Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das kleine grosse Glück

∞  30 Mai 2008, 22:47

abgelegt in SMS zum Tag
und in Zeit und Leere



Der kleine Feierabend mit seinem Durchatmen vor dem erfrischenden Getränk am kleinen Tisch mit der Zeitung ist kleines Geschenk und grosser Lohn zugleich.

Genau jetzt fragen wir nicht, ob es morgen wieder so sein wird? Wir geniessen, gestatten uns Lohn nach einem harten Tag. Wir fragen im Moment nicht, ob der Tag wirklich hart war und wir ein Recht auf das Glas Bier oder den erfrischenden Saft haben.

Tatsache ist, dass uns der Tag gefordert hat und die Erfrischung uns jetzt gut tut, dass wir entsprechend bewusst trinken und diesen ersten Schluck geniessen; so sehr, dass im Augenblick nichts anderes eine Bedeutung hat oder behält oder bekommt.

Vielleicht sind Sie heute durch den Tag gewandert, oder Sie sind auf dem Fahrrad, in einem Moment mit ruhig dahin fliessender Zeit sich bewusst geworden, wie gut Ihr Leben eingerichtet ist.

Sie haben einen Moment Glück erlebt. Haben Sie ihn angenommen? So wie den Schluck am Feierabend? Oder neigen Sie dazu, diesem gefühlten Glück zu misstrauen? Vermuten Sie dahinter den nächsten Rückschlag? Das Leben kann ganz schön launig sein, ich weiss. Aber in aller Regel sind es unsere eigenen Sperenzchen, die so manchen Glücksbringer zur Verzweiflung bringen könnten, weil wir eben nicht schlicht und einfach sagen können: Und verflixt nochmal, ich geniesse jetzt dieses Bier oder diesen Abend oder dieses Leben, so, wie es sich mir anbietet, und frage nicht nach dem nächsten Tiefschlag. Und wenn er dann kommen mag, dann werde ich mich genau so wenig vom Rad werfen lassen für immer, wenn es denn nicht sein muss. Ich werde aufstehen und gehen und stehen, wo immer mich das Leben haben will, ich werde das Leben nach seiner Sonne fragen und ihm Sinn geben wollen, denn ich will in ihm zuhause sein und in den Schuhen, in die es mich stellt, Trittsicherheit finden.

Und wenn da ein Stuhl steht am Rand des Weges, auf dem PAUSE steht, dann setze ich mich. Ich muss nicht härter zu mir sein als mein Schicksal. Und ich darf annehmen, dass dieses nichts mit mir vorhat, das mich aus der Bahn werfen will, ohne mich auf neue Wege zu stellen.

Nehmen wir also den Fluss der Zeit auf, leben wir am Fluss, der unsere Lebensgrundlage ist, gleiten wir auf ihm dahin, baden wir darin, meiden wir Stromschnellen, und wenn sie uns erfassen, so können wir doch hoffen, dass wir wie Treibholz durch die Wirrnisse finden und an einer neuen Sandbank anhängen.

Wo und wann die Reise zu Ende ist und was wir dabei erleben – wie könnten wir es wissen? Aber wir können wissen, dass der Augenblick nur mit unserem eigenen Zutun seine ganze Vielfalt für uns ausbreiten kann.

[Bildquelle: APA / kleinezeitung.at ]


°

  1. Menachem · 31. Mai 2008, 17:43 · #

    Lieber Thinkabout, ich glaube, dieser Botschaften können wir nicht genug bekommen. Es ist, so glaube ich, garnicht unser Wille, das Nichtgenießen wollen und können, es ist unser Unvermögen. Fest zementiert in unseren Synapsen, von Kleinstkindesbeinen an bis zum Strammstehen beim Chef: Leistung und Funtkionieren, gestern, heute, morgen.
    Aufweichen können wir das vielleicht nur, wenn wir es immer wieder hören. Und so finde ich, das dies immer zu wiederholen, keine Fantasielosigkeit ist, sondern ein gutes Werk für die Menschen ist.
    (Ich kann es immer, immer hören, – ich glaube daran).
    Liebe Grüße, Menachem

  2. Gabi · 31. Mai 2008, 23:00 · #

    Danke und ja Thinkabout,
    viele kleine und große Momente eines Glücks durfte ich heute erleben und dankbar annehmen.
    Immer wieder setzte ich mich still hin und freute mich an dem Glück, das ich empfinden durfte und meine Augen tranken sich an schönen Dingen satt.
    Dabei .. rede ich nur von meinem Wohnzimmer, das ich umgeräumt habe.
    Am Ende dieses geschäftigen Tages gönne ich mir nun ein wenig internettes;-)

    Mögest Du stets nach Trubel und Geschäftigkeit Deine Inseln der Stille und des Genusses haben.

  3. Janna · 2. Juni 2008, 17:21 · #

    ...ich habe auch geräumt – meinen Wintergarten, um eine andere Sichtachse zu schaffen…sehr seltsam, dass man glaubt, woanders zu sein! so eingefahren ist der Mensch….
    Und so mit einer Tasse Tee versucht man, das auch draußen neu geschaffene zu …lieben…. – kleiner Feierabend…:-) Janna

  4. Thinkabout · 2. Juni 2008, 23:23 · #

    Janna: Bist Du Dir bewusst, dass Du mir immer wieder einen sehr intensiven Blick in alltägliche Dinge schenkst? Es ist eine grosse Gabe, der kleinen Handreichung, dem Kaffee, den man sich selbst bereitet, die Freude zu schenken, die er tatsächlich geben kann.
    Es ist schön, wenn Du davon erzählst!


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