Bleibende Liebe: Die Kunst zum Staunen bewahren
Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, jemanden noch immer so zu lieben – wie vor zwanzig Jahren.
Damals mag ich in deinem Beisein den Himmel berührt haben. Heute spüre ich neben dir den Boden unter meinen Füssen immer wieder neu.
Der Liebe eigen ist das wunderbar Subjektive: Sie sieht sich grenzenlos, lässt sich mit nichts Bisherigem vergleichen, glaubt an die Einmaligkeit, verschwendet keine Gedanken an morgen, fürchtet auch nichts, was kommen mag. Was nicht voraussehbar ist, bleibt weit weg. Es zählt nur der Augenblick.
Junge Liebe will ihn festhalten, diesen Augenblick, ihn auskosten, ja ausschlürfen, als gäbe es kein Danach. Sie ist ohne Geduld, obwohl sie das ganze Leben vor sich hat.
Eine alte Liebe – ach nein, das gibt es nicht. Eine lange Liebe schon. Sie hat vielleicht die kürzere Zeit vor sich als hinter sich. Und doch ist sie gelassener, beseelt von Ruhe, Ausgleich, Bejahung, weiss sich bestätigt, braucht längst keine Beteuerungen mehr.
Die lange Liebe schlägt immer wieder die Augen auf, um neu über ihre Entdeckungen zu staunen. Im Vertrauten sieht sie den Trost und Reichtum der Reife, die nichts zu bedauern hat:
Sieh an, ich kann mit dir lachen, immer wieder.
Ich kenne dich gut, aber nie ganz.
Ich bleibe neugierig auf dich.
Und staune weiter.
*
Neufassung eines Textes vom 27. Januar 2008 – jetzt gefällt er mir (besser).

Fundstück: caro-art.ch
![]()

LD · 11. Juli 2009, 15:11 · #
Eine schöne Hommage an die Liebe.
skriptum · 12. Juli 2009, 16:29 · #
Ein unglaublich schöner Text! Und noch schöner finde ich es, wenn Menschen überhaupt in der Lage sind, so tief zu empfinden. Bewahre es Dir bitte! ;o)
Thinkabout · 12. Juli 2009, 19:56 · #
@skriptum:
Danke für diesen Zuspruch. Ich nenne es bewusst nicht Kompliment: Eigentlich geht der Dank an Dich zurück, dass Du Dich “berühren” lässt: Wenn wir, wo auch immer, Texte finden, von denen wir uns an- und berühren lassen, dann gehört der Dank auch uns Lesern. Denn es bedeutet, dass Liebe in seiner wahrhaftigsten Form weiter gegeben wird und in verschiedensten Herzen an verschiedensten Orten seine Wirkung entfalten kann.