oft auch. Wer Krieg führen muss, ist immer ein Verlierer.
Aber es ist uns viel zu wenig bewusst, wir schieben es schnell mal weg, denn, Gott sei Dank, führen andere Nationen “unsere” Kriege. Ja, davon gibt es immer wieder welche. Der Moralfinger ist oft von verlogenem Charakter, denn es ist uns allen wohl angenehmer, über die amerikanische Dekadenz zu lästern, als gegen das von mir aus objektiv gesehen noch so absurde (aber doch schleichend wirksame) Gefühl einer fremden Bedrohung. Und selbst das Öl, für das die bösen Amerikaner morden, verbrauchen wir gern weiter möglichst gedankenlos, weil es ja, eben, weiter fliesst.

Erst allmählich beginnen Staatengemeinschaften die letzte Verantwortung selbst zu tragen und in Lybien und andernorts auch solche Lasten zu teilen – wenn es dann keine Auswege mehr gibt. Es wäre zu schön, das könnte Schule machen… Aber je vielfältiger unsere Probleme werden, um so absurder das Aggressionspotential, das scheinbar wie durch ein Ventil entweichen muss, auf Inseln im südchinesischen Meer oder im schwelenden Grenzkonflikt zwischen Pakistan und Indien, etc. etc.

Der wichtigste Indikator aber, um wieder zum Soldaten zurück zu kommen, diesem im Grunde so schwachen Puzzleteil im Ganzen, dieser Manövriermasse im manipulativen Spiel: Wie geht ein Land mit seinen Veteranen um? Mies, ich weiss. Und auch dies ist in allen Ländern das Gleiche: Die Soldaten, die als Opfer erkennbar werden, rühren an ein Gewissen, das man vergessen will. Und es ist deren Elend, dass dies den Gesellschaften so gut gelingt.


älter