Der unbekannte Nachbar Österreich: Ein Aufruf
Als kleines Land definiert man sich immer auch über seine Abgrenzungen zu seinen Nachbarn. Und so sind denn unsere Zeitungen regelmässig voll mit Reflexionen und Kommentaren zu Deutschland.
Wie uns die Franzosen und die Italiener sehen mögen, berührt uns auch, aber ganz bestimmt weniger, als dies für die Romands und die Tessiner der Fall sein mag.
Ärgern wollen wir uns vor allem über die Klischees, die wir auf der anderen Seite des Rheins über uns hören.
Aber was bitte ist mit Österreich? Das ist das Land rechts neben uns. Was wissen wir über dieses Land? Ausser, hoppla, genau den Klischees über sie. Dass sie gute Skifahrer haben – dann, im Winter zumindest – müssen wir sie über Gebühr wahrnehmen, unsere Nachbarn. Wir kennen den Wiener Schmäh, die Sacher-Torte. Und schon bin ich bei Wiener Besonderheiten – und DAS ist eben NICHT Österreich, sondern nur eine Facette. Wir verbinden mit Österreich Volksmusik, Gemütlichkeit vielleicht, staunen, dass in diesem Land Falco gelebt hat – kurz, wir müssen im Grunde zugeben, dass wir unseren Nachbarn nicht kennen. Überhaupt nicht.
Wir diskutieren viel über die EM im Juni, die fehlende Begeisterung. In Österreich tun sie das auch. Aber die beiden Länder haben nicht wirklich ein Gefühl für einander. Auf jeden Fall nicht so, wie es sein könnte, wenn man den weltweit drittgrössten Sportanlass zusammen organisiert. Ohne den direkt betroffenen Menschen ist das niemandem bewusst.
Dass die Fälle Kampusch und Fritzl an dieser Stelle keinen Grund für Kalauer oder weitere unsägliche Pauschalisierungen hergeben sollen, muss ich wohl nach dem bisherigen Text dieses Artikels nicht mehr betonen. Nein, mir geht es ernsthaft um Folgendes:
Wir richten zusammen einen grossen Sportanlass aus. Beide Länder leben zu einem guten Teil vom Tourismus. Sie haben prakisch die gleiche Zahl Einwohner. Wir reden die gleiche Sprache (oder sind zumindest beide gleich weit von “Hochdeutsch” entfernt …). Und doch, ganz offensichtlich, sind wir in sehr Vielem sehr verschieden. Eigentlich wäre das eine spannende Geschichte, der nachzugehen gerade jetzt doch sehr spannend sein müsste.
Jedes Schweizer Blog dürfte ähnliches feststellen wie dieses hier auch: 50-55% meiner Leser stammen aus Deutschland, etwas mehr als 35% aus der Schweiz. Und aus Österreich? Sind es selten mehr als 5%. Auch in Österreich gibt es doch Internet? Warum ist dieses Verhältnis so einseitig?
Ich buhle eigentlich nie um Kommentare, und auch jetzt dürften sie wohl selten bleiben, denn Thema dieses Artikels ist ja gerade das vermutete Nicht-Interesse an einander. Wenn Sie aber etwas dazu zu sagen haben, dann schreiben Sie mir doch.
Kommentieren Sie, oder schreiben Sie per mail. Mich interessieren Ihre Erfahrungen, Gefühle, Einschätzungen, Meinungen zum Thema. Nicht das Lexikon-Wissen. Wikipedia und andere Quellen können wir alle konsultieren. Mich interessiert Ihre persönliche Beziehung zu Österreich, oder wenn Sie ÖsterreicherIn sind Ihr Verhältnis zur Schweiz. Ich möchte mehr über meine Nachbarn erfahren und werde darüber schreiben. So lebendig, wie möglich, wenn Sie mir mit Ihren Erfahrungen und Ihrem Wissen die Chance dazu geben. Oder direkt meinen LeserInnen.
Wäre doch gelacht, wenn wir in unsere Nachbarschaft nicht ein bisschen Farbe und Konturen bringen könnten.
Es könnte doch geradezu eine Lust sein, sich in aller Unterschiedlichkeit vertraut zu werden und mehr Gemeinsames zu entdecken. Oder wandle ich da völlig auf dem Pfad ins Labyrinth?
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[Bildquelle: Labyrinth Locherboden in Mötz, Oe, gefunden bei das-labyrinth.at ]
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SeelenLeerer · 7. Mai 2008, 16:34 · #
Da ich zumindest im selben Tal wohne wie die Vorarlberger
(ihres Zeichens zwar Österreicher, von diesen aber belächelt)
Würde ich gerne darüber schreiben.
Aber was?
Für uns sind sie einfach Nachbarn, die auf der anderen Seite des Rheins wohnen, aber das tun die Diepoldsauer ja auch.
Von hier aus hinter Winterthur glauben die Schweizer gar, wir sprächen den selben Dialekt. In Wahrheit sind hier heute noch Unterschiede von Dorf zu Dorf erkennbar, wenn auch nicht mehr so stark wie in meiner Kindheit und die Vorarlberger klingen wirklich anders.
Lustigerweise beherbergen wir hier gar ein anderes Land im selben Tal, mit noch einem anderen Dialekt. Ja, die Lichtensteiner wohnen auch im Rheintal, aber das ist nochmals eine ganz andere Geschichte.
Früher waren die Vorarberger ärmer als wir. Das war gut um in den “Ausgang” zu gehen, ebenso dass wir schon vor 20 Jahren selten vor 5 wieder heimkehrten. Was ich während meiner Lehre in Winti niemandem sagte, um denen ihr geliebtes Züri nicht madig zu machen. Dadurch sind die Löhne hier im Tal traditionel tief, weil unsere Konkurenten früher eben für viel weniger das Selbe konnten.
Heute haben sie uns sicher überholt, was auf die Löhne nicht den selben Einfluss hatte, aber deren Fahrzeugflotte hat sich klar verändert.
Das Eigentümlichste war früher sicher, dass ihre Häuser keinen Aussenverputz bekamen, denn dann galten sie als nicht fertig gestellt und waren somit steurlich bevorteilt. Heut nur noch selten zu sehen – keine Ahnung ob diese Steuerlücke abgeschafft wurde oder eben das mehr an Geld dafür verantwortlich ist.
Kulturell waren und sind sie uns schon immer voraus und das nicht nur wegen Bregenz. Keine Ahnung ob es an gezielter Förderung (im Sport ist es garantiert der Fall, schon seit Jahren) oder dem grösseren Stellenwert liegt. Bloss als Vegetarier ist man dort drüben eine echt arme Sau.
Das mit den Titeln ist schon lustig zu beobachten.
Ein guter Freund von mir (in der Schweiz wohnender Slovene) gibt Teilzeitunterricht am Musikgymnasium und ich spreche ihn deswegen gern als Herr Professor an, weil er eben diesem Bild nicht grad entspricht, diesen Titel aber trägt.
Der Magister ist übrigens einer der die Kanti geschafft hat, aber Magister klingt doch auch schon nach was. Nicht umsonst sieht man den Titel K.u.K. Liefernat noch, bei einigen Firmen in Wien.
Aber wie gesagt, was soll ich erzählen,
enn wenn sie hinfallen bluten sie auch rot,
wie wir alle.
Thinkabout · 7. Mai 2008, 18:17 · #
Ich sitze hier, lieber Seelenleerer, in einer dunklen Lobby eines kleinen Amsterdamer Hotels, mit von der Sonne erhitzter Birne und freue mich einfach ueber Deinen Text!
Danke Dir. Genau solche “Geschichten” interessieren mich!