Eine Art Seeleninferno, nicht nur in Dublin
Eine Hundertschaft katholischer Priester in einer einzigen Stadt wird des Kindsmissbrauchs verdächtigt. In Dublin macht der Staat strafrechtlich gegen die Kirche mobil, und das unglaubliche Ausmass führt vor allem eines vor Augen:
Eine Gemeinschaft mag, egal welchen Couleurs, noch so sehr auf Zusammenhalt fokussiert sein und Verfehlungen einzelner Mitglieder nach aussen zu kaschieren versuchen – es hat stets zur Folge, dass diese Kräfte nie stark genug sind, wenigstens nach innen gerichtete Säuberungen aus eigenem Antrieb zu erwirken.
Und so machen sich die obersten Kleriker selbst zu Tätern, indem sie, wenn überhaupt, Verdächtigte oder erwiesene Fehlbare einfach versetzen und Erziehern gleichen, die nicht weiter in eine Schulstube gucken mögen, Hauptsache, der Lärm ist moderat. Wie muss sich die geistliche und die katholische Gesellschaft der Gläubigen verkrustet haben, dass eine solche Entwicklung wie in Dublin überhaupt möglich wurde?
Wie kann es sein, dass sich die Führungsspitze der irischen katholischen Kirche veranlasst sieht, vor mehr als zwanzig Jahren eine Versicherungspolice gegen Schadenersatzforderungen wegen sexuellen Missbrauchs durch geistliche Straftäter zu kaufen? Und was bedeutet es, dass es trotz ganz offensichtlichem Bewusstsein für das Problem bis weit in die Neunziger Jahre zu keinen Anzeigen von Geistlichen bei der Obrigkeit gekommen ist? Das Problem wird eben nur in seiner Wirkung nach aussen wahrgenommen.
Das Dunkel in Kirchen und stillen, verschwiegenen Pfarrers-Stuben in grauen oder scheinbar hellen Strassen – wie viel Leid hat es verursacht, schafft es weltweit in jeder Stunde, und wie viel durch Autoritäten missbrauchtes Vertrauen pflanzt sich in Opfern, die zu Tätern werden, fort? Wer Gewalt gegen sich erlebt, ist geneigt, die gelernten Mechanismen seinerseits anzuwenden. Wir können nur weitergeben, was wir gelernt haben, und es bedeutet einen riesigen Effort, sich aus diesen Zwängen zu befreien. Obwohl: Vollständig gelingt so was wohl nie.
Das grösste Verbrechen liegt genau in der Brechung des inneren Urvertrauens junger oder gar ganz junger Menschen.
Auch für die christlichen Gemeinschaften gilt: Sie gehören in einen weltlichen Staat integriert, in dem dieser Staat nach wirklich objektiven, nichtreligiösen, aber den Menschen- und Freiheitsrechten verpflichteten Kriterien die Regeln setzt – und Sanktionen anwendet, wenn diese Regeln verletzt werden.
Und wir alle sollten gleichzeitig in unserem Alltag weniger nach dem Staat oder nach der Polizei rufen, und uns bewusst sein, dass wir am Ende selbst dieser Staat und diese Polizei sind: Wir leben in einer jener Demokratien, in welchen selbstverantwortliches Handeln auch politische Konsequenzen zeitigen kann. Unsere Umgebung und unser inneres Bild von uns selbst beeinflusst es in jedem Fall.
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Links zum Thema:
Spiegel online: Kirche gesteht massenhaften Kindesmissbrauch
DRS 1: Irische Bischöfe vertuschten Missbrauch
NZZ Online: Irland erschrickt über sich selbst
update vom 17.12.09
Kindsmissbrauch in der Kirche: Irischer Bischof geht
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Marianne · 27. November 2009, 19:50 · #
Der Papst fordert weltweit: gehet hin und vermehret euch. Nur bei seinen Priestern hält er stur an den absurden Gelübten des Zölibats und der Keuschheit fest. Und dies trotz unglaublich vielen Sexualdelikten innerhalb seiner Kirche. Wie viel braucht es noch, bis auch in Rom klar wird, dass es da Zusammenhänge gibt?
Thinkabout @ Caro, Marianne · 28. November 2009, 11:18 · #
Die einen verletzen wirkliche Tabus, weil alles tabuisiert bleibt, die anderen, weil es scheinbar keine mehr gibt. Entsexualisierung wie Übersexualisierung tragen zum gleichen Verhängnis bei…
Marianne · 28. November 2009, 11:25 · #
@Caro: Das ist ja sonnenklar. Nur, von einem Priester, der willentlich solche Gelübte auf sich nimmt, darf man erwarten, dass er sie einhält – oder sich von seinem Beruf trennt.
LD · 28. November 2009, 13:48 · #
Es ist immer abscheulich, wenn Kinder sexuell missbraucht werden. Wenn dies dann auch noch durch “Würdenträger” einer Kirche geschieht, kann ich nachvollziehen, dass dies Anlass zu Zweifel und Kritik an der Institution Kirche gibt. Auch eine Kirche besteht jedoch nur aus Sündern, was auch den Klerus miteinschliesst. An einen Priester werden aber höhere Anforderungen hinsichtlich Moral und Verantwortung gestellt und das ist auch richtig so. Wer diesen nicht genügen kann, muss sich (vorher) überlegen, ob er Priester werden möchte. Es ist nicht bloss ein Job, sondern eine Berufung.
Es wäre falsch das Zölibat nur auf die Sexualität zu reduzieren, denn das zeigte nur, dass jemand keine Ahnung davon hat. Sinn und Zweck des Zölibats ist die volle Hingabe zur Berufung, die christliche Lehre von Gottes Liebe und Barmherzigkeit zu verkünden. Dies ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Aufgabe, denn es erfordert die Selbstaufgabe, was auch die eigenen sexuellen Bedürfnisse miteinschliesst. Die sexuelle Enthaltsamkeit ist nicht Zweck sondern die Konsequenz des Zölibats. In unserer übersexualisierten Gesellschaft ist es allerdings auch für einen Priester besonders schwer, den sexuellen Versuchungen zu widerstehen.
Die Frage, ob das Zölibat noch zeitgemäss ist, ist die falsche Frage, die zu falschen Schlussfolgerungen führt. Religion darf sich nicht nach dem Zeitgeist richten, denn sie soll ja gerade auch als moralische Richtlinie dienen. Religion per Definition ist zeitlos und damit auch das Zölibat. Die Frage müsste vielmehr lauten, ob es nicht auch einen geistlichen Stand ohne Zölibat geben könnte. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es zwei geistliche Stände im Klerus geben könnte – einen mit und einen ohne Zölibat. Entsprechend könnten die Aufgaben und Schwerpunkte etwas unterschiedlich definiert werden.
Die Ursache des Kindmissbrauchs ist nicht das Zölibat. Schuld daran ist die Übersexualisierung unserer Gesellschaft und die Tabuisierung des Problems. Die Abschaffung des Zölibats würde daran nichts ändern. Wer Kinder sexuell missbraucht, handelt unchristlich und “gehört öffentlich am Sacke aufgehängt, bis dass der Tod eintritt” (wie das einst ein Kollege etwas unchristlich formulierte).