5 Stunden geblockte Freizeit pro Tag?
Haben Sie auch ein Gefühl von Zeitnot? Sind Sie Getriebene der eigenen Pflichten und To-Do-Listen? Susanne Gaschke mutmasst in der Zeit [Print No 39: Mitmachen, warum nicht?] über die Gründe, warum wir uns politisch nicht engagieren mögen. Der Artikel enthält viele sehr feine Beobachtungen und mögliche Motivationen für ein verstärktes Engagement in der Gesellschaft, welche unsere Gemeinschaft ist, sie führt aber auch auf, warum wir wohl allen Ernstes meinen, wir hätten keine Zeit. Das dürfte, verglichen mit einem Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts eine lächerliche Aussage sein, aber eben, vielleicht sind Sie ja Teil dieser Statistik – zumindest in Teilen:
Das Fernsehen raubt dem durchschnittlichen Erwachsenen 3 Stunden pro Tag, das Internet mehr als zwei Stunden.
Weiter bemerkt sie treffend:
Die Geissel der elektronischen Allerreichbarkeit hat die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen lassen, und der flexible Kapitalismus erwartet auch den jederzeit flexiblen (und hingebungsvollen) Mitarbeiter.
Ist dieser real erfahrene Kapitalismus denn wirklich flexibel? Man kann hier entgegen setzen, dass er in seinen Ansprüchen gegenüber dem Arbeitnehmer eben gerade überhaupt nicht flexibel ist. Diese Mobilität der Kommunikation ist doch vielmehr ein Zwang, jederzeit gestört werden zu können.
Und wenn wir dann wirlich privat sind, was machen wir dann? Wir vernetzen uns weiter und verschicken virtuelle Torten und anderen Quatsch mehr. Was für ein unverbindlich hirnloses und damit unverfängliches Mittel, anderen zu sagen: “Ich bin dabei und hoffe, Du bemerkst mich.”
Wir kommen uns kaum je näher. Die wenigsten benützen Netzwerke für richtige Kommunikation (also für so was Abenteuerliches wie ein richtiges Gespräch), und unter dem Strich bleiben alle allein mit sich selbst, wobei die Entfernung zur eigenen Mitte, die Ahnung von Ruhe, der Frieden mit sich selbst immer unwahrscheinlicher wird.
Es ist, in der Tat, unglaublich, wie stumpf und dumpf die Zeit vergeht. Dabei ist sie ein Gut, von dem noch keine Generation vor uns so viel zur Verfügung hatte. An nichts zeigt sich als Gesellschaft, aber auch in der Nutzung durch jeden Einzelnen besser, ob die sich laufend weiter entwickelnde Technik, die Möglichkeit zu mehr Freiheit, sich in ihr Gegenteil verkehrt: In eine Art Zwang zur Unfreiheit. Wir binden und ständig neue Pendenzen und Schein-Notwendigkeiten um.
Was wir dabei verlieren, ist regelmässig eine weitere Chance zu einer vertieften Sinneswahrnehmung. Am Ende haben wir noch nicht mal mehr Stimmungen. Wir haben gar keine eigene Präsenz mehr.
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Uwe · 28. September 2010, 07:33 · #
Zeitnot? – Natürlich NICHT!
Es gibt ja garkeine Zeit, außer zum Sorgen machen. So jedenfalls habe ich es gerade erst hier bei Thinkabout gelernt. :)
Nein, über eine allgemeine anonyme Zeitverschwendung braucht man sich keine Sorgen zu machen, denn gäbe es Zeit, dann könnte ja nur jeder für sich erkennen, ob er seine Zeit, seinen Augenblick nutzt bzw. genießt. Ob er dabei vor Fernseher, Internet, iPod oder am Kachelofen sitzt, spielte dafür keine Rolle.
Nun aber weg von Weltweisheit und hin zu authentisch persönlichem: Seit einigen Jahren habe ich den Fernseher so ziemlich aus meinem Leben verbannt. Ich schwöre, der ruhige Blick von meinem Sofa durch die große Fensterscheibe auf das 180-Grad-Panorama von Himmel und Landschaft, macht mich viel zufriedener, als jedwedes Fernsehprogramm. Die Sucht danach, dabei zu sein “am Puls der Zeit” ist überwindbar, wenn auch die Rückfallgefahr hoch ist, aus sozialen Gründen. ;)
Dem Internet, mit der Möglichkeit die Gedanken, Wünsche, Ängste und Sehnsüchte unzähliger unbekannter Mitmenschen zu lesen, nachzufühlen und in eigenen Gedanken zu verarbeiten, räume ich doch viel Zeit ein, zuviel, wie ich ahne. Hintern und Rücken protestieren eindeutig dagegen und mein Gesamtbefinden scheint fast umgekehrt proportional zur “Bildschirmaktivität” zu sein. Ich fühle schon, wie ich die Konsequenzen daraus ziehen werde. :)
dirk · 29. September 2010, 12:20 · #
Mir raubt das Internet nicht Stunden. Im Gegenteil, mir spart es Zeit. (Die nutze ich, auch anderes zu lesen. Und es bleibt noch ein Rest.)