Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Die früheren Zeiten des Kirchgangs

∞  14 Oktober 2007, 11:32

Heute morgen stehe ich in der Waschküche und hänge die Wäsche auf. Der Geruch frischer Blumen betäubt mich fast. Warum ist die Chemie in ihrer Imitation der Natur immer so voller Übertreibung?

Es wird dunkel im Raum. Die Laken hängen schwer vor dem Fenster. Dann ertönen die Kirchenglocken, und ich muss an die verloren gegangenen Dorfgemeinschaften denken: Wo kommen wir denn noch zusammen? Welche Gemeinschaft kennt noch den Fixpunkt regelmässiger Begegnung? Der Kirchgang – er gab dem Sonntag einmal die Grundstruktur eines bewusst erlebten freien Tages. Traditionen, die Brauchtum und Gemeinschaft festigen – sie werden immer weniger.
Ich gehe nach oben – und schreibe – wenigstens – ein Mail.

  1. Ikkyu · 14. Oktober 2007, 14:36 · #

    Es kommt wohl sehr auf die Erfahrungen in der Kindheit an, wie das rasche Verschwinden von “Traditionen, Brauchtum und Gemeinschaft” heute erlebt wird. Ich erinnere mich an die Jahre in einem evangelischen Internat. Selbstverständlich mussten wir jeden Sonntag in die Kirche gehen. Zusätzlich gab es noch jeden Abend eine Abendandacht im Betsaal des Internats. Predigten, die alle darauf hinausliefen, dass wir uns bessern sollten, das schleppende Absingen der Lieder aus dem Gesangbuch, das Herunterleiern des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers, die Liturgie, ... das alles konnte mich nicht erreichen. Es kam mir völlig sinnentleert vor, ein Ritual, an dem sich alle aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen beteiligten, dumpf und unlebendig. Und ein einziger Zwang.

    Wer solche Erfahrungen gemacht hat, wird heute höchstens verständnisvoll nicken, wenn er liest oder hört, dass sich die Kirchen immer mehr leeren.

    Vielleicht ist jetzt allmählich Platz entstanden für andere, lebendigere Formen der Spiritualität. Denn das Bedürfnis danach ist sicher nicht verschwunden.

  2. Thinkabout · 14. Oktober 2007, 16:52 · #

    Selbstverständlich hast Du Recht – es sind am Schluss immer die Menschen, die Gepflogenheiten mit Inhalt und Wärme füllen müssen. Auch ich habe die Pflichttermine als Konfirmand in der Kirche nicht gerade gemocht. Aber es ist ein bisschen wie im Militär: Wenn man dann mal draussen ist, erzählt man sich die schönen Geschichten… Aber LEBEN muss die Tradition, sie muss atmen, sonst stirbt sie besser – oder stirbt sie gerade deswegen?

  3. Tina · 15. Oktober 2007, 05:45 · #

    Wenn etwas weniger wird, gibt es Platz für Neues! Auch wenn der zunächst noch leer bleibt….

    Es ist schwer an Traditionen festzuhalten, wenn der Sinn mehr Fragen aufwirft als Halt bietet. Rituale, die so wenig Überzeugung und Tiefe in sich bergen, daß sie nur zögernd an die nächste Generation weitergegeben werden. Ein Zeichen. Eine neue Chance!

    Ist nicht auch das Schlagwort im Arbeitsleben “Innovation”? Da kann man es sich nicht erlauben, an unrentablen Prozessen festzuhalten, nur weil das “schon immer so war”. Und meistens gelingt es ein paar kreative Köpfen sich was Neues einfallen zu lassen. Warum nicht auch hier?


Kommentare dieses Blogs abonnieren: RSS-Feed

Textile-Hilfe