Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Boll und seine Niederlagen

∞  13 Juli 2007, 16:45

...> Die Regenwolken hingen so tief und bewegten sich so langsam, dass sich Boll von ihnen vorwärts geschoben fühlte in einen Tag, dem er nicht gerufen hatte und in dem er sich auch nicht willkommen glaubte.

So ein Tag, das wusste er, konnte gar nichts Gutes bringen.
Der kalte Wind setzte ihm trotz der dicken Jacke zu. Boll blies die Backen auf, doch die Haut blieb nass und begann unangenehm zu stechen. Er dachte an das verpasste Frühstück und vermisste den heissen Espresso, an dessen aufputschende Wirkung er sich jetzt gern erinnert hätte.
Für Boll waren das alles Beweise, die belegten, dass es keinen Sinn machte, früh morgens durch seine Stadt zu hasten. Und doch tat er es, nur weil er seiner Exfrau versprochen hatte, mit ihrem Hund, den er hasste, spazieren zu gehen in einem Quartier, das er verabscheute.

Er verwünschte sein Selbstmitleid, das sich doch nicht vertreiben liess. Statt dessen klebte es an ihm wie ein schweissnasses T-Shirt. Warum nur hatte sie ihn verlassen, einfach so, von heute auf morgen? Wenn da wenigstens ein anderer Mann der Grund gewesen wäre, aber nein, sie behauptete, er ganz allein wäre Grund genug.

Boll kickte missmutig einen vom Regenwasser vermatschten Pappbecher in den Rinnstein und holte sich dabei nasse Socken. Wut kroch in ihm hoch über seine neuste Niederlage, und darin mischte sich ein bisschen Verzweiflung, weil es ihm so schien, als bestünde sein Leben nur noch aus Niederlagen. Das konnte sich durchaus zu einer leisen Panik ausweiten, wenn sich in ihm der Verdacht ausbreitete, sein Leben wäre an sich ein einziger Irrtum gewesen. Das war ein perfekter Tag für solche Trübsal, so dass Boll seinen Schritt verlangsamte, ohne es zu merken und obwohl der Regen stärker wurde. ...>


  1. Tina · 14. Juli 2007, 06:44 · #

    Solche Tage gibts….aber solche negativen Geschichten dazu findet man selten. Warum?
    Entmutigen und Frustrieren kann sich fast jeder ganz gut alleine, dazu bedarf es keiner Anregung als Geschichte.
    Was ich eher brauche, sind Menschen, Filme, Erlebnisse, Geschichten, die den Glaube an das Positive hervorkitzeln….mir aus dem Trübsal raushelfen. Immer wieder.

    Muß nicht alles zwangsläufig traumschiffartig gut ausgehen, aber als Schlussfolgerung: das Leben ist zeitweise sinnlos/ ein einziger Irrtum mag ich das so nicht in meinen Gedanken stehen lassen. Dieses Resume darf mich nicht durch den Tag begleiten – auch nicht als Zwischenstand einer Geschichte.

    Doch wenn die Erzählung schon mal auf mich so wirkt:
    Die Frage, warum ihn seine Frau “einfach so” verlassen hat scheint mir so gedankenfüllend, daß er den stärker werdenden Regen,die nassen Socken und das fehlende Frühstück gar nicht bemerken dürfte.
    Ist doch so: wenn Du bei einem Unfall einen Arm verlierst, dann merkst Du nicht, wenn Dich gleichzeitig eine Mücke in ins Bein sticht; und es interessiert Dich auch nicht wirklich, daß das Verfallsdatum deines Frühstücksjoghurts schon lange abgelaufen ist ….Du wirst es nicht mal wahrnehmen.

  2. Tina · 14. Juli 2007, 08:20 · #

    Nachtrag:
    Nach längerem Nachdenken muß ich meinen Kommentar doch selbst mal korrigieren:

    Diese Geschichte klingt nach und hinterläßt Fragen – sie beschäftigt mich.
    Vermutlich liegt meine Ablehnung darin begründet, daß ich (noch) keinen Sinn im Aushalten des Leides sehe. Menschen, die mir da einen Schritt voraus sind, werden sie anders einschätzen und beurteilen.
    Also laß Dich bitte nicht durch meine Otto-Normal-Verbraucher-Meinung frustrieren, es ist nur EINE von vielen, und auch die kann sich ändern, wenn ich vielleicht doch zu neuen ethischen Sichtweisen gelange.

  3. Thinkabout · 14. Juli 2007, 11:32 · #

    Liebe Tina
    Dies ist das Projekt einer fortlaufenden Erzählung, von der ich auch jetzt keine Ahnung habe, wie die nächsten Sätze lauten mögen und die Geschehnisse weiter gehen. So ist das Ende eines Beitrages, der unter “Figurales” abgespeichert wird, als Thema, nie rund und wirklich abgeschlossen. Er hört einfach auf. Lassen wir uns überraschen, was daraus wird.
    Nun, Boll ist nicht erst gestern verlassen worden. Wir wissen, dass er zu seiner Ex-Frau unterwegs ist. Die geschlagenen Wunden haben also schon Narben, aber die brennen noch immer ganz gehörig, und es ist ihm wohl lieber, sie tun das dumpf im Hintergrund. Wenn das nur aufgeht… Und vielleicht ist es ja so, dass Boll vor allem und nur die Dinge bemerkt, die ihm beweisen, dass er ist, was er zu sein glauben will: Ein Verlierer.


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