Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das sind sicher Juden

∞  28 Juli 2009, 20:30

Gespräch am Nebentisch: Man unterhält sich über die ortsansässigen Gewerbler, oder jene aus den Nachbargemeinden. Wer kennt den besten Velohändler? Der und jener sei tüchtig, sagt einer. Ein Missmutiger mit Bauch vor dem Bier wirft missmutig ein:
Das sind sicher Juden, so wie die heissen, und so wie die scheffeln.
Dann drückt er sich die verspiegelte Sonnenbrille noch ein wenig mehr in den Kopf.
Andere Geschäfte werden empfohlen, ein Reperaturservice wird gerühmt.
Da ist er wieder, der Dicke:
Typische jüdische Masche. Tun beflissen und ziehen Dir das Geld aus der Tasche. Reine Profitgier.
Dann taucht er seinen Schnauz ins Bierglas und wischt sich mit einer Grimasse übers Kinn.
Eine Frau erzählt von einem Angebot der Gemeinde, bei dem in einer Art Börse einwandfreie Fahrräder als Occasion ohne Händlermargen abgegeben werden.
Da ist er wieder, unser Dicker:
Kauf doch gleich zwei. Dann kannste eines teuer weiter verkaufen.


Noch Fragen?
Hassen die Kleinmütigen eigentlich in “den Fremden” das, was sie an sich selbst nicht wahrhaben wollen? Mal so generell angedacht.
Aber eigentlich braucht das hier gar keine Diskussion. Es gab am Tisch auch keine. Keine einzige dieser Bemerkungen wurde aufgenommen oder erwidert. Es war ja auch zu peinlich. Den traurigen Zeitgenossen habe ich in dem Lokal zuvor noch nie gesehen. Es darf gerne wieder so werden.




  1. caro · 28. Juli 2009, 21:05 · #

    Was dieser arme Mensch wohl durchgemacht hat, damit er so wurde?

  2. Michael Kostic · 28. Juli 2009, 21:46 · #

    @caro:

    Nicht zwingend viel u./o. besonderes. Ich kenne Bankangestellte die “Wissen!” das Juden (in Deutschland) keine Steuern zahlen müssen (weil wegen der Nazis und so…).

    Gegen solcherlei Äußerungen gibt es nur ein Mittel: Widerstand.

    Jeder vernünftige Mensch der solcherlei hört, muss aufstehen und sofort laut wie deutlich verbalen Widerstand leisten. Z.B. so:

    “Ach? SIE meinen also einzig Juden seien raffgierig?”

    oder

    “Stimmt! SIE haben recht, Juden zahlen keine Steuern!”

    Mitleid hilft nicht, es schadet. Viele Menschen wissen solcherlei Sprüche nicht recht zuzuordnen, viele nehmen sie nicht ernst.

    Am Anfang, so berichteten es mir preußische Deutsche, habe man über diese Nazis gelacht oder sie mitleidig belächelt…

  3. Thinkabout · 29. Juli 2009, 00:10 · #

    @Caro
    Ich fürchte, da bist Du zu nachfühlend: Solche Typen brauchen dazu nicht mehr als ein wenig persönlichen Frust und schon plappert’s.
    @Michael
    Du hast Recht. Ich habe es nicht getan. Ich war bei anderen zu Gast. In einer Gesellschaft, die ich selbst noch nicht so gut kenne. Sass aber auch nicht am Tisch. Dennoch finde ich, dass ich ihm den Spiegel hätte hinhalten sollen. Wahrscheinlich habe nicht nur ich taktiert, innerlich den Kopf geschüttelt und “redliche” Gründe gefunden, nichts zu sagen. “Es ging ja vorbei.” Nur der Typ trägt seine negative Ausstrahlung garantiert jeden Tag spazieren. Irgendwie liegt darin ein wenig, ein wenig weniger Sprengkraft als in Deinem Beispiel vom Banker.

  4. Zappadong · 29. Juli 2009, 19:48 · #

    Oder schlimmer noch. Wie es meine Mutter formulieren würde: “Die studieren nicht für fünf Rappen.”


Kommentare dieses Blogs abonnieren: RSS-Feed

Textile-Hilfe