Der Magistrat mit Plagiat
Wieder war es nichts mit der neuen Leitfigur… Theodor zu Guttenberg hat für seine Doktorarbeit abgeschrieben wie ein Schulbub. Nicht so schlimm? Für jene, die keine Moral bemühen wollen, bleibt die Frage: Wie kann ein Mann wie zu Guttenberg meinen, so was bliebe im heutigen Zeitalter unentdeckt? Und wie soll man sich von einem solchen Wehrminister regiert fühlen, wenn man bedenkt, dass jeder seiner heutigen Tage die Abschätzung von Konsequenzen eines bestimmten Handelns mit ganz anderen Tragweiten beinhaltet…?
Er hat also geschummelt. Der Herr zu Guttenberg nahm es mit dem Zitieren von Textpassagen seiner Doktorarbeit nicht so genau, wie es scheint, und so lässt er die Professoren und alle Leser denken, er hätte Dinge gescheit gedacht, die in Wahrheit andere vorgedacht haben. Während er sich darauf hinaus reden dürfte, dass bei 1200 Seiten nicht jede Passage unbedingt sauber als Zitat gekennzeichnet werden oder zumindest dabei mal ein Fehler unterlaufen könne, fragt sich unsereiner nicht nur, wie unverschämt populär plagieren doch geworden ist – und wie dumm man sein muss, zu glauben, so was würde nicht rauskommen und die Begründung wäre zu akzeptieren, wenn das erste Plagiat schon in der Einleitung vorkommt? Aus Leitartikeln von Tageszeitungen abschreiben und das als eigene Gedankenübung durchgehen lassen? Du meine Güte. Wenn er wenigstens umformuliert hätte, er ist doch ein eloquenter Kerl.
Uns bleibt wirklich nichts erspart: Da taucht ein Politstar am Firmament auf, der wie kein anderer Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zu besitzen scheint, und so mancher mag glauben, unter den Politikern fänden sich vielleicht doch welche, die genau in dieser Funktion genau das erfüllen könnten, was man sich eigentlich von einer Führungsfigur in politischen Dingen wünschen würde: Charakterlich unzweifelhafte, glasklare und geradlinige Positionen, auf denen sich so was wie Verlässlichkeit aufbauen liesse.
Und was ist, wenn der Herr zu Guttenberg gar recht hat, wenn er sich sicher ist, kein Plagiat eingebaut zu haben? Es soll ja auch vorkommen, dass Doktorarbeiten als Ganzes eingekauft werden, und ein Ghostwriter für die Intelligenzia hätte dann wohl noch viel weniger Hemmungen, unter Zeitdruck ein bisschen Gedankenfutter links und rechts einzusammeln…
Unter dem Strich bleibt in jedem Fall für alle wohl nur eines, zu allererst für Herrn zu Guttenberg selbst:
Hier hat die jüngste Geschichte gezeigt, dass einer das Zeug hätte, mehr als eine Kühlerfigur zu sein. Die gelebte Praxis NACH der Ausbildung hat dafür Indizien genug geliefert. Und nun muss sich so einer wohl sagen: Wie konnte ich nur selber so dumm sein, zu meinen, DAS nötig zu haben? Und zu glauben, damit auch noch durchzukommen…? Man hätte sich nur ein wenig Zeit nehmen müssen, statt das Notwendige als lästige Pflicht zu betrachten…
Womit ich für mich die Frage beantworte, die da heisst: Wäre zu Guttenberg fähig, Ministerämter zu besetzen? Ja, aber natürlich! Der Kerl hat alles, was es dafür braucht. Fast. Nur eines hatte er nicht: Die Zeit und die Demut, dies auch beweisen zu wollen – so wie es uns allen innerhalb einer Ausbildung aufgetragen ist.
Es wird sehr spannend sein, zu beobachten, wie die Öffentlichkeit mit dieser Situation umgeht. Sind Abkupfereien nicht irgendwie entschuldbar? Wir alle haben schon abgeschrieben, manche Seminararbeit ist zudem mehr oder weniger eine Aneinanderreihung von schon getroffenen Aussagen… Oder ist ein Plagiat eben mehr und auch entsprechend zu ächten? Die Gesellschaft wird dabei viel über sich selbst erzählen, und wir werden uns ein Stück bewusster werden, in welcher Art Welt wir heute leben. Schon zu Helen Hegemann fiel mir vor allem ein:
Was für eine Geisteshaltung ist es denn, sich mit fremden Worten zu schmücken, den Schmuck aber nicht zu kennzeichnen, weil dessen Herkunft keine Glorie verkörpert? Den Inhalt nehmen, sich aber für die Etikette schämen? Blogger-Zitate werden auch von Printmedien oft verwendet, aber kaum je mit richtiger Quellenangabe – im besten Fall heisst es “in Bloggerkreisen ist zu lesen”, oder so ähnlich.
Man kann es auch so sagen: Allen Plagiatoren würde es wohl kaum einfallen, ein Zitat von Churchill zu verwenden, ohne es zu bezeichnen. Eben.
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Relax-Senf · 18. Februar 2011, 12:36 · #
Aus dem heutigen Tages-Anzeiger
“Nichts ist originell
Was ist davon zu halten? Eigentlich ist das Plagiat nur die radikalste Form der Normalität. Kultur ist nichts anderes als eine Kette von geistigen Diebstählen. Gedanken wachsen aus Gedanken, Bücher aus Büchern, Zeitungsartikel aus Zeitungsartikeln. Egal ob es sich um politische Ansichten, persönliche Haltung, ja sogar um Gefühle wie Liebe oder Schmerz handelt – nichts im Leben ist wirklich originell. Es ist fast immer Vorformuliertes: “
von Constantin Seibt unter dem Titel: “Der elfte Vorname”
Ein Kommentator schrieb: “Wer noch nie kopiert hat, werfe den ersten Kommentar!”
Bei mycomfor hat Fakruechte in seinem Blog geschrieben:
“Bestraft wird man nicht für das was man macht sondern fürs Erwischen lassen!”
Natürlich @Thinkabout ist Guttenberg – nach Kultur- und Moral-Kriterien im deutschen Sprachraum – schwer beschädigt, aber gerade an dieser Stelle bin ich mal wieder gerne Advocato Diablo:
Kann man es sich leisten, ja man kann, ABER SOLLEN es sich die Deutschen leisten den Guttenberg in die Wüste zu senden?
Moralisch und philosophisch habe ich Mühe mit dieser Haltung, denn die Städte wären verwaist und die Autobahnen leer, wenn die unentdeckten Sünden der Menschen bekannt würden. Die restlichen Guttenberg Qualitäten sind doch nicht über Nacht wertlos, weil er ein Buch geschrieben hat, das in der Promotions-Büchersammlung verstaubt wäre, hätte nicht ein Professor Lust und Zeit für die Überprüfung investiert.
Dass Guttenberg gar nicht direkt persönlich gesündigt hat sondern womöglich das Opfer seines Ghostwriters geworden ist, der vermutlich für ordentlich Geld so ein unglaubliches Schlamassel angerichtet hat, halte ich durchaus für denkbar. Jetzt sind wir wieder bei der Moralfrage und wieder spekuliere ich, dass es ein bedeutende Anzahl von Promotionsarbeiten gibt, die nicht vom ausgewiesenen Verfasser selber oder zumindest nicht gemäss Reglement ohne die Mithilfe Dritter zustande gekommen ist.
Wo ist das Problem? Ich bin da seit meiner Zeit bei US Banken sehr amerikanisch geprägt. Ein Titel ist für mich ohne Fernwirkung, ohne Eindruck auf der Visitenkarte, bis die Person zeigt was sie weiss, was sie kann. Da gehören übrigens sehr viel mehr Kriterien dazu, als die welche für die Promotion gewertet werden.
Claudia · 18. Februar 2011, 19:50 · #
Ich schließe mich Relax an! Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass in vielen Bereichen Doktorarbeiten nichts besonders Großartiges und Originelles sind. Zusammenschriebe der Gedanken Anderer, vielleicht angereichert um eine paar eigene Überlegungen – die aber allermeist auch nichts “Einzigartiges” sind, Eine Fleißarbeit für alle, die meinen, so einen Titel zu brauchen, warum auch immer. (Besonders seicht sollen die Arbeiten von Ärzten sein, da die den Doktor mehr brauchen als andere .- ein “Massengeschäft” also auf äußerst niedrigem Niveau.
Natürlich hätte Guttenberg das nicht, bzw. sorgfältiger machen bzw, machen lassen sollen. Und dass er überhaupt meinte, den Doktor zu brauchen, war auch blöd – aber als er danach gestrebt hat, wusste er ja noch nicht, was für eine Karriere er bald machen würde.
Ich finde dieses ganze Hochjubeln und wieder Runterschreiben von Politikern und anderen Funktionsträgern zunehmend widerlich. Heute sogar im 2. ein “ZDF-Special” – als hätte die Welt keine wichtigeren Themen zu bieten!
Die Sacharbeit ist bei alledem völlig irrelevant. Dass Guttenberg die Bundeswehr stark reduziert, total umbaut und DIE WEHRPFLICHT ABSCHAFFTE – das ist für mich das Wesentliche und eine tolle Leistung!
Richard · 19. Februar 2011, 09:09 · #
hörte v.G. erstmalig im bayrischen rundfunk nach seiner berufung zum csu-generalsekretär. war mir bis dahin unbekannt. diese sprache, dieser respekt vor der grammatik – ach war das schön einmal jemand fern vom sonstigen politikersprech zu hören. später kam dann zur akustischen wahrnehmung die optische. passte! nun zur ist-situation. ja man fühlt sich hintergangen. aber eigentlich nur durch den eigenen, subjektiven erwartungsansatz. als nichtakademiker dachte ich spontan, nun ja also auch so ein cleverle wie alle anderen und ist enttäuscht. von was bzw. von wem? es wurde doch nur die eigene erwartungshaltung an diese person nicht erfüllt. letztendlich haben wir die politiker die diese gesllschaft verdient und unbestreittbar werden in allen leadermedien die cleverles also das modell des mensch sein vermittelt. was solls also.
Thinkabout · 19. Februar 2011, 17:22 · #
@Relax-Senf
Nein, die restlichen Guttenberg-Qualitäten sind nicht wertlos, weil er ein unbedeutendes Buch geschrieben hat – oder hat schreiben lassen.
Und natürlich gibt es eine ordentliche Anzahl von Promotionsarbeiten, die fremdgeschrieben werden.
Die Beschädigung liegt genau im Dilemma, dass es offensichtlich viele tun – und uns das – angesichts seiner Qualitäten, lieber egal ist.
Was nichts anderes bedeutet, als dass wir ein Stück weit die Schummelmöglichkeiten der gut Betuchten akzeptieren. Denn die anderen müssen selber schreiben… Und, wenn der Herr zu Guttenberg damals entschieden hat, hier sei Authentizität nicht so wichtig – wo ist sie es dann sonst auch nicht für ihn? Wen meint Herr Guttenberg, und von wem spricht er, wenn er bei anderen Gelegenheiten in der “ich-Form” spricht?
@Claudia
Natürlich sind Doktorarbeiten oft reine Fleissarbeiten. Das spricht aber nicht dagegen, dass sie von den Doktoranden selbst geschrieben oder formuliert werden sollten.
Die Sacharbeit wird auch nicht irrelevant deswegen. Auch die aktuelle nicht. Deswegen aber dürfte es immerhin ziemlich wichtig sein, zu beobachten, wie zu Guttenberg mit dem Problem umgeht. Denn Politiker leben mehr als andere vom Vertrauen. Und wir lügen uns in die Tasche, wenn wir negieren, dass ein Vorgang wie dieser nicht das “innere Gefühl” für Repräsentanten der politischen Macht beeinflusst. Um nicht zu sagen: Beschädigt.
@Richard
Von den Erwartungshaltungen, die Du benennst, leben die Politiker… denn auf Grund derer wählen wir.
Prost zu den Cleverles: Mit der gleichen Grundhaltung ist es nicht mehr weit bis zum Satz, dass alle an ihrem eigenen Dilemma ganz bestimmt selbst schuld sind. Pech, dass sie weniger clever sind…
Du sprichst übrigens mit Recht seinen Sinn für Sprache an. Um so absurder ist es, dass ausgerechnet er die Fleissarbeit der Formulierung einer eigenen Doktorarbeit nicht oder nur beschränkt leisten wollte – eine Arbeit, die gerade für ihn null Problem gewesen sein dürfte.
Richtig: Ich bin enttäuscht. Von ihm hätte ich diese Dummheit oder Faulheit schlicht nicht erwartet.
Thinkabout · 20. Februar 2011, 14:21 · #
Nachtrag:
Das guttenbergsche Krisenmanagement zeigt wohl, dass er und seine Entourage noch gar nicht begriffen hat, wie das weitergehen könnte: Die Art der Erklärung vor ausgewählten zwei Journalisten, während im Pressesahl die grosse Schar wartet – das geht ja wohl gar nicht. Ob er will oder nicht: Es wird alles ausgegraben werden – da hülfe nur Vorwärtsstrategie und eine offensive Stellungnahme