Chinas Geld, unsere Moral
China auf Staatsbesuch in Deutschland, England, etc. Auf Investitionstour. Die Geldmacht China als weltweite Realität.
In der aktuellen Wochenzeitung DIE ZEIT gibt Matthias Nass (oder die Redaktion) unter dem Titel “Geldmacht China” im Leitartikel eine Einleitung zum Besten, zu der ich einfach ein paar eigene Gedanken beisteuern möchte:
Die Milliarden aus Peking können kommen, solange sich die Europäer ihre Moral nicht abkaufen lassen.
Im Artikel wird dann die Notwendigkeit ausgeführt, weiterhin auf die Menschenrechtskonflikte und die Dissidenten in China hinzuweisen und Meinungsfreiheit und Demokratie zu “fordern”. Dabei, Verzeihung, geht es doch gar nicht darum. Wir müssen uns in keiner Weise mit dem Verhalten der Chinesen beschäftigen – das ist, mit Verlaub, eine Anmassung, welche gerade die Chinesen selbst so empfinden. Und warum? Weil wir jenseits dieser Diskussionen um Menschenrechte im alltäglichen Wirtschaftsleben genügend eigenen Mist aufhäufen, der nicht nur für Asiaten ganz gehörig stinken kann.
Es ist ziemlich scheinheilig, dass wir jedes Geschäft mit Asien und China im Speziellen damit rechtfertigen, dass der damit verbundene wirtschaftliche Fortschritt den Chinesen selbst dank mehr Wohlstand schlussendlich auch mehr Rechte bescheren werde. Selbst dann, wenn das im Resultat nicht falsch ist, so ist der Effekt nur eine Momentaufnahme in einem Prozess, dessen Grundregel nichts anderes akzeptiert als das Prinzip des uneingeschränkten Wettbewerbs und des reinen Eigeninteresses des Individuums im jeweiligen geschäftlichen Kontext. Wir haben Olympia nach Peking vergeben, die Wirtschaft hat profitiert. Erst mal die westliche Wirtschaft, wohl gemerkt, denn nichts anderes hat die Entscheidung herbei geführt. Was das den systemkritischen Chinesen selbst gebracht hat, war am Verhalten der chinesischen Obrigkeiten bei den kleinsten Kundgebungen anlässlich Olympia abzulesen – und so mancher Journalist erfuhr es am eigenen Leib. Aber bleiben wir beim wirklich Unangenehmen:
China führt uns in allem den Spiegel vor. Wir haben unsere Produktionen nach China vergeben – ja nicht selten gar ganze Fabriken nach Fernost gezügelt. Wir akzeptieren Joint Ventures, in denen wir das finanzielle Risiko des Investments vollumfänglich tragen, aber nie wirkliche Entscheidungsfreiheit haben: Wir haben die Freiheit, frei produzieren zu lassen und wir sind so frei, hierfür jedes Geschäftsmodell in Erwägung zu ziehen, das mehr Gewinn verspricht – mag es noch so sehr allen hiesigen Prinzipien widersprechen. Denn es lockt der schnelle Reibach, die Expansion, das Wachstum – und wenn ich nicht die Goldgrube abgrabe, macht es der andere neben mir.
China macht – im gleichen Eigenverständnis, wie wir nach unseren Selbstverständlichkeiten agieren – das, was ihm seine finanzielle Macht erlaubt. Und wenn wir also davon sprechen, dass wir uns unsere Moral nicht abkaufen lassen sollen, dann sollten wir damit unser Verhalten im Geschäftsgebaren prüfen, und uns fragen, wie es denn um unsere Moral bestellt ist, wenn wir für wirtschaftliches Wachstum Umwelt, Klima, Arbeitsrecht links liegen lassen: Am Anfang aller dieser Probleme steht das Geld, das wir hier verdienen wollen. Die Frage ist also, wie wir das tun wollen, und wie sehr wir uns dafür tatsächlich verkaufen. Aber nicht so sehr dadurch, dass wir ein Menschenrechtsproblem nicht ansprechen, als mit der Leichtigkeit, mit der wir dem momentan billigsten Produktionsstandort alles unterordnen.
Ja, es geht einigen hundert Millionen Chinesen besser als früher. Für sie hat sich Vieles gewandelt. Aber auch dieser autoritäre Staat hat in dieser “Entwicklung” nicht korrigierend, masshaltend und regelnd eingegriffen: Die Inflation raubt den Armen die Nahrung vom Teller, die Umweltbelastung ist immens und die rasend alternde Gesellschaft kennt noch immer kein funktionierendes Renten- oder Krankenkassensystem. Die Art, wie wir mit Chinesen Geschäfte machen, spricht wohl in den seltensten Fällen dafür, dass sich die Partner an uns ein Beispiel nehmen… (mal abgesehen davon, dass wir in allen diesen Problemen auch nicht so richtig glänzen).
In diese Richtung aber könnte vielleicht die politische Arbeit gehen: Dass man erörtert, wie eine globalisierte Wirtschaft Regeln findet, nach denen Verantwortungen wahr genommen werden, welche über den einzelnen Geschäftsabschluss hinaus gehen. Wenn dem denn so wäre, dann hätte ich selbst bedeutend weniger Unbehagen bei Grossinvestitionen Chinas in Europa. Und im Anerkennen gemeinsamer übergeordneter Probleme würden auch Menschenrechtsfragen anders angesprochen werden können.

LD · 3. Juli 2011, 16:54 · #
Deine Beurteilung teile ich weitgehend. Die Menschenrechtsheuchlerei geht mir schon lange auf die Nerven. Und da sind wir beide nicht allein. Es missfällt mir jedoch etwas, wenn Du von “wir” und “uns” sprichst, als ob man alle Wirtschaftsakteure in einen Topf schmeissen könnte. Es gibt durchaus auch solche bei uns, die sich nicht allein durch ihre Gier treiben lassen und ihre Moral nicht der Gewinnmaximierung unterordnen. Oder fühlst Du Dich persönlich für die Verbrechen (mit)verantwortlich, die den Chinesen angetan wurden? Ich denke nicht.
Geld kennt keine Moral. Aber die Menschen, die mit dem Geld umgehen, sollten eine solche nicht nur kennen sondern auch haben. Die Forderung nach einer solchen ist für mich völlig unabhängig davon, wer wo wieviel “investiert”. Und diese Forderung stelle ich nicht bloss an China sondern genauso auch an unsere Wirtschaftsvertreter.
Thinkabout @ LD · 4. Juli 2011, 22:30 · #
Ja, ich fühle micht tatsächlich mitverantwortlich.
Irgendwann hat eine Partnerfirma eine neue Serie eines Produktes vorgestellt – sie kam erstmals aus China. Ich habe angemerkt, dass wir damit unseren Grundanspruch made in Germany / Switzerland selbst torpedieren – aber ich habe mich sehr schnell hinter der Position verkrochen, dass ich auf diese Entscheidung nicht wirklich Einfluss habe.
Nun habe ich mit anderen Partnern längst ein Portefeuille an Artikeln made in Asia, especially China. Und ich habe nach wie vor viel Mühe damit, wie schnell und reflexartig wir für den billigeren Einkauf jede europäische Variante gar nicht erst prüfen – mit dem Resultat, dass wir allfällige Alternativen womöglich gar nicht mehr “auf den Schirm bekommen”. Und ich? Finde uns zum Kotzen, nehme aber sehr wohl die Provision für jene Artikel auch an, die ich “made in China” verkaufe.
Ja, ich finde, ich bin mitverantwortlich. Nicht für die Verbrechen, die chinesischen Mitbürgern angetan werden – ich muss die Kausalzusammenhänge nicht so weit denken – ich kann schlicht bei mir selbst bleiben. Mein Rückgrat könnte fester sein.
Wir alle stehen auch als Konsumenten immer wieder vor ähnlichen Entscheidungen. Längst kaufen wir alle nach dem Billig-Impuls Dinge, obwohl wir sehr wohl eine Ahnung haben, dass wir damit Abläufe und Entwicklungen beschleunigen, die wir im Grunde gar nicht wollen, die aber sehr wohl kommen, weil alle denken, die anderen verhalten sich ja gleich, also, was sollen meine Prinzipien.
Genau deswegen müssen wir im Grunde aufhören, über die Menschenrechte zu reden, so lange wir nichts dafür tun, was uns selbst wirklich etwas abverlangt.
LD · 5. Juli 2011, 00:56 · #
Na, dann geht’s mir definitiv besser – jedenfalls schuldgefühlsmässig – und ich habe nicht das Bedürfnis, öffentlich zu beichten ;-). Meine Kinder bekommen schon seit klein auf kein Spielzeug, das aus China kommt. Auch alles andere, wofür es Alternativen aus der Schweiz, aus dem benachbarten Ausland oder zumindest aus Europa gibt, kommt bei uns zuhause definitiv nicht aus China, Indien oder sonst von weit her: Kleider, Lebensmittel, Werkzeuge, etc. Ja, natürlich kommen auch wir nicht ganz um China & Co, herum wie z.B. beim Handy. Bei solchen Dingen bemühe ich mich aber, den Konsum so tief als möglich zu halten, weshalb mein Handy schon fünf Jahre auf dem Buckel hat.
Dabei habe ich nicht einmal das Gefühl etwas zu vermissen. Im Gegenteil! Die Waren wie Kleider, Schuhe, Haushaltegräte und Werkzeuge, aus den “Hochlohnländern” Europas sind qualitativ höherwertig und halten nicht selten sogar mehrere Generationen, was längerfristig ohnehin viel günstiger ist. Und für einen guten Tropfen Wein (wovon wir in Europa mehr als genug haben) gebe ich gerne auch ein paar Franken mehr aus. Dabei sehe ich mich weder als besonders grün/umweltbewusst noch als Sozio-Revoluzzer oder Gutmensch. Ich bin jedoch ein Befürworter von stabilen Systemen, Effizienz und Qualität. Und eben aus diesem Grund bin ich ein entschiedener Gegner des Globalisierungswahns und der Aushöhlung unserer eigenen Wirtschaft durch die Externalisierung von Wertschöpfung in Billiglohnländer. Zudem ist die Kette der Kausalzusammenhänge zu den Verbrechen viel kürzer als Du wahrscheinlich denkst. Google mal nach “iPhone Apple China USA Herstellung Wertschöpfung Umweltverschmutzung”!
Wenn Du schon Deine “Sünden” hier öffentlich bekennst, wäre es eigentlich nur logisch, wenn Du auch Deine Konsequenzen aus Deiner Erkenntnis und Einsicht ziehst. Ich weiss, das ist nicht immer leicht. Schliesslich habe ich selber gut drei Jahre gebraucht, um der Finanzinformatik definitiv zu verlassen und mein Geld mit ethisch vertretbarer Arbeit zu verdienen.