Das Spiel ist ernst und findet statt
Olympia ist ein gigantisches Medienereignis. Und ein Wirtschafts-Event mit Gruppendruck und allem, was dazu gehört: Vierzehn Tage sind vorgesehen für ein Sportfest, das, wenn immer möglich, nicht getrübt werden soll.
Die Frauenabfahrt ist auf einer Strecke durchgeführt worden, welche noch nie befahren wurde, die noch nie Austragungsort einer Weltcupabfahrt war. Das ist nicht unüblich, denn Olympiaaustragungsorte bedeuten oft neue Strecken. Das kann auch einen besonderen sportlichen Reiz darstellen. Diese Abfahrt nun war sehr schwer, und sie hat viele Opfer gefordert. Dabei waren nicht nur Fahrerinnen überfordert, welche noch weniger FIS-Punkte gewonnen haben – es hat auch bestandene Cracks wie Anja Paerson und Dominique Gisin erwischt.
Wenn nun über Für und Wider der Strecke diskutiert wird und darüber, ob die zum Teil sehr weiten Sprünge mehr hätten abgetragen werden müssen, dann geht in dieser Diskussion ein Element völlig vergessen, welches wie kein anderes offen legt, wie willfährig sich alle Beteiligten in wirtschaftliche Zwänge schicken und diese als zwingend gelten lassen. Die Abfahrt wurde ohne ein einziges vollständiges Training durchgeführt, weil im bisherigen Verlauf von Olympia das Wetter nie mitgespielt hat und das weitere Programm der Spiele eine “Verschiebung nicht mehr zuliess”. Was nichts anderes bedeutet, als:
Wenn’s nicht anders geht, Mädels, dann schicken wir Euch auf die Piste, komme, was da wolle. Wir wünschen dann mal Hals- und Beinbruch.
Wenn ich in der ARD dann die “Experten-Runde” mit dem deutschen Cheftrainer und Wasmeier sehe, die beim Waldi gemütlich in der Berghütte sitzen und davon schwafeln, dass die Abfahrt halt eine Risikosportart wäre (sagte der Trainer; Eltern, hört die Signale) und dass die Frauen sich doch immer über zu leichte Strecken für die Damen beklagt hätten (Wasi, der wilde Hund und grosse Held), dann kann ich nur den Kopf schütteln: Eine Weltcupabfahrt wäre hier an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt nicht durchgeführt worden. Die schreibt nämlich zwingend mindestens ein reguläres ganzes Training vor. DAS ist Fact, genau so wie der wirtschaftliche Zwang, die Spiele eben in diesen zwei Wochen durchzupauken.
Sicherheitsverantwortliche und Trainerrunden, welche vor den Rennen zur Sicherheit und Durchführung zusammen sitzen, sollten ihre Funktionen anders benennen und sich vielleicht besser “Erfüllungsgehilfen der Show mit besten Hoffnungen für die Sicherheit” nennen.
Da beklagen wir uns über die Scheinheiligkeit gewisser Wirtschaftskapitäne, über unverschämte Boni von Top-Managern, und dann sitzen wir vor dem Fernseher und hoffen nur eins: Dass die Abfahrt durchgeführt wird und wir unsere Unterhaltung bekommen. Und damit machen dann Menschen Geld, welche nie Schuld sind, wenn etwas schief geht.
Ich finde sehr wohl, dass diese Dinge ein wenig alle mit einander zusammen hängen und wir auch hier das vorgezeigt bekommen, was wir verdienen:
Wer zahlt, befielt, und wer viel Geld in eine Sache hinein pumpt, nimmt um so mehr heraus. Was können wir dagegen tun? Nichts. Gegen die Haltung dieser Damen und Herren können wir nichts tun. Aber mit uns selbst können wir uns beschäftigen und uns fragen, ob wir Unterhaltung um jeden Preis wollen?
Übrigens: Es war ein blendend schöner Tag, gestern, in Kanada. So wenig hat gefehlt, und es hätte ein tolles Skifest werden können. So wenig, und doch viel zu viel.
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Bildquelle: blick.ch, die geschockte Dominique Gisin nach Ihrem Sturz in den Zielraum der Olympiaabfahrt: «Das Herz tut weh. Ich habe etwas Gehirnerschütterung, aber sonst ist alles einigermassen ok.» (Keystone)
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Zappadong · 18. Februar 2010, 13:54 · #
Ich hab’s einfach. Spitzensport interessiert mich seit Jahren nicht mehr. Zu viel Geld. Zu viel Falsches Spiel (Doping, bescheissen ect.). Und gelegentlich – wenn die FIFA ins Spiel kommt – auch noch Allmachtsphantasien. Nein danke.
Infomagazin · 18. Februar 2010, 17:01 · #
Ich kann mich nur Frau Zapadong nur anschliessen. Die andere Seite sind allerdings die Sportler selbst. Wenn man ebenort heute liest wieviele Millionen die Damen und Herren verdienen, dann trifft auch hier die Scheinheiligkeit zu. Mit 25 -30 in Pension, Gratisgrundstücke der Gemeinde , darauf ein kleines Hotel, da muss es schon etwas an Einsatz her. Die Lösung wäre den ganzen Spitzensport einzustampfen. Wären zwar ein paar Tausende Arbeitslose mehr, aber der Alltagskonsum der Sponsorenprodukte um einiges billiger. Zurück bleiben ohnehin Sportruinen. Ein Verhältnisblödsinn der durch ncihts zu rechtfertigen ist.
Uwe · 18. Februar 2010, 17:04 · #
Dito. Sport für Geld bekommt meine Aufmerksamkeit nicht. Olympia, was ist das?
Aber warum soll nicht jeder seinen Körper und seine Seele für das verkaufen, was ihm wertvoll genug erscheint? Prostitution (=Sich selbst für Geld verleugnen) ist doch, wie Scheinheiligkeit auch, geradezu eine Kulturerrungenschaft und in weiten Bereichen ist man stolz darauf. ;)
Richard · 19. Februar 2010, 09:54 · #
wer sich das anschaut darf sich nicht beschweren. die quote wird gehoben und das ist nun mal das maß aller dinge. geld wurde auch schon im alten olympia verdient – sehr viel – vielleicht nicht gerade mit skifahren. die wirtschaftlichen auswirkungen sind beträchtlich.
wintersport m,ach ich selbst – ohne olympia und aufstiegshilfen – damit bin ich aber kein zielgruppenangehöriger – volkswirtschaftlich eine unperson, das trifft.
Thinkabout · 19. Februar 2010, 22:47 · #
Nun, ich habe mich von Sportereignissen nicht abgewandt. Ich mag den sportlichen Wettkampf, und Spitzensport, wie er sich entlarvt, wirft immer auch ein Brennglas auf unsere Gesellschaft an sich. Doping? Gehört auch zu unserem Alltag, zur überfordernden Leistungsunkultur. Und unser Umgang mit Erfolg und Misserfolg als Zuschauer, der Auftritt der Protagonisten – immer Schaubilder für unseren Chauvinismus, für Charaktere – und jede Karriere bietet tausend Geschichten der Menschlichkeit – in allen Absurditäten.
@Infomagazin: Also, wenn die Sponsoren keine Sportler mehr füttern, glaube ich nicht, dass die Artikel, die sie sponsern, einen einzigen Pfennig billiger werden. Das ist, Verzeihung, komplett naiv:
Es werden Artiklel gesponsert, um deren Nachfrage anzukurbeln – und wenn dies nicht über den Sport gelingt, dann eben über andere Events. Sponsoring ist immer eine Image-Werbung – und die kultiviert meist eine Marke – und damit sehr oft ein Produkt, das Sie und ich gar nicht brauchen. Sie hätten eben gerade mit unserem Alltag nicht eigentlich etwas zu tun, obwohl sie alltäglich werden sollen – und manchmal gelingt das ja auch. Das Schweizer Rivella ist Schweizer Alltag – nicht zuletzt wegen ständiger Sportwerbung. Gibt’s kein Sponsoring, wird das Getränk nicht billiger. Der Preis entscheidet da nicht über den Kauf. Wir mögen es oder nicht, wir haben einen Kaufimpuls über die Botschaft des Produkts, oder es lässt uns kalt. Etwas komplizierter ist es also schon.