Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Der eine Moment im Satz

∞  3 Juli 2010, 14:07

Schreiben ist ein sehr einsamer Prozess. Eigentlich ist nur eines beständig: Die Erfahrung des Scheiterns. Ich kann nicht schreiben, wie ich denke. Meine Worte sind platt. Ein Satz ist immer viel weniger als das, was ich fühle, sehe, schmecke, als all dies, was mir in dem Moment im Kopf steckt, in den Gliedern, in der Seele.
Meine Wirklichkeit ist nicht fassbar. So ist das subjektive Empfinden.
Gestern habe ich in einem Gespräch gehört, dass diese Wahrnehmung falsch sei: Das Hirn arbeite sehr viel mehr linear, als wir glauben. Es nimmt nur eine Sinneswahrnehmung aufs Mal auf. Also: Es schmeckt, dann sieht es, dann denkt es.
Wenn das stimmt, dann wäre der Versuch des Schreibens wie eine Art Photographie: Man zeichnet schreibend ein Bild, das einen Moment einfriert. Wir suggerieren in unserem Bewusstsein eine Vielschichtigkeit, die es im winzigsten Moment gar nicht gibt. In diesem einen Moment war vielleicht genau jener Satz, den wir schreiben, “wahr”.
Wenn also das Schreiben wie Fotografieren sein könnte, dann würde das ein bisschen erklären, dass es geschehen kann, dass man einen Satz schreibt, ihn danach liest, oder ansieht, und nur staunt, dass dies aus den eigenen Wesenheiten geboren worden sein soll. Als würde man sich selbst begegnen. Oder dem scheinbar Fremden in einem selbst.
Wie ein Bild, auf dem man etwas von sich selbst sieht, das einem neu erscheint. Ein losgelöster Moment, der, geschält, klar und rein vor einem liegt. Ein Gefühl, ohne Nachdenken in Buchstaben genossen. Ein Sinn, empfunden und ohne Kontrolle hergeschenkt, erzählt, formuliert. Eine Formel, die nicht konstruiert wurde, sondern einfach vom Band rollte. Schreiben ist entdecken. Meist mag es beim Suchen bleiben. Anstrengend ist das fast immer. Aber es ist der Zwang, den ich hin nehme, um im Gespräch zu bleiben mit mir selbst.




Kommentare

  1. zentao · 4. Juli 2010, 20:51 · #

    genau so erlebe ich das auch oft und ich frage mich nachher;” habe ich das geschrieben?” und es bleibt nur staunen.
    Liebe Grüsse zentao

  2. Relax-Senf · 5. Juli 2010, 16:26 · #

    @ Thinkabout “Man zeichnet schreibend ein Bild, das einen Moment einfriert.”

    Was Dir immer wieder sehr gut gelingt, in Texten wo Du einen Schnappschuss beschreibst. Was mir spontan bei obigem Satz einfiel, war der Widerspruch des Moments “einfrieren” während für mich beim Lesen das Bild “lebendig wird, Konturen zeigt” wie wenn ich es fassbar und konkret vor meinen Augen hätte.

  3. Thinkabout · 7. Juli 2010, 11:55 · #

    @Relax-Senf:
    Ja. Es ist aber immer der Leser, der einem Text Wärme gibt: Die Sätze und Bilder dürfen an ihm nicht abprallen. Er muss sie aufnehmen und das Bild selbst zeichnen. Es ist für mich mit das Schönste, solche Augen-Blicke zu beschreiben: Weil ich gerade dann nach eigenem Empfinden die einfachsten Formen meiner Sprache finde: Ich weiss, das Leben wohnt im Erlebten. Und ich muss es nicht ausschmücken. Das Leben steckt “drin”. Es braucht keine Fanfaren. Das Schlichte daran ist das grösste Fest. Eben ein bisschen wie die Libelle, die in der Morgenstarre verharrt.


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