Das Schreiben üben - ein Lehrstück der Demut
Da denke ich wieder mal am laufenden Meter über das Bloggen als Phänomen nach und über die Community-Sucht, die dazu passt, und über den manchmal quälenden Versuch, etwas Neues zu finden, und sei es nur das Thema für den nächsten Eintrag (das dann ganz natürlich plötzlich vorbei kommt wie ein alter Bekannter oder eine neue, interessante Begegnung).
Und dann streife ich im Internet, eigentlich auf der Suche nach einem Bild, einen hingezirkelten Satz:
“Es ist so wundervoll, das Schreiben üben zu dürfen.”
Wie gesagt, ich suche was ganz anderes und klicke weiter, habe also auch keine Quelle dafür. Aber der Satz steht mir seither immer mal wieder zuvorderst vor allen anderen Gedanken. Weil er wahr ist. Und so schön schlicht. Voller Demut. Geschrieben mit dem Bewusstsein, dass es nicht selbstverständlich ist, den Raum für Kreativität geboten zu bekommen, die Zeit dafür haben und – wenigstens ein bisschen – dafür leben zu dürfen. Wenn Bescheidenheit von Demut begleitet ein Bemühen gestaltet, wird das Kleine geehrt. Und das ist gross genug.
Ja, es ist wundervoll, Worte zu setzen. Nach seinen Gefühlen und Gedanken zu fragen und sie dann eben nicht zu buchstabieren, sondern zu malen. Ein Satz allein kann alles ausdrücken, was das Schreiben und Lesen ausmacht: Er besteht aus Buchstaben, mit denen Worte gebildet und ein Satz geformt wird, der dann plötzlich wie gemeisselt steht oder sich hochschwingt mit einer Leichtigkeit, die nicht aus uns selbst zu stammen scheint, und doch nur von da, nur aus uns selbst kommen kann, denn wir werden ja berührt davon, öffnen uns diesen Worten, die eben keine Buchstaben mehr sind.
Und Sprache, Schrift, Schreiben, ist immer auch liebende Begegnung, Hader auch mit der eigenen Unvollkommenheit, vor allem aber der Drang, Gedanken zu sehen und einzufangen. Steht er mal da, auf dem Papier, der Gedanke, ist er doch immer noch frei, aber ich kann um ihn kreisen, ihn ruhen lassen, bis sich der nächste anschliesst…
Wenn mich jemand fragt: Was ist Sinnlichkeit?
Das leere Blatt Papier, dem ich begegne, dieses Weiss, das das Ich in mir freilegt, in dem Moment, in dem ich zu schreiben beginne und die Zeit vergesse – eine Zeit, die austritt, weil sie nicht mehr springt, sondern zu fliessen beginnt, aus dem Davor in das Danach, und ich immer dazwischen, auf diesem Fluss, der Bewegung ist, Kühle und Reissen, Toben und Springen, Plätschern und Glitzern, Blinken und Blitzen.
Und wenn die letzte Stromschnelle überwunden ist und ich auf blanker spiegelnd heller Fläche nicht mehr treibe noch gleite, aller Lärm von mir gefallen ist und ein ganz kurzer Moment der Ruhe einkehrt? Dann habe ich bestimmt einen Punkt gesetzt, der nicht mehr korrigiert werden muss. Ein Text, ein Satz ist selbständig geworden, ganz, was Eigenes. Ich schaue ihn an und will nichts korrigieren. Ich weiss, er stimmt auch noch nach Jahren.
Für diese Flussfahrt schreibe ich, mag ich selten genug auch in solcher Form ankommen. Aber eben nicht nur dafür. Nur schon das Üben und Versuchen, jeden Tag, ist ein Geschenk. Siehe oben.

Der Musenkuss, samt Gedicht von Christian Hirdes, nachzulesen bei punktde.ruhr-uni-bochum.de

Caro · 14. Mai 2007, 17:28 · #
Um bei dem Flussbild zu bleiben – ich habe oft Lieferfristen, Zeichenbestellungen und darüber hinaus Erwartungen von verschiedensten Seiten zu erfüllen. Da ist der Veranstalter, der sich möglichst mit keiner Kritik konfrontiert sehen möchte. Da ist der auftretende Verein, der alle wichtigen Unwichtigkeiten erwähnt sehen möchte. Dann ist da das Publikum, das alles besser weiss, der Kollege vom Konkurrenzblatt sowieso. Und ist mein Bild genügend ausgeleuchtet?
Ganz selten gelingt mir eine Konzertbesprechung, in der es fliessen durfte. Aber seltsamerweise sind dies die besseren Texte, die unter einem Druck und Unwohlsein entstanden sind.
Sagt jedenfalls meine bessere Hälfte ;-)
Thinkabout · 14. Mai 2007, 17:52 · #
Liebe Caro,
Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass diese “Beobachtung von aussen” zu einer Schärfe und Objektivierung der eigenen Wahrnehmungen führen kann – bzw. die Kritik, setzt sie sich dann auch durch, mit mehr Rückhalt und Überzeugung geschrieben ist.
Aber: Ob ein Text gut ist, wenn es sich um eine Anlass-Besprechung handelt – literarisch-journalistisch im sprachlichen Sinn kann das wohl nur jemand beurteilen, der gar nicht an dem Anlass war – und auch Distanz zu Dir hat.