Alice im Kachelfeuer – es reicht!
Alice Schwarzer schafft Unmögliches: Kolumnistin im Busen-Blatt Bild und dabei Anwältin der Anklage in einem Vergewaltigungsprozess – und nun tatsächlich vorgeladene Zeugin… Türen schliessen bitte, und ohne Alice Schwarzer und ohne uns alle endlich zu einem Ende kommen.
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Es gibt keinen Grund dafür, warum ein Vergewaltigungsprozess so öffentlich debattiert wird, wie der Kachelmann-Prozess. Wenn diese Art eines „öffentlichen Interesses“ tatsächlich ausreicht, um aus einem tragischen Beziehungskonflikt ein Mediengaudi ersten Ranges mit unzähligen Stellvertreterkriegen zu machen, dann gute Nacht. Kachelmann und das anklagende eventuelle Opfer haben schon verloren, ganz egal, wie die Sache ausgeht. Verloren haben aber wir alle – und zwar in einer Weise, die alles andere als nebensächlich ist:
Wir verlieren wohl im Moment gerade alle die Illusion, das Rechtssystem im europäischen Westen hätte genügend Schutzmechanismen und objektive Automatismen, die eine unsachgemässe, parteiische, der Selbstgerechtigkeit einzelner Personen dienende Vorgehensweise verhindern würden. Was da in Mannheim vorgeführt wird, ist eine Entblössung der Justiz, die immer weiter voran schreitet.
Heute Nachmittag wird nun Alice Schwarzer befragt. Damit wird der ganze Fall endgültig zu einer Farce, denn diese Frau kann nun zu den Vorgängen der zu untersuchenden Tat rein gar nichts beitragen. Die Aufmerksamkeit, die man ihr schenkt, wird dennoch maximal sein, wenn sie heute zu Ihrer Beziehung zum Therapeuten des Opfers befragt wird – von der Verteidigung notabene, der es darum geht, eine Art Stimmungsmache in der öffentlichen Meinung gegen ihren Mandanten darzulegen.
Und morgen? Ist dann die Staatsanwaltschaft dran und zitiert irgendwelche Journalisten, welche die Gegenseite zu positiv darstellen? Dass Alice Schwarzer selbst nicht merkt, was hier geschieht, und wie viel sie zur Verzerrung jeder gewünschten Klarheit beiträgt, bis zur Unmöglichkeit, überhaupt noch Recht zu sprechen, ist genau so katastrophal wie die Rolle, die das Gericht im ganzen Theater spielt: Wehrlos ist es, Bühne eines üblen Volkstheaters mit dilettantischen Schauspielern – und zwar in allen Rollen.
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Bobsmile · 9. Februar 2011, 21:36 · #
Ach, der Prozess läuft noch? ;-)
Im Ernst, je länger das noch in den Medien derart prominent daherkommt, desto weniger lausche ich den “exklusiven” Meldungen aus dem Gerichtssaal. Ich klicke mich bem Blättern durch die newsnetz-Plattformen schon gar nicht mehr in die Kachelshow ein.
Und was war denn nun heute mit Frau Schwarzer? Angeblich (ganz ohne Einklicken, bereits an der Schlagzeile erkennbar) sagte sie aus, dass sie nicht aussagt.
Etwas wahrhaft Kluges gab sie früher schon mal von sich, etwas, dass sich in deinem Artikel wiederspiegelt: “Ein Gerichtssaal wird zum Rummelplatz.”
Oh, wie wahr, und da A.S. ebenfalls kräftig mitrummelt, sehe ich im Ganzen sogar eine Adaption von “Jahrmarkt der Eitelkeiten”!
Relax-Senf · 9. Februar 2011, 22:28 · #
Alice Schwarzer war heute als Zeugin geladen und hat wenig überraschend ihr Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch genommen, wie von allen anderen Prozessbeobachtern erwartet.
Der Prozess könnte wie das Hornberger Schiessen ausgehen, d.h. ohne Ergebnis, denn das Pulver ist längstens verschossen und ein klarer Schuss ins Schwarze zeichnet sich nicht ab. Es war halt niemand dabei, der wirklich genau berichten könnte. Der Prozess macht nachdenklich, insbesondere die Prozessführung. Vergleichbar mit einer unfreundlichen Übernahme in der Wirtschaftswelt, wo oft das Ego des Supermanagers der Angreifer es nicht zulässt nicht ans Ziel zu kommen, weshalb der Kaufpreis immer höher geschraubt wird, verhalten sich die Gerichtsinstanzen. Geht es wirklich noch um eine Vergewaltigung, die auf unscharfen Indizien und einer nicht fleckenlosen Glaubwürdigkeit der Klagenden beruht?
Alle Parteien haben bereits Schaden bei der öffentlichen Wahrnehmung genommen. Neben dem Gericht auch Kachelmann, der bedingt durch die Vorwürfe und die Ausbreitung seines gesamten Beziehungs- und Sexuallebens nie mir den vormaligen Glamourstatus erreichen wird. Finanziell ist er in jedem Fall massiv geschädigt. Aber auch die Klagende wird nie mehr die Geister los, die sie geweckt und gerufen hat. Zwar war kein Bild von ihr in den Medien, aber im Arbeitsumfeld und an ihrem Wohnort, weiss man doch wer sie ist. Sie die ja vor Gericht auch zugeben musste, dass sie jahrelang Sexpraktiken genossen hat, die für viele Frauen ein No Go wären.
Jetzt ist dies keine Moralkritik von mir, denn wenn sich die zwei Parteien beim Sexspiel einig sind, gibt es kein gut und schlecht. Doch wenn es, wie aus dem Gerichtssaal berichtet wurde, zwischen den zwei regelmässig hart zur Sache ging, sie also harten Sex gern hat, dann frage ich mich wirklich ob es für „ es Höpperle“ mehr diese unglaubliche Gerichtsinszenierung braucht? Die Vollkosten für dieses Prozesstheater würden vermutlich reichen, um für ein ganzes Jahr die Mittagskosten für Schüler in Mannheim zu decken.
Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt und ich sage es deutlich, gehört nach der entsprechenden Strafnorm geahndet, wenn der Beweis zweifelsfrei erbracht werden kann. Eine klare Beweislage wird sich nicht mehr einstellen, weshalb die Meinungen in der Bevölkerung für immer auseinander gehen werden.
dirk · 9. Februar 2011, 23:43 · #
Es ist mehr als ein ‘Vergewaltigungsprozess’, z.B. die Geschichte paralleler Liebschaften in verschiedenen Städten ist unabhängig von der Prominenz Kachelmanns Stoff für Romane – durchaus von öffentlichem Interesse. Dass mehrere Beteiligte sich hier wohl blamieren, gehört dazu, man darf es wissen – und kann fragen, warum. Ich gewann über Jahre als Schöffe den Eindruck, dass die deutsche Justiz recht effektiv arbeitet. Dieses Verfahren zeigt, was geschieht, wenn alle Seiten jeden Spielraum nutzen. Das kommt selten vor. Inhaltlich weiß ich wenig, da ich die Berichterstattung nicht verfolge, doch genug, die Neugier zu verstehen. ‘Volkstheater’ trifft es gut. Frau Schwarzer nimmt einfach das Geld, wie die meisten anderen auch, da bin ich ihr weder bös, noch wundere ich mich. Erstaunlich finde ich, dass viele von ihr fordern, Springer-Geld abzulehnen, während ich sogar von Freunden höre, ich sei blöd, wenn ich genau das tue. ‘Alice Schwarzer’ ist eine Marke mit entsprechendem Image, eine vertraute Bühnenrolle, während man von mir, also vielleicht auch von sich selbst, eine Haltung gar nicht erwartet. Schade.
Relax-Senf · 10. Februar 2011, 00:52 · #
@Dirk:
Alice Schwarzer nehme ich es nicht übel, dass sie Geld von Springer nimmt und auch nicht ihr Eintreten für das mutmassliche Opfer. Völlig normaler Vorgang.
Seit ich jedoch in einem ARD Panoramabeitrag (?) gesehen habe, wie sie als Medienprofi, den investigativen Fragen der ARD Journalisten durch Interviewabbruch begegnet ist, hat ihr professionelles Image bei mir Schaden genommen. Dazu kommt mein Eindruck, dass der Schwarzer-Einsatz nicht nur dem mutmasslichen Opfer und der feministischen Sache dient, sondern das “bereits?” geschriebene Buch – nach ARD Informationen – sehr wohl auf primäre kommerzielle Interessen ausgerichtet ist. Dazu passt ein verurteilter Kachelmann als billige Werbemunition sehr viel besser, als ein freigesprochener.
Die Nachfrage nach dem Buch könnte aber in jedem Fall geringer als erwartet ausfallen, weil nach der omnipräsenten Medienberichterstattung viele Leute die Nase voll haben und eine detaillierte Beschreibung von Liebesspielintimäten (Neugierde führt zu Kaufimpuls) ist wohl kaum in einem Schwarzer-Buch zu finden.
Thinkabout · 10. Februar 2011, 08:54 · #
Ja, die Parteien reizen alle Möglichkeiten aus, wobei sie auch da auf den Umstand reagieren, dass die Öffentlichkeit entsprechend Notiz von praktisch allem nimmt. Im Sinne einer objektiven Wahrheitsfindung zwischen Parteien, die optimal vertreten für ihre Sache kämpfen, könnte man alles in bester Ordnung sehen. Nur ist uns allen klar, dass hier Beschädigungen die Folge sind, die unabhängig vom Urteilsspruch alle Seiten schon erlitten haben. Auch das ist nicht selten: Ein Urteil löst ja keine Probleme auf, es macht sie höchstens klar. Es sanktioniert Fehlverhalten, es therapiert aber niemanden. Und tatsächlich: Wenn mangels Beweisen ein Freispruch erfolgen wird, kann die Debatte öffentlich endlos weiter gehen.
Ein Albtraum – der immer wieder kommt, für alle Beteiligten – und ein schales Gefühl bei uns allen: Wie soll ein tatsächliches Vergewaltigungsopfer mit dieser Erfahrung umgehen, wie findet es den Mut zur Anzeige? Das ganze Kachelmannverfahren fördert diese Courage ganz bestimmt nicht.
Wobei eine Absurdität wohl genau darin liegt, dass Betroffenen wohl meist zu wenig Aufmerksamkeit und Verständnis im engsten Umfeld droht – und ohne diese Stütze ist ein solches Verfahren, das auch ohne Öffentlichkeit ein Spiessrutenlauf ist, kaum durchzustehen.
Titus · 11. Februar 2011, 02:27 · #
Anfänglich dachte ich tatsächlich auch noch, hier gehe es um einen Prozess.
Inzwischen vermute ich eine neue Form von Reality-TV, oder eine in Deutschland gedrehte Variante von “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”, gedreht im Dschungel der deutschen Justiz.
Wer sagte doch jüngst schon wieder: Deutschland schafft sich selbst ab? In der Botschaft hatte er wohl recht, aber dass das via Justiz geschieht, hatte er nicht vorausgesehen…
Relax-Senf · 11. Februar 2011, 16:01 · #
@Titus:
Diese Zeilen, diese Interpretation find ich ganz grosse Klasse! :-)