Boni - Krux
Wieder einmal wird im Schweizer Parlament die gesetzliche Regelung, um nicht zu sagen, die Begrenzung von Manager-Boni diskutiert.
Heute war von der Bundesrätin Sommaruga zu hören, dass knapp 400 Angestellte in der Schweiz zur Zeit Boni von 3 Mio CHF oder mehr pro Jahr erhalten. Die Zahl scheint nicht falsch zu sein, war doch von bürgerlicher Seite schon zu hören, dass sich der Aufwand für ein Gesetz “angesichts der wenigen hundert betroffenen Personen” nicht lohnen würde.
Nun, Thinkabouts Wife und mir scheint die Zahl absurd hoch – und doch mögen wir uns nur beschränkt aufregen. Denn das Unbehagen gilt dem Phänomen als Ganzes: Das Gezerre um die absurd hohen Vergütungen fördert die Neidgesellschaft. Es fördert die Grenzziehungen, verbreitert Gräben. Dabei würde Gelassenheit viel weiter führen:
Wer so viel Extra-Vergütung bezieht, wohlverstanden ohne zuvor mit eigenem Geld ein unternehmerisches Risiko eingegangen zu sein, kann irgendwie gar nicht Bodenhaftung behalten. Er wird gleichsam in eine Welt katapultiert, die sich aus- und abgrenzt. Da verändert sich die Persönlichkeit, und am Ende erkennt man sich im Spiegel nicht mehr.
Mir ist aber bewusst, dass diese Sichtweise nicht gegeben sein muss. Je nach eigener Herkunft und den persönlichen Verhältnissen können die Gefühle gegenüber diesen Scheren in den Einkommensklassen sehr viel heftiger sein.
Dabei wird hier im Endeffekt tatsächlich ein gross aufgebauschter Kampf gegen eine Extra-Kaste geführt. Prinzipien werden bemüht, Grundsatzdebatten angestossen, Volksinitiativen gegen Abzocker lanciert – und immer bleibt es ein Spiegelgefecht, weil man privaten Unternehmen nie die Möglichkeit nehmen kann, ihre Angestellten so zu entlöhnen, wie es ihrem Willen entspricht. Die gesetzlichen Leitlinien werden hier immer hinter den kreativen Ideen der Wirtschaft hinterher hinken.
Warum also nicht einfache und einleuchtende Grundsatzregel aufstellen und das Problem dort hin zur Lösung geben, wo es eigentlich hin gehört? In den Aktiengesellschaften würde das bedeuten, dass man nur dann Boni ausschütten darf, wenn effektiv Gewinn erzielt wurde und nachdem ein Teil dieses Gewinns als Dividende ausgeschüttet wurde. Damit wäre wenigstens garantiert, dass auch der Kleinaktionär von Gewinnen der Firman profitieren würde. Damit wäre das Absurdum ausgeschlossen, dass eine UBS Boni ausschütten kann, gleichzeitig aber die Dividenden aussetzt, weil die Eigenkapitaldecke (auch dies von Gesetzes wegen) dicker werden muss…
Wenn man im Übrigen Pensionskassen per Gesetz dazu zu zwingen scheinen muss, ihr Stimmrecht an einer Generalversammlung tatsächlich auch auszuüben, dann wird offensichtlich, dass der Grundsatz, dass Boni-Regelungen vom Aktionariat abgesegnet werden müssen, kaum viel verändern wird. Denn Grossaktionäre sind oft auch Verwaltungsräte, sind institutionelle Anleger, welche Teil des Systems sind und damit in anderer Funktion selbst Bonusbezüger. Schwierig, nicht wahr?
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Alice · 15. Dezember 2010, 06:05 · #
Ich liebe deine Grundsatzregel :-) Aber stell dir mal das Aufheulen bei den Noch-Boni-Bezügern vor, wenn sie eingeführt würde. Das würde doch glatt eine neue In-diesem-Fall-wandere-ich-aus-und-dann-seht-ihr-was-ihr-davon-habt Welle auslösen.
PS: Kürzlich war zu lesen, dass ein Investmentbanker nirgendwo mehr verdienen kann als bei der UBS. Wie war das also mit “Dann suche ich mir einen anderen Arbeitgeber?”
dirk · 15. Dezember 2010, 12:15 · #
Hoch fallen die Vorstands-Vergütungen nur im Verhältnis zu den Durchschnittslöhnen aus, gemessen an den Eigner-Einkommen sind sie bescheiden. Schafft mir einer einen Milliardengewinn und ich gönne ihm ein paar Millionen, sind das bloß Promille, Portokasse. Dass gerade Superreichen gehörende Medien bei dem Thema Manager-Boni so begeistert einsteigen, lässt mich vermuten, dass den Eignern diese Ablenkung von ihren Vermögen gefällt.
Eine durchaus nicht wirtschaftsliberale Freundin geht noch weiter und verteidigt hohe Boni als fast einzige Möglichkeit aufstrebender Angestellter, selbst Eigner zu werden. Ohne die Millionen-Boni, meint sie, wäre die gesamtgesellschaftliche Ungleichverteilung (wenigen gehört fast alles) geradezu zementiert.
Ich schließe mich dem nicht an, hätte aber gerne das Recht, meine Angestellten, wenn ich welche hätte, auch sehr gut zu bezahlen. Eine andere Freundin hatte genau dieses Problem. Sie hatte einen Laden, wollte aber eine längere Reise machen. Eine Freundin übernahm für sie und bekam dafür 20% des Gewinns – weit mehr als die Löhne der Beschäftigten. Die fanden das, obwohl sie nicht schlecht dort verdienten, so ungerecht, dass zwei vor Wut kündigten – und anderswo einen niedriger bezahlten Job annahmen. Daran muss ich seitdem denken, wenn nicht die Höhe des eigenen, sondern die eines fremden Einkommens getadelt wird.
Thinkabout @ Dirk · 16. Dezember 2010, 00:01 · #
Ich danke Dir für diese Beispiele und für den “Mut”, sie aufzuführen. Es ist in der Tat sehr schwierig, darauf hinzuweisen, dass im Protest “gegen oben” vereinte Arbeitsgemeinschaften sehr schnell illoyal oder unzufrieden unter einander werden können, wenn erst mal alternative Finanzierungsmodelle versucht werden: Erfolgsabhängig entlöhnt zu werden, ist gar nicht Jedermanns Sache.
Die Akzeptanz hoher Löhne innerhalb des Betriebes steigt wohl zumindest partiell, wenn jene, welche hauptsächlich für die Gewinne stehen, nicht vergessen, was davon der Basis zu verdanken ist. Es geht dabei auch um Haltung. Denn darin kommt auch die Gesinnung zum Vorschein. Ein Kriterium kann zum Beispiel Sicherheit sein: Das Gefühl, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, weil die Spitzen tüchtig sind und sich für den Betrieb auch einsetzen (und damit für den eigenen Lohn), hat etwas von Lebensqualität. Wenn Manager aber schnell weiterziehen, wird aus dem Rittertum das Raubrittertum – und DANN ist die Ohnmacht riesig. Ich glaube, dass es in den aktuellen Diskussionen genau darum geht: Die Spitzen verdienen nicht nur viel mehr – sie übernehmen auch kaum mehr Risiko. So ist die Wahrnehmung, und damit wird der eigene Beitrag der Basis zum Erfolg in den Dreck gezogen – und damit echtes Betriebskapial vernichtet.
Relax-Senf · 16. Dezember 2010, 01:02 · #
Boni – Krux, fasst es sehr gut zusammen. Es kann durchaus zu einer Situation kommen, wo alle Beteiligten zu Verlierern werden. Wenn der Staat bzw. unter dem Druck von USA und EU das rein populistische Ziel erreicht wird, die Boni zu kürzen und mit einem Deckel zu versehen, sind Eidg. Steuerverwaltung plus Kant. Steuerverwaltungen und SVA (AHV) die ersten Verlieren. In der öffentlichen Diskussion wird gefliessentlich übersehen, dass die Boni Empfänger erhebliche Zwangsabgaben leisten, womit auch der soziale Ausgleich finanziert wird. Dank Progression sollten sich Unterstützungsempfänger immer über mehr Boni freuen, denn Grosszügigkeit bei der Umverteilung hängt von steigenden Mehreinnahmen ab. Weniger Boni nützt weder den Niedriglohnstufen noch dem Steuerzahler. Eingesparte Gelder gehören dem Aktionär und/oder werden für die Unternehmensexpansion eingesetzt.
Die Forderung nur bei einer echten Gewinnsituation Boni zu zahlen und dies beschränkt auf z.B. 3 Mio. und mit einer über mehrere Jahre verteilten Zugriffs-/Verwertungsmöglichkeit, klingt nach einer brauchbaren Lösung, ist es aber sicher nicht.
@Dirk bringt es auf den Punkt. Es sind die Leute an der Front, d.h. Consultants, Sales, Marketing, welche die grossen Geschäfte “anreissen / holen etc.” und es sind diese Leute die damit für gut bezahlte Arbeitsplätze sorgen. Egal wie lausig die Abwickler bezahlt sind, sie gehören im Landesbranchenvergleich immer zu den besser verdienenden.
Wenn also Deal Maker Arbeitsplätze erhalten und markante Beiträge zum Abbau der Verluste / Verlustvortrag leisten, dann haben diese Leute – nehme das Beispiel von @Dirk – bei einer Milliarde Verlustreduktion auch ein paar Millionen verdient, auch wenn der Verlust noch nicht völlig beseitigt ist. Leider verstehen diesen Zusammenhang selbst wirtschaftlich Gebildete nicht. Es sind nicht die Arbeitsstunden die zählen das entstandene Geschäftsvolumen.
Die Sperrfrist für Boni und die Vergütung durch “eingefrorene Aktien” sieht an der Oberfläche gut aus, aber das Hochkochen der Emotionen verhindert dieser Weg auch nicht. CS CEO Brady Dougan ist zu so einem explodierenden Bonus gekommen, weil sich der Börsenkurs während der Sperrfrist (mehrere Jahr (5?) ) zu seinen Gunsten entwickelt. Welch ein Geschrei anschliessend. Die Bedingungen waren am Anfang der Abmachung in den Medien. Kein Han hat danach gekräht, weil es nicht nach Gewinn ausgesehen hat.
Handumkehren kann es doch keine Lösung sein, dass jemand für eine erbrachte und nachhaltige Leistung letztlich davon abhängt, ob die Gesamtbank über Jahre Gewinn macht. Ganz davon abgesehen, dass unkontrollierbare politische Ereignisse, die Kurse in den Keller schicken können etc.
Irland will eine 90 Prozent Boni Steuer einführen. Verstehe ich einerseits gut und doch gelten auch dort die obigen Ausführungen. Irland wird von den EU Partnern bedrängt, die zu niedrigen Unternehmenssteuern anzuheben, was Irland bis jetzt kategorisch ablehnt. Dahinter steht die Furcht, dass die mühsam angezogenen Unternehmen abwandern, wenn die niedrigen Steuern aufgehoben werden. Tja und so ist eben auch mit den Bankern die für “neues” Wachstum und Gewinn bzw. Verlustabbau sorgen.
Selbstzufrieden stellt @Alice fest, dass bis jetzt keine UBS Banker das Land verlassen haben und nach ihrer Meinung auch nicht verlassen werden. Solche Entwicklungen passieren nicht über Nacht und auch nicht innert einem Jahr. Blickt man aber nach 5 oder gar 10 Jahren zurück, zeigen die Statistiken plötzlich Kurven, deren unerkannter Ausgangspunkt im Rückblick mit einem Ereignis verknüpft werden kann.
Es waren Schweizer Banken welche in den Sechziger Jahren den damals innovativen Euro Geldmarkt schafften. Ein blühendes Geschäft, von dem die Schweiz prächtig profitierten. Die Gier von Politik und Stimmbürger – die an allen Finanzplätzen unbekannte Stempelsteuer – war nicht verhandelbar. Das Geschäft ist nach London abgewandert. Was London einen richtigen Schub gegeben hat um gegenüber der Schweiz aufzuholen. Aber die Stimmung in der Schweiz war gerettet. Wer in der Schweiz zuviel Erfolg erreicht, riskiert Kopf und Kragen. Gewissermassen als ausgleichende Gerechtigkeit (?) trifft dies auch in der Politik zu. Ja nicht mehr Intelligenz besitzen, ja keine Vision(en) besitzen. Wer diese Eigenschaften besitzt, wird, wenn es zum öffentlichen Thema wird, gnadenlos von Politik und Volk bekämpft. Unauffällig und durchschnittlich hat man gerne die Mitmenschen in der Schweiz. Wer sich a diese Erwartungen nicht hält, dem stehen noch Erfahrungen bevor, die aus dem fernen Mittelalter stammen.
Vor wenigen Stunden habe ich einen TV-News Beitrag über Kuba gesehen und dabei – mal wieder – gehört, dass auf Kuba alle Arbeitnehmer den gleichen Stundenlohn erhalten. Sie schaffen es auf 15 Euro im Monat. Ist dies die Arbeitswelt, wie es sich die Kämpfer gegen Boni vorstellen?
Wer „nur“ seine Arbeitskraft anbieten kann, erhält einfach nur den Lohn – „Preis“ – den der Markt je nach Mangel oder Überfluss im Angebot bezahlt,
Habe in meinem Job schon vielle Leute getroffen, die erst nach der leichfertigen Kündigung gemerkt haben, welchen guten und gutbezahlten Job sie vorher hatten. “Dirk hat es sehr gut ausgeführt. Diese ewige Jammerei dass die Gesellschaft schuld ist, dass es einem nicht gut geht. Kann diese Menschen schlicht nicht ernst nehmen, solange sie mehr Energie ns Jammern investieren anstatt in Versuche etwas zu ändern.
Thinkabout @ Relax-Senf · 16. Dezember 2010, 22:57 · #
ich nehme gerne einen Ansatz aus Deinem Kommentar auf:
Wahrscheinlich ist es gar nicht die Tatsache hoher Boni, welche die Menschen wütend macht. In der Tat ist es doch oft so, dass das Volk in Abstimmungen sich gegen eine pauschale Abstrafung der Vermögenden im Land ausspricht. Ich denke, dass es auch mit Kommunikation zu tun hat, und mit Verhalten: Es gibt von zu vielen Wirtschaftsgrössen in der Managerkaste keinerlei Verständnis für die Notwendigkeit, sich ein Stück weit auch der Diskussion zu stellen.
Im Zusammenhang mit der Person von Ospel dürften sich dabei bei manchem zwei Bilder vermischt haben: Als die UBS zu sinken drohte, überlagerte sich das Bild von Ospel mit jenem Mann, der seinerzeit Bundesrat und Swissair mit einer kalkulierten Nicht-Kommunikation ins Leere laufen liess. Es gibt eine Symbolik der Bilder – und ihr wurde in keiner Weise entgegen getreten.
Dass wir viel zu wenige politische Schwergewichte mit Talent zum Ausgleich haben, welche in Teppichetagen von Finanzunternehmen einer Diskussion mit Argumenten wirklich folgen könnten, macht den Ratschlag an die Elite der Versicherungen und Banken nicht überflüssig, aufzuzeigen, dass man durchaus Verantwortung für das Gemeinwesen mit übernimmt – und seinen Beitrag auch leistet. Wenn möglich bitte auch nicht absolut widerwillig. Das würde nämlich helfen, einen prosperierenden Wirtschaftsstandort Schweiz zu erhalten, auf dem die Eckpfeiler, die es dafür braucht, von der Mehrheit auch weiter gestützt werden.
Dabei fällt mir auf, dass Du in Deinem Kommentar im Zusammenhang mit Steuen das Wort “Zwangsabgaben” benutzt. Vielleicht stösst manchem genau das auf, dass er den Eindruck hat, die Sensibilität der Bestverdienenden gälte in aller erster Regel der Ausschöpfung aller Optimierungen…
Du erwähnst die Bedeutung der dem Staat durch diese Boni zufliessenden Gelder mit Recht, und weist darauf hin, dass sich dies durch die Progression noch akzentuiert. Leider ist die Politik auch ein schlingerndes Gefährt, und regionale und nationale Politik wollen oft nicht unter den gleichen Deckel passen. Es ist noch gar nicht lange her, dass man von Seiten des Bundes mehrere Kantone darauf hinweisen musste, dass eine negative Progression ungesetzlich wäre: Sie wurde politisch vorgeschlagen, um genau solches hohes Steuersubstrat in die betreffenden Kantone zu locken.
Fazit: Es weichen sich alte Grundsätze auf, Haltungen werden leichter aufgegeben als auch schon, und die reklamierende und schäumende Politik ist mittendrin.