Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das Reden üben

∞  2 August 2009, 17:21

Warum reden? Warum schreiben, sich äussern, diskutieren, argumentieren, streiten? Wo ist meine Ansprache in aller Regel angesiedelt? Rede ich, um zu gefallen, will ich einfach nur freundlich sein? Extrovertierte Menschen reden auch dann, wenn sie sich unsicher fühlen. So lange sie reden, hören sie keine Gegenrede…

Welches ist die Grundmotivation dafür, dass ich/Sie meine/Ihre Meinung nicht für mich/sich behalten sollen? Viele Kommentar-Threads oder Diskussionen am Stammtisch sind mühsam, weil sich eigentlich nur Schlagworte an einander reihen, die dann lose in der Luft hängen, bis sie verpuffen, wie Äther, der sich verflüchtigt. Die Menschen stellen sich dar, wollen dazu gehören – und nicht selten bekommt man den Eindruck, sie nähmen eine Widerrede persönlich.

Wenn Sie das anwidert, schon immer gestört hat und Sie sich deshalb angewöhnt haben, eher still durchs Leben zu gehen, so haben Sie womöglich etwas an sich, das Sie vielen anderen, lauteren Zeitgenossen, mitgeben könnten – wenn Sie sich nicht ins Schneckenhaus zurück ziehen und Ihre Zurückhaltung nicht zu einer dominierenden Haltung werden lassen, bis Sie irgendwann merken: Eigentlich hätte ich was zu sagen. Eigentlich ist das, was ich sehe, nicht in Ordnung. Wenn Sie sich in solchen Momenten einen kleinen Schubser geben können, dann sind Sie Menschen wie mir ein Lehrmeister:

Nicht Sieg sollte der Sinn der Diskussion sein, sondern Gewinn.

Joseph Joubert


Man stelle sich eine Diskussion vor, in der die Redner im Zuhören davor und danach und in den anderen Argumenten, die sie entgegen nehmen, einen Gewinn suchen würden – und womöglich auch fänden. Man idealisiere den Gedanken weiter und stelle sich vor, wie aus Debatten Diskussionen werden – und dann Gespräche. Die Welt lässt sich nicht ändern. Nicht im Grossen. Mag sein. Aber persönlich hinzu lernen, einen Beitrag leisten und einen entgegen nehmen, DAS ist möglich. Und es ist viel mehr, als das, was mir an Frust erspart bleiben mag, wenn ich mich ausklinke aus jeder Meinungsbildung.


Bildquelle: naturel.biz




  1. caro · 2. August 2009, 18:11 · #

    Warum entstehen Diskussionen überhaupt? Weil Meinungen aufeinander prallen. Ich kenne nicht viele Menschen, die ihre Meinungen grundsätzlich für überdenkenswert halten und in demzufolge in einer Diskussion auch wirklich zu hören.
    Aber es gibt sie.

  2. Chantal · 3. August 2009, 08:14 · #

    Wie so vieles, wird einem eine gewisse Red- und Streitkultur von zu Hause mitgegeben. Und manchmal muss sie dann später (sehr) mühsam erlernt und verbessert werden…

  3. Titus · 3. August 2009, 19:32 · #

    Ich vermute, es geht beim Reden, aber auch beim Schreiben immer darum, an (Selbst-)Sicherheit zu gewinnen.

    Es gibt die einen, welche reden, oder vielmehr diskutieren, um dabei möglichst alle Aspekte über eine Sache «auszudiskutieren» oder zu erörtnern. Nach einer solchen Diskussion ist man dann oftmals «gescheiter», hat über vieles auch nachgedacht usw.

    Und es gibt die anderen, welche reden, weil sie «gescheiter» sind, weil sie sich über eine Sache bereits im Klaren sind und sich in dieser Sache sicher fühlen – oder wenigstens klarer und sicherer als allgemein üblich.

    Es gibt aber auch solche, die reden, weil sie unsicher sind und hoffen, durch einen allfälligen Zuspruch mehr (Selbst-)Sicherheit zu erlangen.

    Letzteres erinnert mich an eine «Club»-Sendung vor kurzem mit einer Teilnehmerin, welche partout einfach nur ihre Meinung von sich gab. Aber die Art und Weise, wie sie es rüberbrachte, liess mich vermuten, dass sie sich in der Sache gar nicht so sicher war. Es war vielmehr ein Nachplappern irgendwelcher Argumente von anderswo…

    Zu jenen, die nichts (mehr) sagen: Ich vermute, und da schliesse ich nun an Chantal an, dass es schon eine wichtige Rolle spielt, was man in der Vergangenheit schon alles erlebt hat, ob in der Kindheit zu Hause oder später im Leben.

    Wenn jemand nur das Reden kennt und ihm dabei schon über den Mund gefahren wurde, wagt er oder sie es nicht mehr, nochmals mit einem «Statement» (zu) weit aus dem Fenster zu lehnen. Reden, als Ausgangsbasis für tiefgründigere Diskussion oder Gespräche wird dann quasi zum Tabu.

    Kurz: Wer diskutiert und Gespräche führt, gewinnt an Sicherheit. Wer andern beim Reden über den Mund fährt, nimmt ihnen die Chance, an Sicherheit zu gewinnen…

  4. Frau Müller · 7. August 2009, 14:20 · #

    Zuweilen geben mir Ihre Blog-Beiträge dermassen viel zu denken, dass ich lange nichts dazu zu sagen kann, weil der Denkprozess noch immer läuft und läuft. Obiger Artikel gehört dazu.

    Meine Gedanken liefen in folgende Richtung:
    Aus welchen Gründen jemand redet ist weniger relevant, als die Frage, wie jemand redet.
    Denn Du bist, wie Du sprichst: Die Sprache zeigt auf, wie man wirklich denkt, sich verhält und letztlich auch handelt.

    Dabei ist vielen Menschen nicht bewusst, dass die Zuhörer/Leser das Gesagte anders wahrnehmen als beabsichtigt. Damit meine ich nicht Missverständnisse, sondern die zuweilen starke Abweichung zwischen dem Selbstbild und dem Fremdbild (Selbst- und Fremdwahrnehmung).

    Aus dieser Diskrepanz entstehen jedoch sehr viele Konflikte. Leider tut sich der Mensch schwer damit, die Wirkung des eigenen Redens abzuschätzen, er umgibt sich mit Claqueuren und weist Kritik von sich. Damit verbaut er sich die Chance, sich selbst weiterzuentwickeln, etwas zu lernen, eben einen Gewinn aus einer Diskussion zu erzielen.

  5. Thinkabout · 7. August 2009, 15:17 · #

    @Frau Müller
    Tausend Dank für diesen zusätzlichen Aspekt, der nun bei mir das weitere Denken ankurbelt: Die Bedeutung des WIE beim Reden.
    Und noch ein anderes Phänomen, eine Crux, ein Malheur fällt mir ein: Zuweilen spürt der Redner im Gespräch, dass er “nicht ankommt”, dass man ihn falsch wahr nimmt – und je schlimmer es wird, um so mehr redet er. rede ich. Und natürlich wird es dadurch nicht besser, sondern schlimmer. Einmal gerichtete Antennen bei Zuhörern/Gesprächsteilnehmern umzupolen, ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich.
    Und Kritik anzunehmen bemühe ich mich sehr wohl – sie umzusetzen, bedeutet aber sehr schnell sehr grundlegend, sich mit sich selbst allein an einen Tisch zu setzen und diese Essenz der Kritik im Kern zu erkennen und das auszuhalten. Für einmal im Stillen für sich allein.


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