Deutschland wählt das Kreuz aus
Die Wahlen in Deutschland dürften in der Schweiz mehr interessieren als bei früheren Gelegenheiten:
Das Verhältnis zu unserem nördlichen Nachbarn ist stärker gestört als je in den letzten dreissig Jahren, mag das so manchem Deutschen, der die Schweiz mit seiner nächsten Autofahrt Richtung Süden gleichsetzt oder mit dem (längst ins Reich der Märchen gehörenden) Nummernkonto in Zürich oder Genf, der in der Schweiz höchstens mal Ferien macht und ansonsten uns auch ganz putzig findet, nun seinerseits interessieren oder nicht. Ein astronomisch verschuldeter Wirtschaftsgigant mit einer sich immer mehr zerfleddernden Parteienlandschaft wählt eine neue Regierung. Die Deutschen machen ein Kreuz, um “zu bestimmen”, wessen Kreuz sie die nächsten vier Jahre tragen. Danach wird nach ihrer Meinung wieder fast so wenig gefragt, wie nach der unseren.
Ich denke jedes Mal, dass es eigentlich unglaublich ist, Demokratie auf die theoretische Möglichkeit zum Widerspruch zu reduzieren.
Und während ich letzte Woche durch Berlin flanierte, habe ich mich mit meinen Deutschland-Erfahrungen der letzten Jahre in den Medien und durch Politiker versöhnt. Die Menschen in Deutschland begegen mir nämlich sehr wohl sehr gastfreundlich, aufgeschlossen und wohlwollend. Ich fühle mich wohl im Norden. Und wundere mich in der Kneipe gegenüber schon mal zusammen mit Einheimischen über das Bild, das die Bundeskanzlerkandidaten Merken und Steinmeier auf den aktuellen Plakaten so abgeben. Gegensätzlicher könnte es nicht sein:
Da der Herr Steinmeier, der mit positivem Gesichtsausdruck grossformatig von oben ins Bild guckt, mit einem Lächeln im Gesicht, das Mut im Blick suggeriert und damit ein Stück Zukunftsglauben. Wie war es nur möglich, dass dieser Mann sich jahrelang eine viel zu enge schwarze Nickelbrille in den Kopf drücken konnte? Daneben die Frau Merkel, im grünen Jacket, mit ihrer typischen Handhaltung: Sie wirkt, als schaute sie leicht nach oben in die Kamera (obwohl der Aufnahmestandpunkt ein anderer ist) wie eine Frau, die man auf dem Einkaufsgang angehalten und für eine Umfrage überredet hat. Leicht erschreckt blickt sie aus dem schwarzen Nichts und wirkt dabei ziemlich ratlos. Wie so ein Bild zum Kernmotiv einer Wahlkampagne werden konnte, in der Schlussphase der Wahl? Ich würde die Werbeagentur gerne fragen, was sie sich dabei nur gedacht hat? Die Gegensätzlichkeit der Wahlplakate symbolisiert tatsächlich plakativ die Tendenzen im Schlussspurt dieser Wahl. Wie weit reicht der Stimmungsumschwung bis heute abend?

Bild: uena.de
23h07:
Stimmungsumschwung? Steinmeiers letzter Atem hat also höchstens ein noch grösseres Debakel der SPD verhindert. Und die Sieger haben immer alles richtig gemacht. Womöglich sogar die Wahlplakate…
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Janna · 28. September 2009, 11:22 · #
…du sprichst mir aus dem Herzen….ein Kreuz werden wir tragen müssen – denn ich bin der oft zitierte “kleine Mann – Frau” –
Schwarz-Gelb gilt in der Tierwelt als Warnfarbe: Vorsicht! nicht näher kommen…
warum lernen wir nicht mehr von Tieren….:-) Janna
heute eher :-(
SeelenLeerer · 28. September 2009, 16:02 · #
Schon erstaunlich,
dass die Proklamierer der Deregulierung
nun in Deutschland und Österreich
dermassen zulegen konnten
und die Warner so abgestraft werden.
Und das im Jahr nach dem Crash,
der doch offen legte wohin es führt.
Also ich versteh es nicht.
Claudia · 28. September 2009, 23:41 · #
@thinkabout: inwiefern siehst du das Verhältnis Schweiz/Deutschland als gestört an? Und wieso interessieren die Wahlen in der Schweiz jetzt besonders?
@Seelenleerer: es ist ganz einfach, die Schwarz-Gelben haben zusammen nicht etwa MEHR Stimmen als zuletzt (eher im Gegenteil!), sondern die Wahlbeteiligung ist gesunken, weil jede Menge ehemalige SPD-Wähler zuhause blieben.
Und sie blieben zuhause, weil die SPD keine Machtperspektive jenseits der Koalition hatte – und solange das so ist, erwartet man von der “AGENDA-Partei” gewiss nichts besonders Soziales, da hängt ihr die Schröder-Zeit mit all den neuliberalen Zumutungen eben noch nach.
Es ist also nicht so, dass es in der Krise auch noch einen unverständlichen schwarz-gelb-Trend gegebe hätte – es hat nur einfach die SPD stark abgewirtschaftet und massiv verloren. Was die Anderen RELATIV wachsen lies…
SeelenLeerer · 30. September 2009, 12:46 · #
@Claudia: So betrachtet macht es eher Sinn.
Dann ist das selbe Phänomen in Österreich wohl ein kosmischer Spass.
Thinkabout @ Claudia · 30. September 2009, 21:08 · #
Frage mal Schweizer, was sie vom Herrn Steinbrück halten – und wie wenig dass es braucht, dass sie von seiner Schnodder-Schnauze auf deutsches Gehabe allgemein schliessen. Das ist den Schweizern nämlich das liebste Vorurteil, mit dem man die eigenen Minderwertigkeitskomplexe pflegen kann.
Dass die Anwürfe aus der SPD kamen in der Steuerdebatte, war ja nicht weiter erstaunlich, dass die militantesten Klänge vom SPD-Häuptliing Münte kamen, der den Schweizer Indianern (Steinbrück) bedauernswerter Weise nicht die Truppen schicken konnte, war aber die absolute Höhe.
Das Verhältnis ist also belastet, und dass das die Deutschen nicht mal richtig bemerken, macht es nicht gerade besser. Dafür haben wir eine Zuwanderung von Deutschen, die geradezu extrem zunimmt von Jahr zu Jahr. Wäre mal interessant, zu erfahren, was die von den Offensiven der deutschen Regierung gegen die Schweiz halten.
Daneben schauen wir nach Norden, betrachten uns die brutal gewordene Verschuldung, wundern uns über den Ton, der scheinbar zwischen Ämtern und Bürgern herrscht, verstehen HartzIV noch weniger als ihr, betrachten es aber als irgendwie unglaublich, wie es zu 1-Euro-Jobs kommen konnte.
Es ist wohl einfach so, dass wir, ob wir wollen oder nicht, viel mehr nach Norden ausgerichtet sind, als wir uns selbst bewusst sind. Schaun nur mal, welche Fernsehprogramme wir sehen – und frag’ mal, ob in irgend einem Kabelnetz ein deutsches Programm fehlt, das auch nur ein wenig Verbreitung hat.
Claudia · 30. September 2009, 22:21 · #
“Wäre mal interessant, zu erfahren, was die von den Offensiven der deutschen Regierung gegen die Schweiz halten. “
Es gibt da gar nicht “die Deutschen”, sondern so’ne und solche, wie der Berliner sagt. :-) Die große Mehrheit ist jedenfalls im Detail über die Feinheiten und die Entwicklung des schweizerischen Bankenrechts NICHT informiert – ich auch nicht. Aber es gehörte sozusagen zum “Uraltwissen”, dass Menschen mit viel Geld immer gern die Gelegenheit wahrnahmen, ihr Vermögen in der Schweiz vor dem Fiskus zu verstecken (“Nummernkonten”), wo das eherne Bankgeheimnis was Heiliges zu sein schien.
In der BEWERTUNG dieser Dinge scheiden sich die Geister: wer selbst der Meinung ist, zuviel Steuern zu bezahlen und um sein Vermögen fürchtet,. empfindet es als Sauerei, dass die Schweiz von Externen gedrängt wurde und wird, die “schützende Burg” rund ums Gastgeld zu schleifen. Wer eher wenig oder nichts hat, findet das ganz richtig, denn es wird als sozialschädliches Verhalten gesehen, seine Euro irgendwo beiseite zu schaffen und sich der Umverteilung zu entziehen.
Ich hoffe, ich hab das jetzt neutral genug formuliert! :-)
ABER: dieses ganze Thema ist in DE zu keiner Zeit besonders hoch gehangen worden – dass Steinbrück harsche Worte spricht, ist nix Besonderes, das macht er an anderen Stellen auch und viele mögen ihn dafür (endlich mal einer, der nicht so weichgewaschen wischiwaschi daher salbadert…).
Das Bankenthema IN DER SCHWEIZ wird von DE aus als Thema der Bonzen gesehen – die Schweiz und die Schweizer insgesamt sind für Deutsche aber in der Regel nicht mit diesen oberen Geld-Mächtigen identisch! Man assoziiert viel mehr die schöne Landschaft, den allgemeinen Wohlstand, das von vielen geliebte Schwitzerdütsch, die direktere Demokratie (!) – und dass jeder ein Gewehr im Schrank haben soll, falls die Schweiz angegriffen wird (das wird interessanterweise eher witzig/sympathisch gesehen, ganz anders als etwa die Waffen der Amerikaner).
Kurzum: wir mögen die Schweiz. TROTZ umstrittener Support-Leistungen für Steuerflüchter – schließlich sind bzw. waren es Deutsche, die das in Anspruch nahmen!
Titus · 30. September 2009, 22:30 · #
@ Claudia
Ergänzend zu den Worten von Thinkabout:
Deutschland ist der wichtigste Handelspartner für die Schweiz. Geht es Deutschland gut, geht es der Schweiz sicher auch gut – oder umgekehrt: Geht es Deutschland schlecht, geht es der Schweiz auch schlecht.
Zudem sind den meisten Schweizern (also den Deutschschweizern) die Deutschen kulturell am nächsten. Das zeigt sich besonders dann, wenn’s auf europäischer oder internationaler Ebene «Schelte» gegen die Schweiz gibt. Da erhofft man sich automatisch eine gewisse Schützenhilfe seitens Deutschland, weil die Deutschen am besten verstehen, warum wir so oder so (re)agieren.
Thinkabout @ Claudia #6 · 3. Oktober 2009, 12:16 · #
Dieses “Uraltwissen” ist das grosse Ärgernis: Nummernkonten gibt es schon längst nicht mehr, mag auch jeder idiotische deutsche Krimi nach wie vor von einem solchen in Zürich fabulieren, die Schweiz hat ein Geldwäschereigesetz, das weit schärfer ist als jenes mancher EU-Staaten, von der USA ganz zu schweigen, und das Schweizer Bankgeheimnis ist oder war weit weniger attraktiv als die Bedingungen, die österreichische oder luxemburgische Banken ihren Kunden anboten.
Diese Art Unwissen statt Uraltwissen ärgert mich einfach masslos.
Deine Unterscheidungen und Nuancierungen, die Du im Übrigen anbringst, finde ich sehr schön beobachtet, und sie haben viel für sich. So gehören viele Deutsche genau deswegen zu meinen Freunden, weil sie sich eben ihr eigenes Bild machen und mit mir einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund teilen, den ich als enorm reich und inspirierend erlebe.