Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer. Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das Wunder Technik für den Menschen

∞  26 Juli 2010, 19:21 Kommentare [1]

Fotos sind in der heutigen digitalen Technik ein Kinderspiel geworden. Vor allem ist es kein Problem, Masse herzustellen. Für kein Geld der Welt können hunderte von Fotos gemacht werden. Zumindest bis zur Verwertung auf Papier kostet das Hobby, ist die Ausrüstung mal beschafft, nur noch eines: Zeit.




Auch der Datenträger, auf dem die Bilder abgespeichert werden, ist heute immer billiger zu haben. Für uns, die wir mit dieser Technik aufgewachsen sind – oder sie zumindest in jungen Jahren adaptierten, ist das alles eine vertraute Tatsache. Für ältere Menschen bleibt es Zauberei. Manchmal wünschte ich mir, diese Faszination, dieses Gefühl, ein Wunder der Technik zu nutzen, wäre mir näher. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der wir es nützen, nutzt das Wunder irgendwie ab.
Wie lange ist es her, dass ich gestaunt habe darüber, wie ein Fax aus einer Kiste flutschte?
Deswegen geniesse ich es sehr, wenn ich einem Menschen dank eines solchen Wunders ein Stück Freude schenken kann. Wenn ich also im Club Fotos mache und danach jemanden per Mail oder Daten-CD oder mit einem Print kurzfristig mit den Resultaten überraschen kann, dann ist es oft herrlich, die Reaktionen zu erleben. Und ein wenig beschämt es mich auch oft, siehe oben, wie selbstverständlich ich selbst die Dinge nehme (während mir an anderen Fronten die aktuelle Entwicklung der Technik selbst entgleitet – zum Glück muss ich, z.B., keinen Fernseher kaufen, ich müsste angelernt werden und wohl einen Crashkurs besuchen…).
Also: Es ist toll, dass man überhaupt fotografieren kann. Und es ist noch toller, wie autonom es heute möglich ist, Fotos nicht nur zu machen, sondern sie auch zu verarbeiten. Hier hat sich jedem ein bisschen interessierten Anwender mittlerweile ein riesiges Feld an Möglichkeiten erschlossen. Dabei bleibt für einmal der Mensch im Zentrum und seine Freude am Erleben von Technik. Wie mir die dann gezeigt wird, ist das schönste daran – und macht auch diese Technik erst menschlich.




Lesereise mit Selbstreflexen eines Bloggers

∞  25 Juli 2010, 21:52 Kommentare

Was für eine Lesereise heute, bei der ich lesend reiste, mit Kopf- und Lustgedanken kreiste, ums Schreiben immer wieder – und über meine eigene Art zu lesen.
Was irgendwie zuammen gehört.
Von Thomas Mann, einmal mehr, diesem mühsam Beherrschten, der andere beherrschte, wohl beherrschen musste, zwanghaft seine Zwänge übertragend – und auf seinem Wegrand Selbstmorde wie Stacheldrahtdornen anhäufte – und von einem georgischen Schriftsteller, der vierzig Jahre nur für die Schublade schreiben konnte oder wollte, vom russischen Geheimdienst wohl gefoltert, auf jeden Fall entführt, der Vater ermordet, er verschwunden hinter dem Vorhang, sichtbaren und unsichtbaren, und nun also schreibt, wie immer, aber auch, wieder im Westen, veröffentlicht, und dessen Werk und Haltung ein Kritiker so beschreibt:
“Seine unbedingt humane Haltung zur Welt.”

Und so raisonniere ich über den Umstand, dass hinter einem grossen Werk kein grosser, oder zumindest guter Mensch stehen muss, was auch immer das sein mag, und dass die Zerrissenheit einer Seele sich in Figuren widerspiegeln kann, so dass wir Teile davon in uns selbst erkennen. Egal wer schreibt, es bin immer ich, der liest.
Liegt darin die innerste Kraft eines Textes? Dass ich in mir selbst zu lesen beginne, dass er wie der Schlüssel zu einem Schloss passt, mit dem ich mich selbst öffne, einfach so, für mich?

Warum ist jemand ein Ekel? Warum bleibt jemand trotz aller Widerwärtigkeiten ein Menschenfreund? Warum lächle ich mein Unglück an oder belle ich mein Glück zum Teufel?

Warum bin ich ehrlich oder nicht, schreibe ich mich weg oder frei oder in Kreisen, aus denen es kein Entrinnen gibt? Darum, weil ich der Mensch bin, der ich bin. Es ist wahrhaftig, wenn ich den Frieden beschreibe, dem ich begegnet bin, aber auch, wenn ich eine Sehnsucht beschreibe, die ich vielleicht verkläre. Aber es ist meine Sehnsucht, mein Irrtum, mein Mangel, mein…
Worte haben eine unwahrscheinliche Kraft. Im Fall der Familie Mann haben sie uns Lesern Weltliteratur beschert, den Nächsten aber so manches Gefängnis mit gebaut. Eine Familie voller Urgewalten und Widersprüche, voller Zerrissenheiten. Wir aber kennen den Zauberberg, zum Beispiel, und klimmen über unsere eigenen Felsen.

Ein Werk, das bleibenden Wert besitzt, entspringt immer der Seele – als Ausdruck gewonnenen Friedens oder eines notleidenden Kampfes. Wahr wird er wohl auch deswegen, weil er geschrieben werden musste. Denkt der Leser, der den Schlüssel im Text ins eigene Schloss gelegt und ihn dann gedreht hat.


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Quellen: Die Zeit, Printausgabe, 22. Juli 2010:
“Das Fluchtloch im Buch”, von Insa Wilke (über Giwi Margwelaschwili) und
“Carla und ihre Brüder”, von Willi Jasper, über Carla Mann und ihre Familie und ihre Männer
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Schüler ohne Noten und ohne Rüstzeug

∞  24 Juli 2010, 21:54 Kommentare [5]

Dies ist ein Ort, an dem sie schon oft beklagt wurde: Die Leistungsgesellschaft. Vor allem die Art, wie wir uns ihr unterwerfen und wie wir zulassen, dass sie sich in alle Bereiche unseres Lebens zwängt und uns im Grunde während 24 Stunden zu Wettkämpfern macht, die versuchen, dem Leben den Spass, die Freude und das Glück abzuringen, das uns ständig wie ein knappes Gut vorauseilt und immer erst hinter der nächsten Ecke, dem nächsten Ziel zu vermuten ist.

Die Berufswelt ist – genau so wie die Konsumwelt – eine globale Welt geworden. Unser Heiligtum ist der Markt. Und der funktioniert durch Wettbewerb. Zumindest in der Theorie. In der Praxis versucht der Marktleader nichts so sehr, wie genau diesen Mechanismus auszuschalten: Er sucht mit seinem Produkt die Exklusivität, den Kniff, der die Nachfrage so sehr steigert, dass der Preis explodiert. Das was alle wollen und nur wenige produzieren, verspricht riesige Profite. Apple hat die Löhne in der Lizenzfertigung in China um 30% angehoben, als Berichte von Selbstmorden in der gestressten Arbeiterschaft bekannt wurden. Und kein Mensch fragt sich, was für Margen auf den Produkten liegen müssen, dass dies möglich ist, ohne die Preise massiv anzuheben…

Die Erziehungsdirektorin des Kantons Zürich ist daran, eine ganz besondere Offensive zu starten. In dieser Bildungsoffensive wird schon der Name zum Problem: Zu Aggressiv. Der “Frontalunterricht” ist ja schon längst verpönt, und neulich hat eine Lehrerin gemeint, sie könne doch einem Schüler während der Stunde nicht das Essen verbieten, denn Essen sei ja gesund. Mit vollen Energiespeichern geht es dann in die Pause…

Den Schulsporttag gibt es noch immer. Vielleicht haben Sie den auch gehasst? Ein verordneter Wohlfühl- und Wettstreittag in so sinnvollen Disziplinen wie Stafettenlauf…
Das gibt es alles heute noch, aber scheinbar in neuen Besetzungen. Es gibt keine Klassenwettkämpfe mehr, sondern nur noch gemischte Teams aus allen Klassen, sonst würden “ungesunde” Situationen entstehen. Wenn Ihr Bengel nächstens am Wochenende im Fussballclub nur noch begeistert ist, so lange es 0:0 steht, dann beweist das nicht, dass das seine Sozialkompetenz, die er im Kanton Zürich nun in der Schule lernt:
Siegreichen Mannschaften ist nicht zuzujubeln, das würde die Verlierer traurig stimmen. Nur das Unentschieden ist ein Bravo wert.
Also soll es auch keine Noten mehr geben.

“Die gängigen Beurteilungssysteme mit Noten stellen dagegen ein Mittel zur Selektion und zur Einteilung von Lernenden in verschiedene Leistungsgruppen dar und laufen den integrativen Bestrebungen zuwider.”
Elisabeth Moser Opitz, Professorin für Sonderpädagogik, Uni Zürich, in der NZZ


So weit ist es nicht gekommen, die Noten gibt es noch. Die Theorie aber auch.
Und dazu passt, dass das Zeugnis nur den Eltern gezeigt werden darf. Und gefeiert wird ein gutes Zeugnis schon gar nicht! Mit solchen Instruktionen kommen schon Dreikäsehochs nach Hause. Es scheint fast schon beschämend zu sein, gute Noten zu haben…

Das Bemühen, Wohlfühloasen zu schaffen und integrierende Strukturen, in denen alle Kinder gleich sind, wird zwar wohl mit den höheren Stufen nach und nach korrigiert. Aber mich erstaunt nicht mehr, dass Unternehmen zur Auswahl ihrer Lehrlinge heute immer ausführlichere eigene Tests durchführen, weil sie dem Leistungsausweis des Schülers keine Aussagekraft attestieren können. Und das ist eine Katastrophe:
Der Übertritt von der Schule in die Berufswelt ist immer ein riesiger Schritt gewesen. Mit den Tendenzen einer solchen Bildungspolitik wird für die Schüler ein Spagat notwendig. Und das Erwachen und Ankommen in der Leistungswelt der Berufsausbildung wird brutal. Womit wir wieder beim Anfang wären:
Gerade die immer globaler werdende Arbeitssituation, der Wettbewerb der Besseren und Schnelleren macht doch gerade Rüstzeug im Umgang mit solchen Vergleichen und Konkurrenzsituationen notwendig.
Man sollte aber auch nicht einfach auf die Bildungsdirektion des Kantons Zürich zielen und das alles nur lächerlich machen. Es ist auch ein Blick auf die Eltern notwendig:
Kinder, welche ein Fussballmatch verlieren oder die Kletterstange nicht hoch kommen, haben daran zu knabbern. Es braucht schlicht Betreuungspersonen, die auch hierin den Unterricht weiterführen und Selbstvertrauen vermitteln: Hier bin ich hinten, da bin ich vorn. Wenn ich verliere und wenn ich gewinne, kann ich das mit Anstand tun. Aber ich muss mich im einen Fall nicht schämen und im anderen nicht meinen, ich wäre der König. Freuen aber darf ich mich sehr wohl über meine Talente – und wie sie sich zeigen.

Herrschaft nochmal, Kinder und vor allem ihr Frauen und Männer, die ihr Euch “Erwachsene” nennt. Erwacht endlich und ergreift die Chance, Euren Dreikäsehochs zu zeigen, was ihr selbst gelernt habt. Und spielt ihnen keine Welt vor, die es nur im Schulbiotop gibt.
Ein Schulsystem, in dem keine Charaktere und Intelligenzen nach oben und unten ausschlagen, spricht die Talente der Schüler schlicht nicht an. In diese Richtung aber soll es ja wirklich nicht gehen, oder?


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Quelle: Weltwoche, 29.10, Printausgabe S. 26; Nur für Abonnenten: Web
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Die Menschheit auf der Deponie

∞  23 Juli 2010, 20:15 Kommentare [1]

Ein Schiff mit zig Tonnen giftigstem Abfall an Bord sucht einen Abnehmer. Ein holländisches Unternehmen wäre bereit, die Ladung giftmüllgerecht zu löschen. Die Besizterfirma des Plunders lehnt ab – zu teuer.

Das Schiff schippert auf dem Meer herum und findet in Afrika, Elfenbeinküste, ein Plätzchen. Die Deponie liegt mitten in einer Stadt, die Chose liegt in offenen Halden herum. In unmittelbarer Nähe gehen Kinder zur Schule. Nach kurzer Zeit haben tausende von Menschen Probleme, später sind 15 von ihnen tot.

Das Unternehmen hat aus Spargründen gehandelt. 400’000 Euro für die fachgerechte Entsorgung waren für die Firma mit 52 Mia Euro Jahresumsatz ein zu grosser Brocken.

Nun ist das Unternehmen verurteilt worden. Zu einer Busse von 1 Mio Euro.
Zudem kriegen zwei der Mitarbeiter, unter ihnen der Kapitän, Gefängnisstrafen.

Eines unserer grössten Probleme ist, wie wir durch das Mass unserer Strafen offenbaren, welche Werte welcher Menschen wir wie (un-)wichtig nehmen. Von einem so abstrakten Gut wie der “Umwelt” ganz zu schweigen.


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Quelle: Radio DRS 2, Echo der Zeit, 19h00, heute, 23. Juli 2010, live
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Eigenverantwortung ist (nicht) wandelbar?

∞  22 Juli 2010, 19:25 Kommentare [2]

Was bedeutet der Begriff für Sie? Ich habe mich heute damit 10 Min ganz spontan schreibend auseinandergesetzt, und lasse das nun nachwirken.

Wir definieren unsere Verantwortungen heute ganz anders als vor dreissig Jahren. Ein Vergleich dessen, für welche gesellschaftlichen Pflichten wir uns gegenüber früher heute in die Pflicht nehmen lassen (… würden – ich will schon fast im Konjunktiv schreiben), wäre wohl sehr erhellend.
Mir ist das vor etwa zehn Jahren bei einem Artikel in einem Tennismagazin erstmals aufgefallen: Da wurden aktuelle Spitzenspieler, die wohl alle schon Autogrammstunden gegen Bezahlung gegeben hatten, gefragt, für wen sie Vorbild sein wollten? Fast alle haben sich der Frage komplett verweigert und gemeint, sie hätten selbst keine Vorbilder und würden sich auch nicht als solche sehen.

Wir fürchten ganz allgemein die Bilder, die andere sich von uns machen könnten – und wenden gleichzeitig viel, sehr viel Energie dafür auf, dieses Bild zu getalten. Dass wir heute Facebook dafür unsere Zeit totschlagen lassen, ist dann wirklich definitiv ein Genickschlag. Und so manche Profile wandeln sich noch schneller, als sich Meinungen über Menschen bilden mögen…

Statt dass unser Dorf unsere Welt bliebe, machen wir die Welt zum Dorf. Dass das gelingt, bedingt allerdings, dass wir alles verknappen. Wir verkürzen Distanzen. Wir vereinfachen Sichtweisen, generalisieren das Individuelle, stellen nichtwissend Vergleiche an, die nur Krücken für eine Welt sein können, die wir eben nicht wirklich kennen, geschmeckt und gerochen haben. Wir machen damit aber so manche Reise nicht – und verzichten auf die bewusste Entscheidung, jemanden wirklich aufzu-suchen.

Ist die grosse weite Welt per Kommunikation nicht viel mehr eine grosse weite Projektion der Leere? Und mit der wollen wir allein sein, dabei können wir genau das nicht…

Unser Gehirn arbeitet immer mehr, aber wir denken immer weniger (nach). Und schon gar nicht voraus.

Wir tafeln nicht. Wir fooden. Convenience nennt sich die vorbereitete Mahlzeit aus dem Regal: Schnelligkeit, mit wenig Aufwand. Wie, bitte, will man da Feste feiern? Ich meine, wirkliche Feste, wissen Sie, bei denen die Freude nicht bestellt wird, sondern das Lachen aus uns selbst kommt und sich einnistet, wie ein im Garten willkommener Nachbar.




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