Durchatmen beim Schreiben, nicht erst danach
Wie flüchtig ist ein geschriebener Text in einer Zeitung, wie ungreifbar ätherisch der einzelne Beitrag im Internet? Noch herrscht unter Journalisten offenbar die Meinung vor, der Internet-Artikel wäre gegenüber dem auf Papier sprichwörtlich greifbaren Text weniger verbindlich, und es scheint auch so, dass viele Texte fürs Netz entsprechend unbeseelt geschrieben werden.
Dabei geht ein Text fürs Printmedium sehr viel eher wirklich verloren als ein online gestellter Artikel. Es scheint doch umgekehrt zu sein: Viele Blogger haben es schon erlebt, dass sie nach Jahren plötzlich auf einen Artikel angesprochen wurden, den sie längst vergessen glaubten.
Schreiben ins Netz bietet die Chance, eine neue Nachhaltigkeit zu suchen. So lange ein Text online steht, kann er Wirkung entfalten, entdeckt werden, jemanden zum Nachdenken anregen. Und dank der einfachen Interaktionsangebote habe ich die viel grössere Chance, davon auch zu erfahren.
Es lohnt sich also, sich dem Netz mit einer positiven Einstellung zu nähern. Auch und gerade als Printjournalist. Und wir Blogger lernen ja auch jeden Tag dazu. Und versuchen, der grössten Versuchung nicht allzu sehr und allzu oft zu erliegen: Dass dieses schnelle Medium Internet uns dazu verführt, nicht schluderig zu werden:
Nehmen wir uns Zeit zum Nachdenken. Gerade, wenn wir Nischenblogs pflegen. Wir können es uns leisten, einen Tag länger zu warten, die Gedanken nochmals über den Text schweifen zu lassen, ihn umzuschreiben – hoppla, da ist ja die Adaption zum Print-Erzeugnis: Wann eigentlich habe ich zum letzten Mal einen Text vor der Veröffentlichung ausgedruckt und auf Papier in Händen gehalten und durchgelesen?
Es ist viel zu lange her…
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Caro · 18. November 2008, 21:41 · #
Ich glaube, es liegt auch am Leser: eine gedruckte Zeitung, von der man weiss, dass sie drei Tage später als Auslegpapier für den Mülleiner oder Einwickelpapier für den Tulpenstrauss dient, inspiriert einen eher dazu, sofort zu reagieren.
Und es ist auch diese Flüchtigkeit der Tageszeitung, diese Unmittelbarkeit, die mich also Journalistin ganz anders schreiben lässt. Ähnlich einem Seminar, das ich halten muss: da sind alle Augen und Ohren auf mich gerichtet, der Informationsfluss ist entsprechend komprimiert und zielorientiert. Einen Internetartikel würde ich eher mit einer entspannten Runde unter Freunden vergleichen: man trifft sich, unterhält sich, äussert eine Meinung, der eine stösst dazu, der andere muss schon heim – jeder nimmt Teil, wann und wie er kann. Dennoch ist Raum da, Meinungen gezielt zu äussern.
Und die Tagespresse setzt die Schreibenden natürlich auch unter einen gewissen Schreibdruck: Deadline! Inseriert – also bitte wohlwollend schreiben. Ein Internetportal, ein Blog hat diesen Druck nicht – die psychologischen Vorgaben hier bestimmen meiner Meinung nach nicht unwesentlich die Dynamik im Schreiben – aber auch im Lesen und Umgehen mit diesen verschiedenen Medien.
zechbauer · 20. November 2008, 14:07 · #
Ein kluger Vergleich – und aus meiner, aus Blogger-Sicht, gewiss auch Mahnung, es nicht immer allzu flüchtig angehen zu lassen. Wobei ja auch der Reiz solcher Flüchtigkeit darin besteht, durch Spontaneität eher emotional als analytisch zu sein.
Menachem · 20. November 2008, 18:56 · #
Vielleicht liegt es auch immer am Thema. Ich lese gerne durchdachte und sprachlich wohlformulierte Beiträge. Das hat was. Ich lese aber auch gerne holprige, in denen die Worte garnicht sol schnell in den Beitrag kommen, wie die Emotionen sprudeln. Auch das hat was. Das zusammen ist der Luxus, den sich Blogger leisten können. Dadrauf trink ich einen.
Titus · 20. November 2008, 22:22 · #
Zum Thema (klassische) Medien und Zeit: Es ist schon auffällig, wie sehr sich die Medien oder Formate in diesen Medien bezüglich Namen entweder am Verbreitungsgebiet oder eben an der Zeit orientieren. Da gibt’s den TAGES-Anzeiger, den Blick am ABEND, 20 MINUTEN, Le MATIN, 24 HEURES, WeltWOCHE, TAGESschau, 10vor10 usw.
Kann es da überraschen, dass diese heute noch so zeit-orientiert sind und sich keine Zeit mehr fürs Nachdenken nehmen (können)?
Marianne · 21. November 2008, 16:36 · #
Und noch etwas zm Thema “Zeitungen”. Die BaZ wurde dieser Tage zur schönsten Regionalzeitung Europas gekürt. Toll, fand ich und schrieb einen Mini-Leserbrief, in dem ich “meiner “Zeitung zur Auszeichnung gratulierte. Nun der Clou: ich war die Einzige.Was stimmt mit uns Schweizern nicht, dass wir so Mühe damit haben, einen Menschen, eine Zeitung, eine Firma die Aussergewöhnliches geleistet hat, zu loben. Ist es Neid oder Sturheit? Gut ist das sicher nicht.