Bloggen, reden oder Klappe halten?
Wer sich – in welchem Umfeld auch immer, wie persönlich oder öffentlich es auch sein mag, über politische oder gesellschaftliche Themen äussert, seine Meinung oder Anschauung kund tut, riskiert immer, dass er Menschen, die meinten, “einen gut zu kennen”, vor den Kopf stösst.
Es ist schmerzlich, wenn Diskussionen zu Sachthemen Emotionen schüren, welche schlussendlich die persönliche Verbindung zu tangieren beginnen. Nichts ist mir in der Folge der engagierteren Artikel in diesem Blog schmerzlicher als die Erfahrung, dass es immer mal wieder geschehen kann, dass persönliche Sympathie “beschädigt wird”:
Es ist nicht so schwer zu ertragen, wenn “fremde” Menschen die eigene Meinung nicht teilen, ja nicht einmal, dass die Argumente gar nicht geprüft werden. Nicht alle Menschen haben zu allen Themen den gleichen Zugang. Im Gegenteil: Die persönlichen Erfahrungen, der Hintergrund, das Basiswissen, all dies ist sehr unterschiedlich, und genau so sind es die persönlichen Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen.
Wenn sich diese Fremde manifestiert, wenn sich Gräben zwischen Menschen auftun, wo scheinbar uneinreissbare Brückenschläge vorhanden waren, dann ist das ein hoher Preis. Manchmal fragt man sich dann als Blogger wie als Diskutant in einem anderen Rahmen, ob “dies” die Sache wert ist? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir scheint eines dabei wichtig:
Es kann sein, dass aus solchen Situationen sich eine neue Distanz ergibt. Das ist traurig, aber manchmal einfach auszuhalten. Wenn man im Grunde seines Herzens weiss, dass sich beide Seiten nicht verbiegen wollen und können und einfach bei ihrer Meinung bleiben wollen und müssen, ohne die Gegenposition persönlich zu nehmen, dann ist diese Distanz nie von endgültiger Dauer. Wenn aber der Respekt fehlt oder ein Thema zum Laktattest wird, ob jemand mit Gefolgschaft seine Freundschaft beweist, dann werden Tischtücher zerschnitten.
Eine Erfahrung aber lohnt alle diese Auseinandersetzungen: Wenn zwei Menschen mit gegensätzlichen Positionen auf einander hören und das jeweils andere bedenken mögen, dann entsteht daraus eine Dualität, die das eigene Denken befeuert – und die Freundschaft im besten Sinn pfeffern kann.
Und sonst kann man sich dann auch mal hinsetzen und feststellen: Okay, alter Junge, lassen wir es gut sein, wir werden hier nie gleicher Meinung sein. Weisst Du eigentlich, wie der FCB heute gespielt hat?
Wenn wir uns nur mit Gleichgesinnten umgeben, stärken wir den Chor und seine Choräle, aber nicht unbedingt die innere Reflexion, nicht wahr?
Und wenn die Gegenpositionen, die man aushalten muss, dazu führen, dass man sich mal zurück nimmt und in einer Runde plötzlich gefragt wird: “Wie siehst du das eigentlich?” wie ich es in den letzten Wochen vermehrt erfahre, dann ist das gar nicht so schlecht. Es würde dann bedeuten, dass man selbst ruhiger wird. Dass ich die Klappe zukünftig halte, ist deshalb nicht so schnell zu befürchten oder zu hoffen. Dass man selbst mit seinen Erfahrungen ein wenig bedachter wird, wünsche ich mir für mich selbst ja auch.
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Jean-Paul Robin · 30. Juni 2010, 21:20 · #
Wie wahr Deine Aussage ist, Thinkabout.
Ich benutze als Sinnbild für Freundschaften die Ziehharmonika: Wenn sich Freunde auseinander-, aber auch wieder aufeinander zu bewegen, entsteht die Musik. Ansonsten bleibt sie still. Ist es nicht diese Reibung, die wir suchen? Möchten wir wirklich Ja-Sager an unserer Seite und sie an ihrer? Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess, wenn sich Freunde auseinander bewegen. Gleichzeitig ist es aber ein notwendiges Signal für eine Standortbeurteilung, für eine Reflektion eigener Ansichten und Aussagen. Das Leben ist ein Fluss. Wer nicht im selben Boot sitzt, muss ans Ufer schwimmen.
Jean-Paul
Relax-Senf · 5. Juli 2010, 17:39 · #
@ Thinkabout:
Mir gefällt schon der gewählte Titel. Es gibt ja wissenschaftliche Untersuchungen, über die tägliche Lügenquote der Menschen, die beim Lesen für jeden von uns unglaublich wirkt. Auch weil wir unsere täglichen Ungenauigkeiten – Lügen tun wir nicht – gar nicht wahrnehmen.
Aus meiner Sicht ist es beim Reden oder Klappe halten genau gleich. Ob es um vernachlässigbare Kleinigkeiten oder um ganz Wichtiges geht, Menschen haben – abhängig von Lebenserfahrung, Bildung und sozialer Kompetenz – einen automatisch aktivierten Reflex, welcher Flagge zeigen oder Klappe halten auslöst.
Beim Bloggen provoziere ich auch mal gerne, wobei es mir mehr um den angestrebten Effekt geht, Innehalten auszulösen und nicht darum für meine Sicht zu missionieren. Handumkehren verzichte ich bewusst darauf, meinen Senf in Blog-Diskussionen dazuzugeben, wenn meine Stimmung “Stopp” signalisiert, d.h. keine Zeit für ein “nutzloses” Hin und Her eingesetzt werden darf oder auch es macht keinen Sinn jedes Bobo zu kommentieren, selbst wenn spontan ein ergänzender oder konträrer Gedanke auftaucht.
Grundsätzlich sollte aber Raum für sprudelnden Gedankenfluss vorhanden sein und das elegante Lügen sollte in der bewussten Diskussion nicht dominieren. Es gib Diskussionen in der SFDRS Arena, die ich je nach Thema und Gästeliste sicher nicht verfolge, weil es bei betonierten Standpunkten – inkl. meiner eigenen Meinung zum Thema – kein neues Gedankenfutter abzuholen gibt. Handumkehren muss es aber auch im sozialen Umfeld – trotz oft bekannten Positionen – möglich sein, einen Standpunkt einzubringen und erneut markieren zu können ohne dass es den Unterhaltungswert der Zusammenkunft trüben darf. Das Ziehharmonikabild von @ Jean-Paul Robin finde ich sehr gut für die Fleibilität, die es auf 2 Seiten braucht.
Bloggen, reden oder Klappe halten, hängt bei mir sicher auch von der Tageszeit ab, was nicht Zustimmung auslöst aber erkennbarer Widerspruch kann dem unsensiblen Beobachter schon entgehen. :-)