Die Sache mit der finanziellen Unabhängigkeit
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Es ist ja gut und recht, immer mal wieder in Aphorismen zu stöbern, aber manchmal ist es schon unfassbar, welchen Sturm an Gedanken ein einziger, oder auch zwei Sätze auslösen können:
Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft.
Jean-Jacques Rousseau
Da frage ich mich, wie denn bei uns ein Mensch glücklich werden soll, der nach den Regeln der Wirtschaft lebt? Sie will nämlich ständiges Wachstum. Nur so ist wachsender Wohlstand möglich. Bei entsprechender Schuldenlast, wie wir sie “aktuell” haben, ja immer mehr anhäufen, ist diese Jagd nur schon nötig, um Besitzstand zu wahren. Wie also ist es um den Besitzenden bestellt, dessen Geld in Gefahr gerät, sich verbraucht, entwertet? Wie sehr verhindert Verlustangst diese sagenhafte Freiheit?
Wie besitzt umgekehrt jemand Geld, der es nur hat, weil er ihm zuvor nachgejagt ist? Hat ein solcher Mensch je die Möglichkeit, die Jagd aufzugeben?
Geld zu haben, macht nicht unabhängig. Dafür ist eine Einstellung nötig, eine Form von Selbstvertrauen, die sich nicht über einen Besitzstand definiert: Unabhängigkeit, Freiheit ist, wird sie materiell definiert, ein Mythos, der sich jederzeit zerschmettern lässt. Unabhängig muss man im Kopf werden – und dieser Prozess ist niemals wirklich abgeschlossen. Denn Zukunftsängste können plötzlich unvermittelt aufkommen.
Hätte mir jemand vor Jahren prophezeit, ich würde so oft darüber nachdenken, ob es besser gewesen wäre, den beruflichen Weg mit Vollgas weiter zu gehen, so hätte ich ihn ausgelacht. Unmöglich. Nun, die Welt ist eine andere geworden, die Unsicherheiten in unser aller Bewusstsein wachsen sich manchmal zu quälenden gedanklichen Geschwüren aus. Doch genau solche Situationen sind Indikatoren, welche Menschen mit etwas Zeit für sich selbst den Spiegel vorhalten:
Sag mal, Freund, wie ist es um Deine Unabhängigkeit wirklich bestellt? Hast Du sie Dir gekauft und befürchtest Du nun, dass Dir das Leben die Garantie auf den Kauf aufkündigen könnte? Unzähligen Menschen ergeht es so im eigentlich wohlverdienten Ruhestand. Ich habe immer gesagt, ich würde mir mit meinem Lebensmodell Zeit kaufen wollen. Zeit statt Lohn, Zeit als Lohn. Mir ist Zeit so lieb geworden, dass ich manche Abstriche an meinen Lebensumständen machen würde, nur um diese Herausforderung nicht abtreten zu müssen: Zeit gestalten zu können.
Ich bin bei dieser Zeitgestaltung gerade in den letzten Monaten eher mässig erfolgreich gewesen – aber genau darin liegt der Wert der Selbstfindung: Mein Erstaunen ist gross, wie leichtfertig man sich immer wieder selbst seine Zeit vollschüttet mit selbst definierten Notwendigkeiten, die objektiv gesehen völlig unnötig bleiben würden, könnte man nur die ursprünglichen Absichten weiter erinnern und aufrecht erhalten. Und wenn dieser Beschäftigung die Legitimation des Geldverdienens fehlt, dann kann man sich in seiner belanglosen Zeitverbrennung viel weniger in die Tasche lügen.
Auf diesem harten Weg komme ich persönlich am ehesten zu ein bisschen mehr Unabhängigkeit – und damit innerer Freiheit, die – eben – gar keine materiellen Bedingungen braucht, um Bestand zu haben. DAS ist Freiheit. Ist sie mal errungen, muss man ihren Verlust auch nicht fürchten. Sie lässt sich kaum stehlen, ist resistent gegen Inflation und trägt einen Stempel: “Persönlich, nicht übertragbar.”
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ClaudiaBerlin · 27. Juni 2012, 08:42 · #
Wohl gepsrochen! Mir tun die Leute leid, die von “finanzieller Unabhängigkeit” träumen und dafür bereit sind, ihre Lebenszeit mit Arbeiten und Geschäften zu verbringen, die absolut nichts mit ihren persönlichen Interessen zu tun haben. Das Netz steht ja voll mit Anleitungen zum “reich werden im Internet”, ein “passives Einkommen” ist das erstrebte Ziel: also die Freiheit von der Notwendigkeit, zu arbeiten.
Was für ein Irrtum! Als werde der Mensch im ewigen Urlaub mittels genug Geld dann zwangsläufig glücklich! Dabei lesen wir doch immer wieder Meldungen, dass sich sogar SEHR Wohlhabende umbringen aufgrund finanzieller Sorgen bzw. drohender Verluste. Völlig irre!
Noch vor wenigen Jahren lebte ich von der Hand (bzw. Tastatur) in den Mund. Woher die übernächste Miete kommen würde, wusste ich nicht. Aber es klappte immer irgendwie… Trotzdem fühle ich mich ruhiger und freier, seit ich eine Rücklage habe, die die Frist bis zur Pleite um ein paar Monate verlängert, sollte mal gar nichts mehr rein kommen.
Ich kann darauf vertrauen, dass ich in diesen Monaten wieder andere Einkommensmöglichkeiten finden würde – und zur Not würde es mich auch nicht total unglücklich machen, müsste ich mal das soziale Netz in Anspruch nehmen. Ich hätte ja etwas Zeit, mich darauf einzustellen.
Was ich auch bemerkt habe – und das korrespondiert mit deinen Bemerkungen zum Zeit totschlagen: wenn ich grade überhaupt keinen Druck habe, irgend eine “Brotarbeit” zu erledigen, dann ist es nicht etwa so, dass ich dann etwas verwirkliche, was ich schon immer gerne getan hätte. Sondern ich lasse dann die Dinge eher schleifen und mach’ nix besonders Kreatives.
Hab ich aber zu tun, sprudle ich nur so vor Ideen, was ich AUCH NOCH und ANDERES endlich tun könnte – und komme sogar ab und an dazu, das anzugehen.
Der Mensch ist für einen statisch-paradiesischen “Endzustand” nicht gemacht. Es braucht die kreative und auch ab und an mühevolle Auseinandersetzung mit den sich sowieso immer wieder verändernden Bedingungen, Dabei können wir zu Hochform auflaufen, unsere Fähigkeiten erfahren und entwickeln. Arbeit zu finden oder zu kreieren, die IM TUN, nicht im Ergebnis Freude macht, ist für mich das Erstrebenswerteste – nicht das Geld, das ich mit irgend etwas verdiene.
Ohne jeglichen positiven Stress verfaulen wir wie stehendes Wasser!
Thinkabout @Claudia · 28. Juni 2012, 01:10 · #
Danke Dir für diese Betrachtungen!
Mir kommt dazu noch etwas in den Sinn, das – was die Arbeit als blossen Zweck betrifft – das so herrlich im Gegensatz steht zum Antrieb, über den Broterwerb glücklich zu werden:
Ich weiss leider nicht mehr, welche Biographie konkret davon handelte, aber ich kann mir vorstellen, dass es ab dem Spätmittelalter manchen ähnlichen Lebensentwurf gab: Ich meine den Schriftsteller, der sich ganz bewusst eine geistig nicht anspruchsvolle Arbeit in einer Amtsstube suchte, um die grösste Sorge des Broterwerbs ablegen und alle Energie dafür aufsparen konnte, sich daneben möglichst intensiv seiner Kreativität zu verschreiben… Nun, diese Amtsstuben sterben wohl aus, nicht wahr? Dafür ist gerade das Internet eine Art Bühne, auf der sich neue Formen des kreativen Ausdrucks mit Broterwerbsmöglichkeiten koppeln lassen – nur fehlt mir dafür die Energie. Ich will einfach schreiben, wann mir danach ist, und die Gedanken über die mögliche Verwertbarkeit machen mich bloss müde.