Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das Problem mit den schönen Sätzen

∞  25 März 2011, 12:06

Wer sich gut ausdrücken kann, ist deswegen der Wahrheit keinen Schritt näher als Sie.


Menschen, die mir verraten, sie würden mir nicht schreiben oder hätten nichts gesagt, weil ich es selbst so viel schöner und schon früher geschrieben hätte, möchte ich antworten: Nichts kann mir so sehr im Weg sein wie die eigene Rhetorik, diese gewohnte Schlaufe der Wörter, die ich um die Wahrheit wickle, bis mir die Verpackung gefällt und ich sie für den Kern halte.

So, wie jeder seine Sprache hat, so liest und hört jeder seine Worte. Ein ganz einfacher Satz, für Sie belanglos, kann für mich einen Durchbruch bringen.

Sehen Sie die Abstände zwischen den Zeilen, zwischen den Worten? Die Punkte zwischen den Sätzen?

Auch in Ihnen lesen Sie. Was für den einen wie Watte wirkt, die er sich über die Wange streichen lässt, trifft den nächsten an einer offenen Stelle, die zugedeckt werden will – oder bereit ist, entdeckt zu werden.

Es gibt nicht nur die Sprache der Schreibenden – es gibt vor allem die Übersetzung der Lesenden. Im Grunde ist Schreiben in erster Linie der Versuch, genau das anzustossen.

Ich kann Ihre Gedankenwelt nie ersetzen, bin in nichts Ihr Stellvertreter. Ich kann Ihre Welt vielleicht berühren, sie beleben – aber nichts davon bleibt hängen, wenn Sie nicht danach greifen.

Und stellen Sie sich vor: Auch der Schreibende braucht Lesestoff. Er ist genau so unterwegs wie Sie, hat Fragen, Wünsche, Sorgen, ist einsam, allein oder aufgewühlt. Die schönsten Worte machen keinen Satz für sich wahr.

Es dürfte sogar so sein, dass wir, je näher wir dem Kern einer Sache kommen, um so einfachere Worte dafür finden.







  1. Uwe · 26. März 2011, 07:52 · #

    Selbst, wenn ich meine Sätze reime,
    mich in den Geist des Lesers schleime,
    ist erst dort von meinen Worten
    Sinn und Bedeutung zu verorten.
    Was ich gedachte auszudrücken
    wird beim Transport zu Puzzlestücken,
    die jeder nach belieben legt,
    zu einem Bild, das ihn erregt.

  2. Claudia · 27. März 2011, 23:22 · #

    Und weil das so ist, wie Ihr beide es auf je eigene Weise ausdrückt, bevorzuge ich den Dialog. Bzw. auch gerne das Gespräch zu mehreren.

    Gedachtes, das zu Geschriebenem wird, erfüllt seinen Sinn für mich erst, wenn es andere zur Resonanz inspiriert. Die mich wiederum dazu anregt, zu konkretisieren, weiter zu denken – wodurch dann ein Austausch entsteht, der im besten Falle mich selbst und/oder den einen und anderen Mitschreiber/Leser zur Veränderung der Lebenspraxis anregt.

    Bloße Unterhaltung ist mir nicht genug, Natürlich bin ich nicht böse, wenn Menschen meine Beiträge “zur Unterhaltung” lesen – aber es ist nicht das, was mich bewegt, wenn ich schreibe.

    Wir müssen zusammen Welt gestalten (tun es immer, nolens volens, auch wenn wir meinen, nichts “Aktives” zu tun) – nicht nur Texte produzieren und konsumieren,

    Jeden Tag einen besinnlichen Beitrag für die kleine Meditation zwischendurch – ich dachte mal, das könnte es sein.

    Ist es aber nicht. War es nie. Und wird es hoffentlich auch nie werden.

    Lieben Gruß

    Claudia

  3. Thinkabout · 27. März 2011, 23:37 · #

    Liebe Claudia

    Da sind die Menschen verschieden, denke ich. Bei mir ist es oft so, dass ich gar nicht merke, wie viel Energie ich für das Schreiben benötige. Und so fehlt sie mir dann für die Diskussion. Wobei zu unterscheiden ist: Eine Welt- oder Innensicht muss nicht unbedingt erklärt werden. Eine strittige Meinung, welche womöglich auch noch andere kritisiert, muss aber, natürlich, auch in einer Diskussion weiter geführt werden. Da bleibt man aj auch mit seinem momentanen Standpunkt in einer Landschaft stehen – und muss bereit sein, sich auch bewegen zu lassen. Wir sind ja keine Politiker, nicht wahr?
    Und @Uwe:
    Fühle mich geehrt. Es reimt zudem nicht nur, es dichtet sogar. Danke!

  4. Relax-Senf · 28. März 2011, 01:17 · #

    Habe Artikel UND Kommentare mit Interesse gelesen und gratuliere den Akteuren zu den produzierten Zeilen.


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