Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Auch virtuelles Geschwurbel ist nur Lärm

∞  9 Juni 2009, 18:59

Wissen Sie, vor was ich mich echt fürchte? Vor dem Tag, der Stunde, diesem erdrückenden Moment, in dem ich einen Kollegen frage, wie es ihm denn geht, und er mir antwortet, mit leichtem Vorwurf in der Stimme:

Ja, hast Du denn meinen Twitter nicht gelesen?

Vielleicht ist es ja schon so weit, und ich weiss es nur nicht? Vielleicht hat sich gerade gestern jemand gefragt, warum er mir den Small Talk beim spontanen Sehen auf der Strasse runter beten muss, wo er doch alles schon getwittert hat?
Aber auch wenn es nie so weit kommt, so stelle ich dennoch fest:
Ich bin überfordert. Und zwar so was von. Leute, haltet ein! Ich kann nicht mehr. Die Informationsflut im Newsbereich ist ja schon unübersichtlich. Doch die privaten Nachrichtenquellen, die Schnittstellen, die Kontakt-Stellen, sie grassieren, sie wuchern, sie betonieren mich zu. Wer will noch alles einen Klick von mir?

Mir scheint, wir sind an jeder Ecke dabei, uns in Medien- und Community-Welten einzuloggen, ohne dass wir im Geringsten verstehen, worum es da überhaupt geht? Und wenn wir es verstehen, dann bedeutet das nur, dass wir es technisch begreifen, dass wir erkennen, wie wir das Blog mit dem Handy mit Facebook mit Twitter verbinden müssen, um an einem Ort was einzugeben und an allen anderen Orten etwas raus zu lassen.
Verzeihung, aber wenn das Kommunikation ist, dann will ich mich im Wald verstecken. Wir plärren doch nur noch. Und hoffen, es ist laut genug. Aber wir haben längst keine Energie mehr dafür, das, was wir von uns geben, wirklich mit Gedanken zu begleiten – und auf – tatsächlich – eine Reaktion gefasst zu sein, ja, sie wenn möglich gar aufnehmen zu können und, o Wunder, und damit wirklich eine Kommunikation zu beginnen.

Die Vernetzten scheinen mir eher die Gehetzten zu sein. Und darum habe ich mir vorgenommen, bevor ich jeweils eine Netz-Tour starte, die Kommentare in meinem Blog zu checken und inne zu halten: Sollte ich darauf nicht antworten?
Denn bisher, das gebe ich gerne zu, finde ich als Gesprächspartner in den Kommentaren praktisch nicht statt. Das ist eine verpasste Chance für mich selbst.
Und das gute alte Mail ist sowieso die Nr. 1, wenn es darum geht, wirklich kommunizieren zu wollen. Mensch, der Du das liest, glaube mir: Kommunikation muss und soll auch etwas für den kleinen und kleinsten Kreis sein. Ja, tatsächlich, es meint auch und zuerst das Gespräch. Und jede Mitteilung braucht nicht Klicks, sondern ein bisschen gewidmete Zeit, um verstanden zu werden.

Ich behaupte mal, dass wir netzaffinen Menschen (noch viel mehr als andere) viel zu viele Projekte anstossen oder am Laufen zu halten versuchen, statt unsere Energie auf unsere eigenen INHALTLICHEN Kernanliegen zu konzentrieren.

Jetzt können Sie mich fragen, warum ich dann meinen Facebook- und Twitter-Account nicht schliesse? Gute Frage. Und hier die vielleicht falsche Antwort: Ich spüre gerne den Puls der Veränderung, spüre Entwicklungen nach, die eine Kommunikationsidee durchmacht, ich interessiere mich für die Mechanismen, die eine Community-Form bestimmen und prägen. Aber ich nehme mir die Freiheit, meinen Bekannten nur über das direkte Gespräch, Mail und Blog die Gewähr zu geben, dass ich höre, sehe, lese und aufnehme, was sie an mich richten. Mehr geht nicht.

Und in vielem anderem spüre ich bereits, wie die knapp 50 Jahre irdischen Daseins genug haben vom Wirbel, den so viel virtuelles Geschwurbel verursacht. Es ist eine Form von Lärm, meine ich, die nur müde macht. Also finde ich mich wohl damit ab, dass allmählich immer mehr mediale Entwicklungen an mir vorbei rauschen werden. Schlussendlich wird die finale, letzte Kommunikation, jede Frage nach dem Werden und Vergehen, nur in mir selbst gestellt. Die Antworten darauf kann ich so oder so nur finden, wenn ich am Ort verweile, an dem ich die Fragen dazu stelle. Bei mir selbst. Und dabei ist Virtualität, in welcher Form auch immer, viel eher eine Gefahr der Verschleierung, denn eine Hilfe zur Klärung.






  1. Caro · 9. Juni 2009, 21:50 · #

    Früher hat man noch miteinander geredet.

  2. Marianne · 10. Juni 2009, 13:30 · #

    @caro Oh ja! Und früher hatte es sogar noch Leute, die zuhörten, wenn man mit ihnen sprach. Für mich gibt es facebook und twitter nicht. Gut, ich bin ein älteres Semester, aber lesen ist und bleibt mir wichtiger als sinnloses Geplapper.

  3. Zappadong · 10. Juni 2009, 19:47 · #

    Wenn ich unterwegs bin – also draussen oder im Zug oder sonst irgendwo – bin ich abgenabelt von allem virtuellen unterwegs- ein wunderbares Gefühl. Ich habe kein Handy dabei, mit dem ich auch den letzten Stuss noch twittere und ich gestehe, ich spüre leichte Aggression aufkommen, wenn jemand von unterwegs twittert – warum? wozu? Unterwegs gibt es so viel zu sehen und zu beobachten.

    Da gabs mal einen (ein glaub ich recht “wichtiges Tier” in der virutellen Welt), dem folgte ich aus Neugier eine Weile. Bis mir auffiel, dass der andauernd und immer von überall völlig belangloses Zeug twitterte. In dem Moment, wo er der Welt mitteilte, er sei mit den Kindern auf dem Spielplatz, kündigte ich ihm die Gefolgsschaft.

    Ich bin überzeugt, dass solche Menschen das (reale) Leben verlernt haben. Sie kommen mir vor wie jene Touristen, die wunderbare ferne Destinationen nur durch die Linse ihrer Kamera sehen statt einfach innezuhalten und zu staunen. Wahrscheinlich merken die erst nach der Rückkehr beim Anschauen des Filmmaterials, wo sie überhaupt gewesen sind.

    Es ist ein Wahn zu glauben, immer und überall erreichbar sein zu müssen, immer dabei zu sein. Wovor haben diese Menschen Angst? Dass sie vergessen gehen? Dass man sie übersieht? Was ist er persönliche Gewinn einer Meldung wie: “Bin gerade ins Tram gestiegen und fahre jetzt nach XYZ?” Wen interessiert das? Das ist textliche Zumutung und Zumüllung vom Übelsten.

    Das schöne an der virtuellen Welt ist: Man kann Leute wegklicken. Einfach so. Die merken das nicht einmal. Man kann sich auch selber ausklicken und ins reale Leben eintauchen.

    Facebook habe ich nicht, ich brauche diesen Ausstoss an Belanglosigkeiten nicht. In Twitter klinke ich mich in kurzen Pausen und lese dann höchstens die Seite, die ich gerade aufgeschlagen habe. Weil ich (fast) niemandem mehr folge, der alltäglichen Stuss über meine persönliche Twitterseite giesst, macht das Twittern sogar ausgesprochen viel Spass.

    Aber nichts, gar nichts, ersetzt das reale Leben.


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