Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Eine Frau Carla Armin in Not

∞  23 Mai 2010, 14:17





Bevor ich die letzte Woche verreiste, erreichte mich noch eine Anfrage, an einem Projekt zur Lancierung eines Buches mitzumachen. Da mir die Autorin bekannt ist und ich sie sehr schätze, habe ich zugesagt, obwohl mir die dazu schon gelieferten Erklärungen mehr als nebulös blieben – und ich schlicht keine Zeit mehr hatte, den Links, die mir dazu angegeben wurden, zu folgen.

Jetzt bin ich wieder Zuhause, und tatsächlich: Ich habe Post bekommen. Der 50. von 66 Briefen, welche die Geschichte einer Frau erzählen, lag in meinem Briefkasten, ein Dokument dieser Carla Arnim in Form eines Briefes an einen Hubert Neusius, der scheinbar ganz besondere Kommunikationsquellen anzapfen kann.

Carla scheint ziemlich verzweifelt zu sein, und so habe ich mich bereits ein wenig auf Nachforschung begeben und herausgefunden, dass – entgegen dem, was man vermuten möchte, wenn man ihren Kontakt zum Herrn Neusius bewertet – eigentlich eine sehr rationale Person ist, die auf der Sonnenseite des Lebens stand – bis zu jenem Tag in nun schon weiter Ferne der Vergangenheit, als sie ihr Kind verlor – ohne dass ihr jemand glauben würde…

Carla ist überzeugt, dass bei einem Spitalaufenthalt, der für sie nötig wurde, ihr Kind aus dem Übernachtungszimmer entführt wurde und stattdessen ein Kuckuckskind auf sie wartete, ein ganz armes Geschöpf, das kurz darauf an einer unheilbaren Krankheit starb. Das vermeintlich eigene Kind tot, von aller Welt betrauert, während die Mutter als einzige glaubt, dass ihr übel mitgespielt wird? Da kann die vernünftigste Person doch genau so verrückt werden, wie alle Welt schon längst meint, dass sie geworden sei: Verwirrt, von Trauer zerfressen, einer fixen Idee anhaftend…

Es gibt noch viel zu entdecken auf 66letters.net, und wenn Sie mögen, dürfen Sie herzlich gern mitraten und nachforsten. Auch Foren gibt es schon, in denen man sich austauschen kann.

Das ganze ist ein, wie ich finde, spannender Versuch, ein neues Buch übers Internet zu promoten und dabei die potentiellen Leser so einzubinden, dass sie sich selbst sehr aktiv mit der Geschichte beschäftigen, während sich diese erst ganz langsam und ein Stück weit zufällig nur Teil für Teil erschliesst. Und erstaunlich, wie zuverlässig offensichtlich die Briefe behandelt und hochgeladen werden. Denn dies ist ja ein Stück weit der Knackpunkt, auch wenn sicher für alle Teile Kopien in Reserve gehalten werden. Gemacht ist das Ganze sehr sorgfältig und mit sehr viel Liebe. Samt Poststempel, abgegriffen wirkendem Papier und weiteren sehr realen Details: So verwischen für die aktiven Mitspieler reale Post-Information und virtuelle Community zu einem Ganzen.

Wirklich ein interessanter Ansatz, die Neugier auf mehr zu wecken.




Kommentare

  1. Claudia · 23. Mai 2010, 23:35 · #

    Gerade das, was du hier spannend findest, empfinde ich als ausgesprochen unangenehm: wenn ich nicht mehr erkennen kann, was Fakt und was Fiction ist – wenn Literatur mutwillig (zwecks Marketing/Promotion) die Grenzen verwischt, was mittels des Internets ja recht einfach geworden ist. Denn da ist es für viele sowieso schon auf ganz neuen Art schwer, sich ein Bild von der Realität zu machen – kann man also locker nutzen…

    Was die Fiction angeht: Als Leser möchte ich mich in einen fremden “Film” mitnehmen lassen, den der Autor als Regisseur für mich dreht. Und nicht noch selber dabei mithelfen müssen. :-)

  2. Zappadong · 25. Mai 2010, 10:59 · #

    Ich finde dieses Rätsel total spannend. Leider habe ich keine Zeit zum Mitraten, habe aber bei dieser Aktion sehr gerne mitgemacht.

    Ich habe bewusst in meinen ersten beiden Blogeinträgen kein Wort darüber verloren, dass es sich um PR handelt – dafür einen Link gesetzt, der das klarmacht, und den Hinweis auf 66 Letters NET gegeben.

    Warum? Im Gegensatz zu tonnenweiser absolut dilettantisch gemachter Werbung und PR finde ich diese Aktion vom Feinsten. Sie hebt sich wohltuend ab vom Einheitsbrei all dessen, was uns um die Ohren gehauen und vor die Augen geknallt wird.

    66 Briefe über einen langen Zeitraum. Zeit, um auf die Spurensuche einer Person zu gehen, die immer interessanter wird. Miträtseln. Mitfiebern. Einer Sache auf den Grund gehen. Statt sich berieseln lassen. Das ist genauso spannend – wenn nicht spannender – als das Buch, für das geworben wird, zu lesen.

    Als Autorin bin ich schon fast neidisch auf eine solche PR-Aktion!


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