Das letzte Stück ist schwer
Wann beginnt sie, die schleichende Fahrt in die Einsamkeit? Ich bin in einem Alter, in dem unsere Eltern alt werden. Nicht älter. Sondern wirklich alt. An keinem anderen Menschen last sich so gut beobachten und erleben, wie hart die letzte Lebensschule sein kann, wie am Vater oder der Mutter:
Die Tätigkeiten und Aufenthalte, die einem immer lieb und teuer waren: Plötzlich wollen sie nicht mehr von der Hand gehen – und auch das Sitzen im Lehnstuhl vertieft nur noch die bittere Erkenntnis, diesen Platz nicht mehr frei wählen zu können, nach der Inspiration eines Tuns, einer Aktivität. Der Sessel ist nicht länger das, was lockt, ein Platz zum Ausruhen. Er ist am Ende alles, was bleibt, und das Leben findet nur noch im Fernsehen statt.
Oder: Wir Jüngeren können uns ärgern, wenn die Eltern nicht vernünftig sein wollen und es freiwillig ruhiger angehen. Wir rechnen ihnen vor, was sie schon wieder vergessen haben und drängen sie, bei Gebresten dies und jenes zu versuchen oder doch wenigstens mal zum Arzt zu gehen. Wenn sie aber dann so weit sind, dass sie bemerken, dass die Jüngeren recht haben – überkommt diesen Rest Leben oft eine schwere Altersdepression.
Dass dieses Altwerden auch von Schermzen begleitet ist, bei fast allen – macht es genau so noch schwerer wie die zunehmende Einsamkeit. Man ist mit seinem Vergessen mit jenen allein, zunehmend, die ebenfalls keine Erinnerung mehr an gestern haben – und deren Blick in frühere Zeiten sich an der Unbeholfenheit bis Unmöglichkeit stösst, sich in der modernen Welt zurecht zu finden. Viele jener Menschen, die in unserem Rücken in diesen Jahren in diesem Sinn alt werden und vergessen gehen, haben Internet und e-mail nicht mehr kennen gelernt oder angenommen. Man mag meinen, dies wäre doch eine Erleichterung in dieser Situation, weil es Kommunikation mit minimalem Aufwand im eigentlichen Sinn “mobil” möglich macht. Ja. Vielleicht. Wahrscheinlich haben wir es einmal leichter. Aber das Internet ersetzt keine Begegnungen, es könnte sie höchstens vorbereiten. Derweil muss die heutige alte Generation den gleichen Kampf fechten wie die Generationen zuvor und alle zukünftigen. Am Ende wird man auf sich selbst zurück geworfen. Dass auch die Sterberate unter den noch vorhandenen Kontakten genau dies noch so brutal bestätigt – muss es sein? Muss das alles sein? Warum altern die einen in so viel besserer Stimmung und Kondition als andere? Kriegt man die Rechnung der Arbeit an sich selbst erst ganz am Schluss vorgelegt?
Wenn ich verschiedene Lebensabende mit einander vergleiche: Was gäbe mir das Recht, das eine als verdienter als das andere zu betrachten? Hat es sich jemand gut eingerichtet, so ist ihm das zu gönnen. Aber ob er behält, was ihm Sicherheit vermitteln soll, gesundheitlich wie finanziell – es gibt keine Garantie.
Wir hören immer wieder, wahrscheinlich auch uns selber: Im Alter “den Verstand verlieren”, dement werden, das wäre furchtbar. Nun, im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir unsere wachen Fragen in die dämmriger werdenden Hirnwindungen mitnehmen. Wenn unser Leben freudloser wird, grauer, dämmriger – so ist das mit wachem Verstand wohl nicht einfacher zu ertragen. Mit Demut, Herz und dem Zutrauen, dass ich den mir bestimmten Weg gehen kann – ist es wohl leichter zu ertragen. Und spätestens dann ist kindlicher Glaube nichts mehr, für das man verspottet werden wird.

Ray · 18. Oktober 2011, 20:15 · #
Berührend. Vorallem, wenn man wie ich gerade in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema konfrontiert war und ist. Du magst meinen Blogpost zum Gespräch mit meiner Mutter gelesen haben. http://haze.ch/?p=5374 ist ein kleiner Erfahrungsbericht der vermitteln soll, wie das ist, wenn man ganz nah dran ist.
Thinkabout @Ray · 18. Oktober 2011, 22:45 · #
Ja, lieber Ray, ich hatte diesen Beitrag gelesen, ich kann mich gut erinnern. Und darum empfehle ich diese Lektüre gerne allen anderen ebenfalls.
In unseren Empfindungen und Gefühlen, auch in der Wehmut unserer Verluste, können wir doch den Trost spüren, diese Erfahrungen mit Vielen zu teilen. Um so schöner, wenn es auch zum Ausdruck gebracht wird, wie in Deinem Artikel
Claudia · 19. Oktober 2011, 09:46 · #
Erschreckend und berührend, ja. Du schreibst: das Leben findet dann nur noch im Fernsehen statt – immerhin! Ich frage mich, wie das vor Zeiten des Fernsehens eigentlich war, als die Alten einfadch nur herum sitzen konnten und KEINE Möglichkeit hatten, die Welt medial mitzubekommen. Wie haben sie das ausgehalten?
Bei uns wird dann wohl das Netz “das Medium” sein, das auch noch liegend nutzbar ist.
Angesichts des Blogpostings von Ray frage ich mich einmal mehr: welche Art “an sich arbeiten” ist wohl am sinnvollsten, um das Vergessen nicht allzu angstbesetzt zu erleben?
Manchmal bin ich so unaufmerksam und tendenziell in eigene Gedanken verstrickt, dass ich plötzlich merke, dass mir der aktuelle Kontext entglitten ist: Wobei war ich noch grade? Was hab ich gesucht? Was hat er als Letztes gesagt bzw. worüber spricht er nochmal?
Dann fällt mir ein: eines Tages könnte DAS der Normalzustand sein, schlimmer sogar. Wie vermeide ich dann, in Angst zu geraten?
Meine Hoffnung und Antwort: durch eine nicht erst im hohen Alter einsetzende meditative Praxis – womit ich wirklich nicht zwingend “Sitzmeditation” meine, die betreibe ich selber auch nicht.
Sondern die Übung des Gewahrseins im Augenblick: aus einem x-beliebigen Kontext geistig heraus treten, ins “Nichts” treten und von da aus spüren, was ist. Ich atme, spüre den Körper, nehme das Wetter bzw. die Stimmung und Farbe der Umgebung wahr, kehre immer wieder zur Konzentration auf Atem und Körper zurück, egal wohin die Gedanken wandern wollten…
Daraus kann in Momenten der Verwirrung ein quasi automatischer “Reality-Check” werden: wer bin ich? /was ist? Was fühle, höre, sehe, spüre ich? Bin ich ok oder fehlt mir was? Was? Droht mir was? – was genau?
Meint Ihr, eine solche Praxis könnte helfen? Ich sehe darin mehr Chancen, als dass ich im Altern noch gläubig werde – ich könnte es mir selbst nicht glauben.
Maria · 19. Oktober 2011, 09:59 · #
@Claudia: Sitzmeditation ist nichts anderes, als das, was Du beschreibst: Immer wieder zum Atem zurückkehren. Sie braucht überhaupt keinen Kontext, schon gar nicht einen religiösen.
Und ja, ich denke, das ist zwar nicht ein ultimatives Mittel gegen das Vergessen, aber sicher ein Mittel, innerlich ruhig zu bleiben, zentriert, bei sich und anwesend, egal, was Leben und Alter mit einem machen.
Thinkabout @Claudia, Maria · 19. Oktober 2011, 18:26 · #
Meine Entgegnung ist nicht unbedingt ein Widerspruch, mehr eine Beobachtung, schon an mir selbst:
Je älter ich werde, um so schwieriger fällt es mir, Neues zu lernen. Ich greife viel eher auf Vertrautes zurück, auf den Kompass, nach dem ich mich vergleichend orientieren kann. Also:
Was Hans nicht lernt, schafft Opa Hans kaum mehr:
Eine schöne Vorstellung, im Alter aus der Not eine Tugend zu machen und das Hören zu lernen. Das Denken oder eben das Nicht-Denken, das bewusste Atmen. Aber, glaubt mir, wenn nicht einmal mehr das Atmen leicht erscheint, von allein geschieht – dann ist uns der Atemzug schon beinahe zu bewusst am Nächsten.
Aber wenn ich das Sitzen schon gelernt habe – dann kann ich im letzten Abschnitt meines Lebens diesem Sitzen eine Gelassenheitskomponente hinzufügen und dabei gar hellsichtiger werden. Ja, das ist wohl möglich – vorausgesetzt, mein Geist ist so wach, wie wir uns das jetzt, in kindlicher Naivität, für diese Zeit auch wünschen.
Claudia · 21. Oktober 2011, 22:20 · #
@thinkabout: auch ich will deiner Beobachtung nicht widersprechen – im Gegenteil, ich denke ebenso, Und genau deshalb meine ich, dass eine ständige Praxis jener Gewahrseinsübung (stehen, spazierend, sitzend, gehend, liegend…) eben eine GEWOHNHEIT schafft. Die dann – wie alle lange etablierten Gewohnheiten – eine ganz eigene Schwerkraft entfaltet: man kann nicht mehr anders, egal wie man gerade denkt,
Und – so vermute ich – eben auch egal, ob man denkt, ob man erinnert, ob man noch weiß, dass man sich mal Gedanken darüber gemacht hat, was den Schrecken der Demenz entgegen zu setzen wäre.
Ich hab mir z.B. seit Jahren angewöhnt, mich morgends mit einem Massagehandschuh abzurubbeln. Da kann anstehen was will, ich denke nicht drüber nach, ob ich die Minuten heut einspare… Oder mal im Negativen: wie schwer ist es, vom Rauchen loszukommen, auch wenn der Intellekt 1000 mal dagegen ist? (Und es liegt NICHT an der Nikotinsucht, die ist marginal.. sondern an den Gewohnheiten und unbewussten Identifikationen.
Nicht der wache Geist ist es, der uns allermeist steuert, auch wenn wir uns das gerne einreden. Das Wachbewusstsein (und darin das noch kleinere “Rationale”) ist nur die Spitze des Eisbergs…
Warum also nicht auf den Eisberg vertrauen, wenn der Verstand verloren geht?