Chinas Unverständnis ist verständlich, aber nicht akzeptabel
Die Meldungen rund um die Friedensnobelpreisvergabe in Oslo über das Verhalten des offiziellen China richten einen hellen Scheinwerfer auf das Selbstverständnis, das die chinesische Regierung bei allen Fragen rund um die Menschenrechte prägt. Es kann daran genau das gleiche abgelesen werden, was schon vor und während der olympischen Spiele zu beobachten war:
China verbittet sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten und hat keinerlei Ohr für die Auslegung von Menschenrechtsfragen nach westlichem Vorbild. Menschenrecht ist allenfalls soziales Wirtschaftsrecht, das höchstens darin gipfelt, dass sich ökonomische Prosperität für immer mehr Einzelne erreichen lässt. Die Führung ist dabei sehr darauf bedacht, den jeweiligen Eigennutz auf rein pekuniärer Basis zuzulassen, jegliches Begehren nach Mitbestimmung und Meinungsäusserung aber einzudämmen. Wie vorausschauend und umfassend alles unterbunden wird, was an Liu Xiaobo erinnern könnte, zeigt, wie viel Energie die chinesischen Machthaber in jede Keimerstickung legen, wenn vermeintlich staatliche Autorität in Frage gestellt werden könnte.
Können Sie sich vorstellen, Sie würden im Ausland leben, und Ihre eigene Botschaft in diesem Gastgeberland würde Sie dazu auffordern, gegen die gastgebende Regierung zu protestieren? Ist ziemlich einmalig, denke ich…
Aber vielleicht liegt hier auch genau ein Knackpunkt in unserem Verhältnis zu Fernost:
Es ist eben nicht die Schweiz, die solches wie selbstverständlich anmahnt. Es ist auch nicht der Exportweltmeister Deutschland. Es ist China (gegenüber in Norwegen lebenden chinesischen Bürgern), das Land mit der grössten Bevölkerung, dem grössten Wirtschaftswachstum, den höchsten Devisenreserven in US-Dollars, die je ein Land besessen hat. Im Grunde hängt die ganze Weltwirtschaft nicht nur von der Nachfrage Chinas ab – sondern auch von deren Finanzgebaren, die eigentliche Leitwährung ist demnach wohl der chinesische Yuan…
China bestimmt die Grundparameter der globalen Wirtschaftspolitik. Würde der gelbe Riese einen Wirtschaftskrieg wollen, es wäre ein leichtes, die amerikanische Ökonomie austrocknen zu lassen. Das würde zwar die Probleme im eigenen Land verschärfen, aber in der Tat hatte der Westen nach chinesischer Optik noch nie so wenig Anlass, für sich Weisheit zu beanspruchen.
Es bleibt für mich zwar ein Grund für Protest, Zivilcourage und klaren Positionsbezug, wie mit Menschenrechtsexponenten in China umgegangen wird, wie hart Menschen abgeurteilt werden, die nicht systemkonform funktionieren wollen (oder können). Wenn vorausschauend verfügt wird, dass in Restaurants keine Reservationen für mehr als sechs Personen getätigt werden dürfen, um spontane Feiern zu Ehren des neuen chinesischen Friedensnobelpreisträgers zu verhindern, dann ist das eine dieser Meldungen, die nicht nur brüskieren, sondern auch verstören: Woher kommt diese völlig überzogen scheinende Phobie vor jeder offen(er)en Diskussion?
Der Chef des Friedensnobelpreiskomitees, Thorbjørn Jagland, hat es wohl zutreffend ausgedrückt:
China trägt mit seinen 1.3 Mia Menschen in gewissem Sinn das Schicksal der Menschheit auf den Schultern. Wie gross wäre die Strahlwirkung, gelänge es gerade da, eine soziale Marktwirtschaft mit vollumfänglich ausgebildeten Bürgerrechten zu entwickeln. Nach der chinesischen Erfahrung sind die dreissig Jahre beispiellosen Wirtschaftswachstums nur möglich gewesen dank der strikt geführten Öffnung bei abgeriegelten Ventilen aller möglichen Störungsquellen. Die Spekulation, wie das weiter gehen soll, mag und wird, dürfte uns alle immer intensiver beschäftigen. Nachhaltig.
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Anregung zum Artikel lieferte
die NZZ von heute, Seite 3, Liu Xiaobo muss freigelassen werden, von Ingrid Meissl.
Bild: Sternschnuppe1 bei pixelio.de
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Seelenleerer · 12. Dezember 2010, 13:43 · #
Nicht akzeptabel
aber voll akzeptiert
von unseren Politkern wenn sie bei Gesprächen um den heissen Brei reden, um die Wirtschaftsbeziehungen nicht zu gefährden.
von uns Konsumenten wenn wir im Laden durch “Made in China” den Dollarkauf der Chinesen fördern.
von der Wirtschaft selber, weil Zusammenarbeit den Gewinn ins unermessliche steigen lässt.
Wo oder wie sollen wir anfangen dies zu stoppen?
Noch ein ganz anderer Gedanke: China blickt als Volk auf eine Geschichte von mehr als 4’000 Jahren zurück. Wie alt sind die Menschenrechte?
Die Chinesische Regierung betrachtet diese vermutlich als eine Art Modeströmung, die wieder vorbei gehen wird. Die Kath. Kirche mit ihren 2’000 Jahren wird ähnliches über die Rechte der Frauen denken.
Seelenleerer · 14. Dezember 2010, 15:50 · #
Nachträglicher Gedanke:
Bevor wir eines Tages den Chinesen die Menschenrechte näher bringen wollen, sollten wir vielleicht selber damit anfangen.
Damit will ich deren Verhalten auf keinen Fall gut heissen, aber Präsident Bush z.B. hat eigens für die Häftlinge auf Guantanamo einen Begriff geschaffen, damit er ihnen nicht einmal die Rechte nach der Genfer Konvention gewähren muss, von Menschenrechten gar nicht zu reden. Welche westliche Regierung hat sich für diese Menschen eingesetzt?
Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein.
Mittlerweile ist sogar offensichtlich, dass sie unschuldig sind, sonst gäbe es sicher endlich ein ordentliches Gerichtsverfahren. Auch so ein Menschenrecht. Und trotzdem will fast niemand bei der Auflösung durch Übernahme der Inhaftierten helfen.
Wenigstens wir Schweizer wagten diesen Schritt – leider zum Missfallen der Chinesen, was uns wohl in deren Augen als Botschafter der Menschenrechte diskreditiert.
Thinkabout @ Seelenleerer · 14. Dezember 2010, 23:06 · #
Kritik an Guantanamo war durchaus immer wieder zu hören. Es wurde nie totgeschwiegen, nach meinem Empfinden. Ein Stück weit blieb Guantanamo ein Stück weit stets das Symbol einer Entmystifizierung des aufrechten, guten Amerika. Noch viel stärker als Abu Graib.
Ansonsten finde ich auch, dass wir alle uns viel zu wenig bewusst sind, welchen Wert unsere freiheitlichen Rechte darstellen. Und indem wir so wenig Zivilcourage besitzen, so viel Gleichgültigkeit, spucken wir auf Blut und Schweiss jener Menschen, die hier vor uns für uns ähnliches Rückgrat beweisen mussten, wie es heute Bürgerrechtler in China beweisen, oder wo auch immer. Es ist alles nur eine Frage des Zeitpunkts in der Geschichte, und wir vergessen leider viel zu schnell…
Seelenleerer · 15. Dezember 2010, 14:18 · #
Es stimmt, dass die Kritik an Guantamo immer wieder zu hören war. Die Chinesische Einheitsregierungspartei wird aber Rückschlüsse über die Folgen dieser Kritik ziehen. Wenn keine Reaktion auf diese Kritik passiert, wird das Politbüro annehmen, dass auch sie Sanktionsfrei mit ihrem Gebaren davon kommen.
Grosse Länder sind wie kleine Kinder.
Zum Glück bin ich nicht in solch einer Situation, dass mein Geschreibe einen direkten Einfluss auf Dauer und Ort meines Lebensabends hat.
In diesem Punkt hege ich sehr grossen Respekt vor wirklich mutigen Menschen.