Das Tagebuch, das unvollendete...
Schreiben Sie auch Tagebuch? Oder haben Sie es einmal getan? Oder zumindest versucht? Ich gehöre zum Heer jener, welche als Schüler und dann als Student sicher ein Dutzend Anläufe genommen haben – und jeden Versuch mit der Entsorgung im runden Ordner beendet haben. Ich machte mir noch nicht einmal die Mühe, die Kladden, Hefte oder Ringbücher zu schreddern, zu verbrennen oder zu häckseln. Diesen Schrott wollte garantiert niemand lesen, befand ich. Und wirklich wahnsinnig spannend war mein Leben auch nicht gerade, war ich überzeugt. Es waren einfach noch zu wenige Jahre da und zu wenig Ruhe, um mit dem Blick auf die eigene Wegstrecke ganz erstaunt festzustellen, dass da sehr wohl sehr viel los war. Dass jedes Leben Stoff für einen Roman hergibt, ist eine Tatsache, die sich beweisen ließe. Aber Tagebuch? Auch viele Autoren sind sich ganz und gar nicht sicher, für was das gut sein soll.
Tagebuch – das erhebt so einen Anspruch, macht die Lust viel zu schnell zur Pflicht: Schreib (jeden) Tag ins Buch. So begann Durs Grünbein einst ein neues Tagebuch damit, dass er ihm einen neuen Namen gab, einen neuen Titel: Verstreutes Aufschreiben. Wie man es auch immer nennt, für ihn ist das Tagebuch
weiter nichts als der Versuch, Schritt zu halten mit dem immer vorauseilenden Vergessen.
Das kann ja nicht gelingen, ist aber Ausdruck der Beschäftigung mit der eigenen Zeit, dem eigenen Vergessen – und bleibt dabei
eine tägliche Übung in Vergeblichkeit.
Schreibt man Tagebuch als Hauptdarsteller? Aber natürlich. Und wie stellt man sich also dar? Natürlich tut man das. Immer. Denn irgendwie könnte es ja doch sein, soll es vielleicht sogar einmal, dass “das” jemand liest.Also ist immer auch Verstellung da. Und wie schreibt man also über sich? Welche Filter hat man eingebaut? Vielleicht, denke ich, kann man beim Tagebuch das hier lernen und entsprechenden Mut entwickeln: Grünbein sagt:
Die Schwächen [des Menschen, Th.] sind, mit einer gewissen Leidenschaft und Sympathie betrachtet, sein wahrer Reichtum. Sie sind das Kapital des Künstlers.
Vielleicht kann man mit einem Tagebuch sich selbst ein wenig vergegenwärtigen, dass man eine eigene Lebensgeschichte hat. Die es nur einmal gibt.
Deshalb ist jedes Menschenleben nur auf seine eigene, unwiderbringliche Weise erzählbar. Mit dieser Überlegung geht Aurora, die Morgenröte, über den Sätzen auf.
Ich überlege, ob ich nun neben dem Blog ein wirkliches neues Tagebuch eröffnen soll. Und dann, dass das gleiche Leben wohl sehr verschieden erzählt werden kann, aber dass mir nur die Variante meiner eigenen Sicht darauf offen bleibt. Es ist meine Wirklichkeit, oder meine Verklärung. Und so oder so dokumentiere ich dabei vor allem, dass ich Teil dieses Lebens bleibe – und vielleicht auch, warum sich dieses Leben so lebt, wie ich es lebe.
Wenn Sie Tagebücher vernichtet haben – wie haben Sie es getan? Und geht es Ihnen dabei wie Karen Duve, welche das bereut, weil sie ihre Tagebücher gern noch einmal lesen möchte – und sie dann erst verbrennen.
Und was soll denn das nächste Tagebuch sein? Eine akribische Dokumentation der Tagesabläufe? Da ich dafür weder den Nerv noch die Zeit noch das Interesse habe, geht es mir wohl eher wie Peter Kurzeck:
Wenn es dir jetzt gelingen würde, einen Winter-Sonntagnachmittag-Moment, als du zwölf warst, aufzuschreiben.
Glücklich kann man da sein, wenn man das Tagebuch zur Hand hat, weil es dann wirklich dem Schreiben dient, aber quälen kann man sich dabei oder verlieren, wenn man wie Peter Kurzeck befürchten würde:
Wenn ich Tagebuch schriebe, würde ich den Rest meines Lebens nichts anderes mehr machen können. Ich könne am Ende gar nicht mehr aus dem Haus gehen, weil ja immer mehr Stoff dazukommt.
Ja. Das Leben ist nie zu Ende erzählt. Vielleicht kann ich mein Leben tatsächlich nur auf eine Art erzählen. Aber ich kann es in den unterschiedlichsten Weisen versuchen. Ich kann mich dabei verrennen. Und keinen Augenblick festhalten. Aber vielleicht kann ich mich an einen Moment erinnern, an einem Sonntagnachmittag im Winter, als ich zwölf war. Und sehen, was ich sah, als ich aus dem Fenster blickte. Oder von draussen in die Küche, wo Mutter den Kuchen auf Teller verteilte. Oder…
Wenn sie denn geschrieben sind, Tagebücher, unfertig, gescheiterte Versuche vielleicht – so sind sie doch da. Sie liegen als Dokumente weniger Monate neben einander, und dann sagen wir vielleicht wie Andreas Maier:
Das alles bist ja du!
So wie die Bücher neben einander liegen, kann das tatsächlich verwirren: WER bin ich denn nun wirklich? Die Beschreibung seiner selbst und seiner Beobachtungen ist nie eine linear fortlaufende Übung. Ich bleibe, was ich lerne und was ich vergesse. Wie wenn Wahrheiten neben einander stehen würden, können Lebensabschnitte erzählt werden, wahrgenommen, überblendet, ausgeklammert in Gefühle, Ereignisse, Gedanken. Und die Summe des Erzählens beängstigt Andreas Maier:
weil alles das eigentlich unter überhaupt keinen Hut zusammenzubringen ist. Und so laufe ich durch die Welt.
Er tut es ganz wahrscheinlich mit weniger Filtern als andere Menschen. Obwohl oder weil er Tagebuch schreibt? Und weil er denkt, angesichts der Chance, sich selbst näher kommen, könnten einem alle Meinungen Dritter eh gestohlen bleiben.
Brigitte Kronauer macht sich Notizen. Laufend. Zu aktuellen Schreibprojekten. Und sonst?
Die innere Wortlosigkeit ist eine notwendige, krafterzeugende Pause beim Schreiben. Sie gelingt am besten beim Spazierengehen, Zettel und Stift natürlich immer dabei.
Ein Tagebuch wäre da zu schwer. Bildlich wie metaphysisch: Ein Ungeheuer, das nach Ausdruck dessen verlangt, was ganz offensichtlich noch keinen Ausdruck finden kann. Oder soll.
Wie flockig wir dieses Thema doch besprechen können, heute, mag das Tagebuch, welches das unsere ist, auch so schwer wiegen, weil es wirklich Schweres enthält: Martin Mosebach macht darauf aufmerksam, dass in den alten Heiligsprechungsprozessen der römischen Kirche gültig war:
Es galt als schwarzer Fleck einer Biografie, wenn sich herausstellte, der Betreffende habe ein Tagebuch geführt: Die Selbstbespiegelung und das lustvolle Verweilen in der eigenen Vergangenheit galten als moralisch fragwürdig.
Man mag jetzt spöttisch einwenden, die Herren Selig- und Heiligsprecher wären wohl mehr von der Angst getrieben gewesen, vielleicht eine Seele zu ehren, welche unbekannte Seiten offenbaren könnte, eines Tages. Denn, wo ein Tagebuch gefunden wird – wer sagt denn, dass es da nicht noch andere geben kann?
Und doch lohnt es sich, den persönlichen Umgang mit seinem eigenen Erlebten mal zu betrachten. Keiner zu bescheiden, um nicht immer mal wieder in die Falle zu tappen. Und doch – was bleibt uns denn mehr und Wichtigeres im Leben, als der Umgang mit uns selbst – und die tatsächliche Abkehr von der Nabelschau wirklich zu schaffen. Irgendwann.
Hanns-Josef Orthell versucht eine Art Objektivierung. Ich denke, also bin ich, oder wie bin ich denn heute durch mein Denken geworden? Wo bin ich hin gekommen?
Anders als in klassischen Tagebüchern , in denen die Selbstaussprache des Schreibenden im Vordergrund steht, geht es in meinen Notizsystemen aber nicht um Protokolle der täglichen Emotionen, sondern um die zumindest bruchstückhafte Skizzierung des Meers an Gedanken und Ideen, die jeden Tag grundieren und formen.
Peter Stamm schliesslich erschöpft das Thema wohl sehr. Und darum soll er auch hier die Schlussworte sprechen dürfen, wie auch im Zeit-Literaturmagazin No 12 / März 2010, aus dem die hier zusammen gefassten und gedanklich begleiteten Zitate stammen: Er zitiert aus seinem Tagebuch als Achtjähriger (letzter Eintrag):
19. Juli. u.s.w.
Peter Stamm zitiert aber nicht nur den Achtjährigen Stamm, er erinnert auch an Johanna Spyri, die meinte, nein, sie würde keine Autobiographie schreiben, was sie erlebt habe, sei nicht interessant, und was in ihrem Inneren vorgehe, gehe niemanden etwas an.
Auch so können Romanfiguren entstehen. Und Peter Stamm schreibt ja bekanntlich auch. Auch Romane. Tagebuch eher nicht. Denn dabei wird ihm bewusst:
Schreiben macht so schrecklich müde.
Und, zu allerletzt:
Wie dumm man ist, merkt man immer erst, wenn man anfängt zu schreiben.
Was man hier so lesen kann, lässt vermuten, dass manchem Roman vielleicht ein gescheitertes Tagebuch voraus gegangen ist – oder dessen Entstehung begleitet hat. Denn was in Tagebuchfetzen unvollendet, bruchstückhaft oder nur ermüdend erschien, hat sich in geschaffenen Figuren und konzipierten Handlungen zu Thematas und Geschichten verdichtet. Und wieviel Tageuch da drin stecken mag, weiss niemand zu sagen. Auch Leser schreiben Tagebuch. Vielleicht lautet da ein Eintrag:
Noch ein bisschen Peter Stamm gelesen. Nun bin ich schrecklich müde.
Kein Problem. Ganz bestimmt auch für Peter Stamm nicht. Literarische Texte stehen für sich selbst, meint er.
Ob gelesen, verstanden oder beiseite gelegt. Morgen ist für sie noch immer ein guter Tag. Tagebücher haben ihre Zeit. Und oft ein Ende. Dass sie trotzdem immer wieder entstehen, bedeutet nur: Schreiben um des Schreibens willen hat zwischen Kladden genau so persönlich Platz wie jeder gute Gedanke zum vergangenen Tag. Und sei es nur, um Schlaf zu finden, wenn das gute Buch fehlt – oder noch nicht geschrieben ist.
Ich blogge dann mal weiter. Auch wieder kürzer…
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Zitate und Autoren aus dem Literaturmagazin der Zeit vom März 2010, Nr. 12, [Printausgabe] zur Leipziger Buchmesse.
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Maria · 1. April 2010, 21:40 · #
Ich schreibe Tagebuch. Seit meiner Kindheit. Und ich habe alle behalten. Heute schreib ich es elektronisch und sichere es in verschlüsselter Datei. Es ist der ehrlichste Ort, der offenste. So unverstellt schreib ich nirgends. Obwohl, die Unterschiede sind gering, liegen in Details, nicht im Stil. Manchmal findet ein Text, redigiert natürlich, Eingang ins Blog, das auch Tagebuch ist, auf andere Art. Manchmal wähle ich bewusst eine andere Perspektive, erzähle aus der Beobachterrolle. Meist sind es keine akribischen Protokolle meines Tages. Ich muss schreiben. Vorallem dann, wenn mich etwas stark beschäftigt. Es ist, bis auf wenige Ausnahmen, eine wundervolle Art, mit dem Leben klarzukommen, ruhig zu werden, alles zu sortieren und darüber nachzudenken. Oft geht es mir so, als würde ich einer Freundin berichten. Dann komme ich erzählend auf neue Ideen, auf Lösungen, genau, wie bei einem richtigen Gespräch.
Meine Güte, das ist ja fast ein Artikel geworden. Ich lass ihn mal trotzdem stehen und wünsche Dir viel Schreibvergnügen.
Maria
Thinkabout @Maria · 1. April 2010, 22:03 · #
Ja. Dieser Kommentar könnte sehr wohl als Artikel bei Dir im Blog stehen. Wäre doch schön, finde ich.
Uwe · 2. April 2010, 10:29 · #
Nein, ich schreibe kein Tagebuch. Ich vermisse dabei den Widerspruch. Das Vergessen ist mir lieber, als das Auftürmen und Sortieren von Erinnerungen.
Relax-Senf · 2. April 2010, 12:41 · #
Ich schreibe auch kein Tagebuch. Leider muss ich sagen. Im Gegensatz zu @Uwe betrachte ich das Sammeln von Erinnerungen differenziert. Als theoretische Sicht – da ich ja kein Tagebuch unterhalte – stelle ich mir vor, dass man persönliche Stimmungen dann facettenreich beschreibt, wenn man während der vorherrschenden Stimmung seine Empfindungen festhält.
In, z. B. Wut und Frust -Stimmung, habe ich schon ganze Artikel oder Briefe im Kopf fertig zusammengestellt, die bei zeitlicher Verzögerung nicht mehr so “überzeugend” gelingen wollten. Gut bei Briefen ist dies fast immer besser. Ich denke aber, dass ein gefühlter Moment, sei es mit Schmerzen oder Freude verbunden, im Tagebuch festgehalten, vermutlich der interessantere Beitrag für Blog oder Buch sein könnte, wie wenn man sich diese emotionale Achterbahnfahrt in cooler Schreibmanier ausmalt. Einfach eine Annahme von mir.
Auch nicht unwichtig. Wenn „wir“ Freunde und Bekannte manchmal für ihr tolles Gedächtnis bewundern, gibt es auch eine natürliche Erklärung. Tagebücher, Fotoalben, Videos, Blogs etc., alles wo wir Gedanken sammeln / festhalten, helfen Erlebtes und Sichtweisen aufzufrischen und schon steht man mit einer glänzenden Gedächtnisleistung da.
dirk · 2. April 2010, 12:56 · #
Ich schreibe seit 35 Jahren Tagebuch und denke nicht, dass das jemand lesen wird. Mein Tagebuch ist für mich, da lasse ich alles raus, erlaube mir, ungerecht zu sein und unsympathisch. Ich schreibe da nicht für das Erinnern (fast nie lese ich es wieder), sondern zum Selbstgespräch. Aufschreibend wird mir vieles klarer. Ich tadle mich, lobe mich, entdecke Unbekanntes an mir selbst und stoße manchmal auf Möglichkeiten, die mir ohne Schreiben nicht aufgefallen wären. Vor allem verstehe ich andere besser, wenn ich sie zurückrufe, in meinem Tagebuch aufzutreten. Was hatten sie nicht gesagt? Warum hatten sie gelacht usw. Nicht selten habe ich dann angerufen, um Verzeihung zu bitten, nachzufragen, ob etwas fehlt, ich helfen kann. Es entstehen Geschichten, in denen ich eine Rolle spiele, die mir nicht unbedingt gefällt. Sobald ich sie verstehe, kann ich sie ändern.
Früher habe ich zwei Tagebücher geführt. Eins für das Leben, eins für die Träume. Mit dem Traumtagebuch habe ich aufgehört, als es anfing, meine Träumen zu beeinflussen, als sie luzider wurden. Am Wachtagebuch gefällt mir gerade das: dass ich mich ändern kann. Alte Traumtagebücher habe ich später wieder gelesen – und sie nicht mehr verstehen können. Ich hatte zu knapp notiert, was mir klar war, weggelassen, nur angespielt. So mache ich das auch heute. Ich weiß nicht, wie viel ich noch weiß aus dem Jahr 1978 oder 1991, was ich da lesend rekonstruieren könnte. Ich will es gar nicht wissen. Aber ich will weiter schreiben, habe mich daran gewöhnt, wie an Zigaretten, brauche das. Mein Blog hingegen brauche ich nicht. Ich denke öfter daran, es einzustellen, tue das aller Jahr, lösche weg, lasse mich überreden, wieder anzufangen, warte darauf, dass es auch Gewohnheit wird – und entferne mich davon, weil es mich täglich lehrt, dass ich mich schreibend nicht verständlich machen kann. Beruflich ‘texte’ ich an ein paar Zeilen ein halbes Jahr. Mit diesem Aufwand geht es, halbwegs, manchmal.
Als literarische Gattung schätze ich das Tagebuch nicht. Ich lese selten Romane, Brief- und Tagebuchromane fast nie. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was mich daran frustriert. Egal, Lakritze mag ich auch nicht.
Sehr schön finden deinen Satz “Das Leben ist nie zu Ende erzählt.” (Obwohl ich glaube, dass nichts passiert, wenn ich nichts tue.) Und ich danke dir für die Zitate. Mir erscheinen manche davon sehr gewollt, an den Haaren herbeigezogen. Nicht, dass ich erwarte, dass jedem das Tagebuchschreiben das bedeutet, was es mir bedeutet, aber ich wundere mich, wenn sich naheliegende Erfahrungen hartnäckig nicht einstellen. Zum Beispiel, zeigt mir mein Tagebuch nicht meine Einzigartigkeit, sondern macht mich vergleichbarer. Grünbeins Satz über das Betrachten der Schwächen der Menschen mit Sympathie als schriftstellerische Kapital scheint mir sehr wahr (bei Steinbeck etwa kann man die Ergebnisse nachlesen), aber er hat weder mit dem Tagebuch noch mit dem Werk Grünbeins zu tun. Der Sonntagnachmittag als Kurzeck zwölf war, wäre kein Tagebuchschreiben. Dafür ist es mir durchaus ein Hut, unter dem alles zusammen zu bringen ist, nur eben nicht als Ich, sondern als Welt mit mir drin – während im Nichtschreiben mir doch öfter die Welt als in mir erscheint (ich mich also frage, ob ich nicht wahnsinnig bin). Ortheils Unterscheidung zwischen Emotionen und Gedanken kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, Stamms (wenn man ihm weiter folgt, radikaler) Auffassung schon. Es macht mich nicht groß, es macht mich klein, reiht mich ein – und das, nicht das Plündern der Tagebücher, befähigt (ein kleines Bisschen) zum Versuch, etwas mitzuteilen. Ich muss mir nur, mit meinen Schwächen, auch ein wenig sympathisch werden.
Andererseits handelt ein Tagebuch, wenn man den ganzen Tag schreibt, notwendig vom Schreiben. Die meisten meiner Einträge haben mit meiner Arbeit oder meinem Spielen mit Wörtern zu tun. Es ist aber nicht der Ort der Textarbeit und nicht der des Spiels, sondern der, der davon frei ist (besser: ‘die Zeit des’.) Sonst wäre es kein Tagebuch, nur wieder die Werkstatt. Eine Freundin, die am Computer arbeitet, ihr Tagebuch aber von Hand führt, zeigte einmal auf ihren PC und sagte “Hier wächst mein Roman” und dann auf ihre Notizhefte: “Hier wachse ich.” So weit gehe ich nicht, ich habe nicht das Gefühl, zu wachsen (nach vorne vielleicht, aber hinten bricht immer was weg), ich komme damit nur so eben durch den Tag. Praktisch schließe ich mich dieser Auffassung an – der Wahl der Werkzeuge. Ich habe in Gesprächen mit Menschen, die lange mit ihrem Tagebuch leben, oft und viele Gemeinsamkeiten gefunden – vor gedruckten Äußerungen heutiger Schriftsteller zu ihren Tagebüchern stehe ich meist ratlos. Wovon reden die? Wahrscheinlich, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, Schriftsteller zu sein.
Merci.
flashfrog · 2. April 2010, 14:13 · #
Der eigene Alltag ist für den Rest der Menschheit gemeinhin nicht so enorm interessant wie man selber vielleicht annimmt.
Das Tagebuchschreiben hilft mir einerseits Emotionen zu konservieren und andererseits Erlebnisse zu analyslieren und zu objektivieren. Mein schreibender Verstand ist da oft klüger als ich.
Aber Literatur (und damit veröffentlichenswert) wird ein Text erst, wenn er künstlerisch transponiert wird.
Thinkabout @ Relax-Senf · 2. April 2010, 19:37 · #
Tatsächlich: So bald die Dinge einmal aufgeschrieben sind, geht dem Thema ein Stück Emotion verloren. Zumindest die Dinge, über die man sich aufregt, die in dieser Form eine Person betreffen – ist die Luft raus, beginnt die Umkreisung und Vertiefung. Ich bin nicht sicher, ob es immer das zweitere ist. Auf jeden Fall konnte ich mich nie daran gewöhnen, ein zweites regelmässiges Projekt anzufangen. Tagebücher gehen noch immer wieder verloren, während das Blog bleibt. So gesehen ist es genau umgekehrt wie bei Dirk. Ich vermute, dass das damit zusammen hängt, dass für mich Schreiben als Neu-Entdeckung einfach noch mit dem Dialog mit Aussenwelt, überhaupt mit Dialog zu tun hat, haben muss, während andere wirklich nur für sich schreiben können. Wie der Beitrag zeigt, haben auch Autoren Mühe, dieses stille Schreiben wirklich für sich in dieser Form so schlicht überhaupt “vorzusehen”. Alle, die meisten, sehen sich immer ein Stück weit als “Produzenten” von Text. Als Lieferanten.
Relax-Senf · 3. April 2010, 02:31 · #
Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
Johann Wolfgang von Goethe
Steht nicht für meine abschliessende Sicht, aber den geschätzten JWG möchte ich an dieser Stelle gerne zitieren.