Das Internet ist nicht beherrschbar
Im Moment ist der Blick ins Netz sehr interessant. Gleich mehrfach lässt sich verfolgen, dass die Geister, welche die Obrigkeit beschwört, sich plötzlich gegen diese selbst richten können.
Ein Reflex der amerikanischen Regierung auf 9/11 war die Forderung, Bürger beim kleinsten Verdacht gläsern werden lassen zu können. Die Flut der stillen Überwachungen dürfte dabei hunderttausende von Personen mit einschliessen, wenn nicht noch viel mehr. Wobei ganz offensichtlich wird, dass diese Flut gar nicht auszuwerten ist. Und während Onkel Sam also Daten in aller Welt und über alle möglichen auch nur entfernt allenfalls irgendwann mal Verdächtigen Personen sammelt – und dabei jedes Persönlichkeitsrecht mit Füssen tritt, ist es umgekehrt möglich, dass eine einzelne Person, ein einfacher Gefreiter im Irak, eine schiere Datenflut “empfindlicher” diplomatischer US-Depeschen anzapft.
Im Namen der Sicherheit ist zuvor eine Allmachtsphantasie los getreten worden, die sich nun gegen die Urheber selbst richtet. Und es ist völlig offen, was dies noch für Folgen haben wird. Um sich zurück zu lehnen und vergnüglich zuzusehen, wer gewinnen wird, besteht kein Anlass: Denn wir alle sind Teil dieses Netzes, wir produzieren laufend Daten, sind Manövriermasse dieses Spiels und benutzen Datenautobahnen und Dienstleistungen, deren Anbieter ganz offensichtlich bei obrigkeitlichem Druck sehr schnell einknicken:
PayPal, Mastercard, Amazon, die Schweizer Postfinance – alles Firmen, die den Zahlungsverkehr zugunsten von Wikileaks in beschleunigten Verfahren eiligst eingestellt haben. Das hinterlässt zumindest ein schales Gefühl – denn wer auf Druck so schnell reagiert, einigermassen willkürlich Personen und Organisationen von seinen Dienstleistungen ausnimmt, bevor der objektiv dafür vorliegende Grund verbindlich abgeklärt werden kann – wer also dermassen steuerbar ist, wie wird wohl eine solche Organisation mit unseren eigenen Daten verfahren?
Druckmittel ist dabei stets die Androhung von Schwierigkeiten für die Ausübung der eigenen Geschäfte. Dass sich nun Internet-Angriffe gegen diese Dienstleister selbst richten, ist der Einsatz gleicher Mittel aus dem Heer der Kunden. Und das könnte am Ende wirklich richtig teuer werden. Wenn sich Aufrufe zum Boykott dieser Dienstleister häufen und Attacken auf Server nicht abreissen, dann kann es durchaus kritisch werden: Halten Hackerangriffe auf eine Seite wie Postfinance an, sind plötzlich Zahlungssysteme von Firmen betroffen, die ihre Rechnungen im Tagesgeschäft über diese Portale abwickeln – und nun für Vorgänge, die sonst nebenbei erledigt werden, besonderes Augenmerk, Zeit und Energie benötigen – wobei womöglich auch das Unbehagen über den Grad der Sicherheit der Transaktionen wächst. Wenn sich nur jede 50. Firma entschliesst, andere Bezahlformen fürs Tagesgeschäft zu suchen, oder wenn jeder hundertste mögliche Nutzer von PayPal bei einem konkreten Geschäft fragt, ob er den Dienst dieser Firma wirklich in Anspruch nehmen will, dann kann der Schuss sehr schnell nach hinten los gehen.
Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass das Vorgehen von Wikileaks dem propagierten Ziel offener Kommunikation und dadurch verbesserter Demokratie nicht dient, und ich bin mir über die tieferen Beweggründe der Organisation sehr unsicher. Die Art, wie auf Wikileaks aber reagiert wird, macht noch viel skeptischer. Gegen Firmen, die beinahe proaktiv gegen Wikileaks entscheiden, sind Vorbehalte angebracht. Etwas anderes sind Hacker-Angriffe gegen die Anwälte der Frauen in Schweden, welche Assange angezeigt haben: Diese Anwälte erfüllen die Funktion, die zu unserem Rechtssystem gehört. Sie müssen ihre Arbeit tun können.
Firmen wie Visa oder Mastercard auch – allerdings sollten sie nicht so leicht Partei in solchen Konflikten werden. Und wenn schon, ist erst einmal eine grundsätzliche Parteinahme für die Kudenbedürfnisse und -Ansprüche angesagt, die für alle gleichermassen gelten müssen, vor dem Gesetz. Hier aber wird Druck nachgegeben, der ganz offensichtlich in Ermangelung einer solchen gesetzlichen Grundlage mit anderen Mitteln erzeugt wird. Und nichts regt den Widerstand freiheitlicher anonymer Geister im Netz so leicht wie ein solches Gebahren. Einmal mehr darf gestaunt werden, wie massiv sich (amerikanische) Regierungsstellen verkalkulieren können.
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LD · 8. Dezember 2010, 20:55 · #
Nun kann der von den Geheimdiensten (allen voran denen aus den USA) oft bemühte Spruch auch gegen ihre Urheber angewandt werden: “Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu fürchten”.
Relax-Senf · 8. Dezember 2010, 23:20 · #
Amazon, Paypal, Master Card etc., haben vermutlich politischem Druck nachgegeben, was schlecht ist und einen Krieg im Cyberspace mit ungewissem Ausgang ausgelöst hat. Alle erwähnten Geschäftsverbindungen bestanden seit einiger Zeit.
Anders sieht es bei der Postfinance in der Schweiz aus. Nach bestehendem Regelwerk – Sorgfaltspflicht / Abwehr der Geldwäscherei – darf ein Konto nicht eröffnet werden, wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind. Mit einer Postfachadresse in Australien und ohne Domizil in der Schweiz, ist eine Kontoeröffnung nicht statthaft. Dies wäre zum Umgehen gewesen, wenn Personen aus der Schweizer Piraten Partei im “Window” präsentiert worden wären. Was jedoch zumindest eine er beteiligten Parteien nicht wollte.
Losgelöst vom Fall Wikileaks wird Julian Assange mit seinem selbstherrlichen Führungsstil und Machtanspruch, die Schlacht im formaljuristischen Bereich definitiv verlieren und dies zu Recht. Zur Umgehung – pardon – zur flexiblen Einhaltung von Gesetzen braucht man Freunde, was wiederum Vertrauen auf beiden Seiten voraussetzt. In dieser Beziehung bleibt J A ein schmerzhafter Lernprozess nicht erspart.
Thinkabout @ Relax-Senf · 9. Dezember 2010, 20:53 · #
Danke für Deine Einwände und Präzisierungen.
Der Fall der Postfinance liegt tatsächlich anders. Zumindest, was die materielle Begründung betrifft. Formell lässt sich dennoch fragen, warum welches Konto wie schnell überprüft worden ist? (Und auf wessen Veranlassung?)
Was die Person Assange betrifft, hast Du wohl recht. Als einsamer Rächer bleibt man im Jail wohl bedauernswert, aber man bleibt da sitzen. Er scheint einige Partner auf dem Weg dahin “verbraucht” zu haben…
Relax-Senf · 12. Dezember 2010, 01:53 · #
@Thinkabout:
“Arme” Postfinance, jetzt haben die noch eine amtliche Klage am Hals, weil sie die Kontoschliessung öffentlich kommuniziert haben.
Das ist Swiss Style, wo kämen wir auch hin, wenn alles gleich den Medien und Öffentlichkeit mitgeteilt wird. Die Weitergabe bleibt Datenklauern und Wikileaks vorbehalten.