Das Opfergefängnis
Wie begegne ich einem Opfer? Es ist im Grunde unmöglich. Dazu würde gehören, die Welt des anderen zu kennen. Wie soll das gehen, wenn die Dinge nicht ausgesprochen werden können? Erst geht es nicht, weil das Ding in einem festhockt, ganz tief. Später geht es auch nicht, weil man weiss, so wie es in einem hockte, genau so bockig wird es wo anders sich nicht enthüllen wollen. Das Ding gehört zu einem selbst. Es gibt nichts Persönlicheres, obwohl es etwas so Fremdes ist. Und dabei das einzige bleibt, was zu einem gehört. Man ist man. Und dieses Ding. Was sonst?
Herta Müller gibt in der Atemschaukel einem Opfer eine Stimme, und es ist eine unglaubliche Leistung, dass sie da eine Tür aufzwängt, durch die sich hindurch lugen lässt, ohne dass man sofort die Jacke über der Brust zusammen zieht. Man kann mit weinen – und kommt gar nicht in Versuchung, einmal zu sagen: “Ich verstehe.”
Aber es gibt da eine Ahnung – und die Beschämung, dieses nach innen gerichtete Heimweh nach der einzigen Orientierung, der man nur physisch entflohen ist, zu verstehen – weil man selbst auch immer mal wieder einem eigenen Kummer über Gebühr nachhängen mag:

dirk · 13. April 2010, 07:51 · #
Was ist denn, ohne jede Konkretisierung, ein Opfer? Ein Menschentyp? Bei Herta Müller ist es ein (von vielen) Opfer stalinistischen Terrors. Und wer ist kein Opfer? Einer, der das Glück hatte, in friedlichen Zeiten zu leben? Oder (Neuköllner Gang-Slang) das Gegenteil einer Respektsperson? “Du Opfer!” Ein Täter? “Man ist man”, schreibst du, schlimmer als “Mann ist Mann” (Brecht) und doch denke ich da: hoffentlich. Wenigstens nicht: ‘man ist Opfer’. Oder muss man, vor solcher Rede, sagen ‘auch ich bin ein Opfer’, um nicht auf einer ganz falschen Seite zu stehen?