Disqualifikationen unter Frauen
Stutenbissigkeit? Sexualisierte Gesellschaft? Amerikanische Prüderie oder enthemmte Hemmnisse an fraulicher Toleranz?
1) “Ich hasse Palin.”
2) “Sie hat nicht das Recht, sich ‘Frau’ nennen zu dürfen.”
3) “Der ‘Ausfalter einer Hardcore-Pornozeitschrift’ der Republikaner.”
4) “eine ‘religiöse Extremistin’, die Frauen zu ‘zweitklassiger Habe mit drei Löchern’ herabwürdigt.
Diesen geschmackvollen Zitaten ist folgendes gemeinsam:
Sie meinen alle die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner, Sarah Palin.
Sie stammen alle aus vermeintlich respektablen Printmedien bzw. von etablierten Publizisten.
Und es sind durchwegs Zitate von…: Frauen.
Noch Fragen? Eine ganze Menge. Aber ich weiss gar nicht wo anfangen. Darum lasse ich es lieber…
Quellen:
1) Mary Mitchell, Chicago Sun-Times
2) Wendy Doninger, Newsweek
3 + 4) Cintra Wilson, Autorinzusammen getragen von der Weltwoche, 38.08, Printausgabe [Der trojanische Elch, von Eugen Sorg].
[Bildquelle: gedankenflug.designblog.de ]
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uertner · 20. September 2008, 23:24 · #
Habe den WeWo-Artikel auch gelesen. Gerade das letzte Zitat hätte einem männlichen Redaktor wohl die Stelle gekostet. Aber da seit Schillers Gedicht “Würde der Frau” dem holden Geschlecht das “Szepter der Sitte” übertragen wurde, dürfen wir uns wohl bald auf den freien Phall des Anstandes im Printbereich freuen. Es grüssen aus der biederen Eidgenossenschaft: Michele Roten, Frau Prof. Stämpfli und Jasmin Hutter.
Marianne · 21. September 2008, 10:40 · #
Ich finde es ausgesprochen “uncool”, wie zur Zeit Frauen über Frauen schreiben. Auch mir graust vor einigen Geschlechtsverwandten, aber man muss ja nicht gleich selber auch unter die Gürtellinie gehen. Danbar bin ich aber, dass Gedanken immer noch frei sind…
Mara · 21. September 2008, 11:54 · #
Das ist doch kein neues Phänomen. Moslems dürfen über Moslems anders schreiben, als Christen über Moslems, .. aus einer Minderheit heraus bzw. aus einer Diskreminierten Gruppe heraus kann man leichter argumentieren bzw. ist auch “harte und unfaire” Kritik anders zu fassen als aus der reinen Position der Stärke heraus. Als Angehörige mehrerer Minderheiten und “schwachen” Bevölkerungsgruppen begreife ich auch Kritik aus der eigenen Ecke anders, den eins ist immer klar, wirklich treffen und ausgrenzen kann eine solche Kritik nicht, denn das ist das Schicksal solcher Gruppen – man kann sich nicht enscheiden ob man dazu gehört oder nicht.
flashfrog · 21. September 2008, 16:40 · #
“zusammen getragen von der Weltwoche” – noch Fragen?
Wer will findet immer irgendwo irgendein passendes Zitat, um das eigene Weltbild zu stützen. Das Weltbild der Weltwoche sieht so aus:
Wenn solche Angriffe unter der Gürtellinie hundertweise von Männern gegen Hillary Clinton kommen, ist das “normal”, da tut man gerne mit. Männer dürfen die Ehre einer Frau ungestraft in den Dreck ziehen. Frauen haben schön tugendhaft die Klappe zu halten. Eine Frau darf nicht sagen, dass es ihr stinkt, wenn eine andere Frau sich für die Unterdrückung von Frauen stark macht (ich nehme an, darum ging es in obigen aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten.)
Nicht dass ich persönliche Angriffe in der Politik befürworte, aber wenn ein Mann vom Leder zieht gegen einen politischen Gegner, dann bescheinigt man ihm “Biss” und Führungsstärke. Wenn eine Frau den Mund aufmacht in solcher Weise, dann wird das (von Männern) sofort mit dem Begriff “Stutenbissigkeit” belegt: irgendwelche eitlen Eifersüchteleien unter Frauen, nicht ernstzunehmen.
Da bleibt noch viel an Emanzipationsarbeit zu leisten, offenbar nicht nur bei Palin-Anhängern und Weltwochelesern…
Mara · 21. September 2008, 18:46 · #
@Diana
Ist es wirklich nur das? Das eine Zitatensammlung der Weltwoche, naja, sehr einseitig ist, ist klar. Aber es ist trotzdem klar, dass ein Mann sich solche verbalen Ausrutscher in der Öffentlichkeit gegenüber einer Frau kaum noch erlauben darf (ausser am Stammtisch unter seinen Kumpeln). Die obigen verbalen Ausrutscher sind doch nur deshalb einigermassen erträglich, weil sie aus der gleichen Gruppe heraus agieren, die der erfolgreichen weissen Mittelklassefrauen mit guter akademischer Ausbildung (ich glaub kaum, dass darunter Farbige zu finden sind).
Aus der eigenen Gruppe heraus kann man und “darf” man anders agieren. Es ist gleichzeitig ein abgrenzen, ich bin nicht so konservativ, und gleichzeitig ein Bekenntnis, ich weiss wovon du sprichst.
Mara · 21. September 2008, 18:49 · #
naja..man sollte zuerst genau recherchieren, und dann seine Thesen aufstellen. Frau Michtell fällt ein klein wenig heraus aus dem Raster, aber ich finde trotzdem, – nur ein klein wenig.
Thinkabout · 21. September 2008, 21:15 · #
@Flashfrog:
Nun, nach Eugen Sorgs Beobachtung kommen die perfidesten Reaktionen auf Palin von Frauen, insbesondere von urbanen Feministinnen. Um diese Beobachtung zu stützen, folgen dann die Zitate.
Egal, ob sie mutwillig zusammen getragen sind oder nicht, ich bleibe dabei: Sie sind peinlich.
Wenn das Gegenargument lautet, dass Frauen unter einander tun dürfen, was für Männer selbstverständlich ist, so halte ich dem entgegen:
a) Die Zeiten, in denen sich Männer solche Worte gegen eine in der Öffentlichkeit stehende Frau hätten leisten können, sind ganz sicher heute nicht gegeben – wenn sie es denn jemals waren. Und
b) wenn Frauen sich hier auf das gleiche Recht zum gleichen Verhalten berufen, das Feministinnen bei Männern als Beweis für deren hodengesteuerte Hirntätigkeit brandmarken, dann erachte ich als Mann die ganze Feminismus- und Gleichstellungsdebatte als kläglich gescheitert. Und es soll mir dann keine( r ) sagen, ich wäre dazu nicht befugt.
@Uertner:
Herzlichen Dank für die Grussbotschaft aus der hiesigen Biederkeit: Die Damen Stämpfli und Roten dürften sich für einmal darin einig sein, jetzt gemeinsam allen Grund zu haben, beleidigt zu sein.
Jasmin Hutter wird derweil weiter keine Zeit haben, auch nur mit einer Baumaschine nach Frauenthemen zu baggern. Das Ausland bedroht alle Schweizerinnen UND Schweizer.
Mara · 21. September 2008, 23:21 · #
@ think
tut mir leid falsch verstanden worden zu sein. Ich halte diese Art von Debatte nicht für gut. Die Wortwahl ist peinlich und fatal, da es um die persönlich Herabsetzung von Frau Palin geht und nicht mehr um das Streiten von Themen oder Erfahrung/Geeignetsein für ein Amt.
Aber, Frau Palin ist nominiert worden, weil sie eine Frau ist und die Hillary-Wählerinnen ins Boot holen soll.
Aber trotz alledem ist es etwas anderes, wenn man aus dem eigenen oder aus dem fremden Lager angeschossen wird – und hier geht es, soviel ich sehe immer um Frauenpolitik oder die öffentliche Rolle einer Frau.
flashfrog · 22. September 2008, 20:33 · #
>> “Nun, nach Eugen Sorgs Beobachtung kommen die perfidesten Reaktionen auf Palin von Frauen, insbesondere von urbanen Feministinnen.”
@Thinkabout: Und das wundert dich? Wenn Obama ein Hohelied auf die Gesellschaftsform der Sklaverei singen würde, kämen die meisten Proteste wohl auch logischerweise von Schwarzen.
zu a) Tatsächlich? Dann empfehle dir einmal nach “I hate Hillary” zu googlen.
Stanley Fish analysiert diese persönlichen Attacken in seinem Blog ziemlich gut:
http://fish.blogs.nytimes.com/2008/02/03/all-you-need-is-hate/?em&ex=1202360400&en=abf4dd091185e95c&ei=5087%0A
(Merci vielmal, Thinkabout, dafür, dass du mich dazu bringst, meine Behauptungen zu belegen, sonst hätte ich nie entdeckt, dass der wunderbare Stanley Fish auch ein Blogger ist!)
zu b) “dann erachte ich als Mann die ganze Feminismus- und Gleichstellungsdebatte als kläglich gescheitert. Und es soll mir dann keine( r ) sagen, ich wäre dazu nicht befugt.”
Doch, sage ich, wenn du aus 4 in der Weltwoche zitierten Sätzen von 3 US-amerikanischen Individuen das Scheitern des gesamten Feminismus herauslesen willst. Persönliche Angriffe unter der Gürtellinie sind aus Frauenmund nicht besser als aus Männermund (da stimme ich Mara nicht ganz zu), aber eben auch nicht schlimmer.
Der Uertner, als Historiker Spezialist für vorgestrige Weltbilder, hat verstanden, worum es hier geht:
1. Frauen sollen gefälligst Solidarität zeigen, wenn eine wie Palin dem Patriarchat und erzkonservativer Politik das Wort redet und ihrer Geschlechtsgenossin Beifall klatschen.
2. Die Frau als sittsame Wächterin der Tugend soll schön nett schreiben über Makeup und Diäten oder so und sich nicht frech in gesellschaftliche Debatten und politische Kämpfe mit harten Bandagen einmischen.
Thinkabout · 22. September 2008, 22:15 · #
Palin redet dem Patriarchat das Wort? Immerhin macht sie Karriere, zieht fünf Kinder auf und hat einen Mann, der sich daran beteiligt und durchaus auch selbst zurück steht. Die Werte, die sie vertreten mag, mögen erzkonservativ sein, aber dafür hat sie es als Frau ganz schön weit in die Frontreihe gebracht.
Und ich glaube, genau das ist für einen grossen Teil der Frauenbewegung das Problem: Palin hat das falsche Gschmäckle. Und das ist ärgerlich.
Wir können uns vielleicht nicht darauf einigen, was Mann oder Frau in dieser Situation öffentlich verträglich sagen dürfen. Aber vielleicht können wir uns darauf einigen, dass Frauen auch dann, wenn sie Frauen kritisieren, daran denken sollten, dass dies auch Wirkung auf Männer hat.
Und Palins Rolle mit der Fiktion eines Obamas zu vergleichen, der der Sklaverei das Wort redete, zeugt für mich sehr deutlich davon, dass frau sich die moderne Frau eben sehr individuell nach dem eigenen Rollenbild vorstellt, und damit verkennt, dass es verschiedenste Lebensmodelle gibt, um sich zu verwirklichen. Und noch schneller sollten wir damit aufhören, beim Zücken der roten Karte zwischen Männlein und Weiblein zu unterscheiden. Das wäre dann wirklich Gleichberechtigung. Und die Beispiele hier gehören nun mal als geschmacklose Beleidigungen abgewatscht. Punkt.
flashfrog · 23. September 2008, 12:35 · #
Da isses wieder: “Für eine Frau” hat sie es doch weit gebracht! – Warum wurde sie denn nominiert? Um die Quotenfrau für McCain zu spielen und dem ollen Kriegshelden und der Partei von Bush und Co. die Stimmen der Clinton-AnhängerInnen zu verschaffen.
Funkioniert aber genau aus den genannten Gründen nicht. Zum Glück.
Es gibt durchaus Beispiele für couragierte konservative Frauen, die auch von emanzipierten Frauen und Männern geschätzt werden, Frau Merkel etwa oder Frau Widmer-Schlumpf.
Um “sich verwirklichen zu können”, wie du es nennst – ich würde den Ausdruck “ein einigermassen selbstbestimmtes Leben führen” vorziehen – braucht es Grundvoraussetzungen, die einem Grossteil der einen Hälfte der Weltbevölkerung immer noch verschlossen bleiben: das Recht auf Bildung, auf körperliche Unversehrtheit, auf ökonomische Unabhängigkeit von Vater und Ehemann, auf eine selbstbestimmte Sexualität und die Möglichkeit, diese Rechte vor Gericht einklagen zu können. Das ist keine Lifestyle-Frage, sondern eine Frage, die die grundlegenden Menschenrechte und die Menschenwürde betrifft. Das ist die Triebfeder des Feminismus. Man sollte ihn nicht leichtfertig abkanzeln.
Bei dem letzten Teil deines #10 stimme ich dir zu: Die Gleichberechtigung ist erst dann in den Köpfen wirklich angekommen, wenn wir Politiker und Journalisten nicht mehr zuerst nach ihrem Geschlecht beurteilen sondern nach ihrer Leistung.
(Ich hatte schon fast angefangen, diese Diskusisonen zu vermissen… ;-))