Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Eltern und Lehrer (und Kinder)

∞  3 Februar 2008, 15:44

Das Kind prügelt sich auf dem Heimweg von der Schule und kommt mit einer Schramme nach Hause. Früher haben die Eltern dies nicht nur bemerkt, sondern das Kind darauf angesprochen und die Situation mit ihm besprochen, allenfalls den Kontakt zur anderen Familie gesucht.
Heute muss das nicht so sein. Erst einmal muss es bemerkt werden- und dann macht Mama oder Papa erst einmal den Lehrer verantwortlich…

Das ist jetzt sicher etwas pointiert formuliert, aber ich kenne mich teilweise wirklich nicht mehr aus, wenn ich Kollegen und Freunde von den Elternabenden erzählen höre. Lehrer werden da in Rollen gedrängt, die sie gar nicht ausfüllen können, weil Eltern schlicht ihre eigene Überforderung abschieben wollen. Lehrer sollten wieder vermehrt danach gemessen werden, wie sie ausbilden und lehren – und nicht erziehen.

Dummerweise sind nicht nur die Eltern heute mit den Ansprüchen, auch den eigenen (und sei es „nur“ bezüglich deren Leben neben den Kindern ), überfordert. Auch die Lehrer haben in ihrem Profil nicht unbedingt das gleiche Niveau an Vorbildsfunktion zu bieten, wie es früher anzutreffen war:

Menschen in allen Funktionen zahlen den Tribut der Individualisierung und hetzen der Befriedigung von Bedürfnissen nach, die bis anhin ganz selbstverständlich zurück zu stellen waren, wenn der Lebensentwurf eine Konzentration der Kräfte verlangte.
Und das treibt die wunderlichsten Blüten: Die Eltern fahren ihre Kinder zur Schule, weil es diesen nicht zuzumuten sei, durch die morgendliche Kälte und den Verkehr zu tapsen – und rufen gleichzeitig nach dem Mittagstisch, weil nur dieser die Berufsausübung erlaubt.
Das verstehe ich, und ich bin grundsätzlich für Hilfestellungen in diesem Bereich (wobei ich auch an die Mütter denke, die ökonomisch gar keine Wahl haben und die nicht in erster Linie Thema dieses Artikels sind). Aber was ich nicht verstehen kann, ist die unterschiedliche Wahrnehmung den Kindern gegenüber:
Ich habe ein Problem damit, das Kind allein aus dem Haus zu lassen am Morgen – aber keines, es durch „fremde“ Personen über Mittag bzw. über lange Zeiten neben der Schule betreut zu wissen??

Es ist, als würde auch hier einfach auf den veränderten gesellschaftlichen Druck reagiert: Hätte das Kind auf dem Schulweg einen Unfall, so wären die Eltern direkt angreifbar, weil sie diese Situation überhaupt zuliessen. Entfremdet sich das Kind in der Fremdbetreuung, so ist das aber mittlerweile etwas anderes – während früher genau dies zu einem Rabenmutter-Image geführt hätte.
Eine verwirrte Welt, irgendwie, in der unsere Kinder aufwachsen.

PS:
Eben lese ich in der Zeitung vom Grundimpuls von uns Menschen, uns nach dem Verhalten der Mehrheit zu richten. Beispiel:
Nichts motiviert mehr zu einem ökologischeren Verhalten als der Hinweis, dass die Mehrheit der Nachbarn sich genau so verhielten. Dies ist sehr viel wirksamer als die rein sachliche Argumentation für mehr Oekologie oder Einsparungspotentiale in der eigenen Geldbörse.
Auf das eigentliche Thema des Beitrags bezogen bedeutet das: Wir bestimmen mit unserem Bild von Familie deren sozialpolitische Entwicklung mit – bzw. lassen uns vom Druck der Mehrheit beeinflussen.



vielleicht ein Buch zum Thema, aus dem grössten Respekt heraus für die schwierige Aufgabe der Kindererziehung…



Kindgemässe Entspannung (Lutz Pinay)
via Wege zur Ruhe


  1. Marcel · 3. Februar 2008, 18:09 · #

    Du “sprichst” mir aus dem Herzen, lieber Thinkabout! Als Vater einer 10-Jährigen und (Götter-)Gatte einer Schulsekretärin habe ich einen guten Einblick in diese Schauergeschichte.

    Unglaublich, mit welcher Dreistigkeit und Uneinsichtigkeit Eltern Dinge von Lehrern (ich hasse das Wort ‘Lehrpersonen’!) fordern, die nun wirklich in die eigene Aufgabenliste gehörten – sogar zu oberst!

    Ich würde laut aufschreien und all meine politische Kraft einsetzen, wenn das System die Verantwortung für die Erziehung meiner Tochter wegnehmen und den Lehrern zuhalten wollte!

  2. Thinkabout · 3. Februar 2008, 20:48 · #

    lieber Marcel – Deine kraftvollen Worte tun irgendwie gut! Wir müssen uns wohl alle bemühen, wieder ein Mass zu finden zwischen Ansprüchen und Rechten – unter einander, aber auch zu dem, was wir als gemeinsames Konstrukt “den Staat” nennen, das “System”, die “Gesellschaft”. Sie alle gehen uns etwas an. Sie sind so gut oder so schlecht, wie unser Interesse für das Verbindende, Gemeinsame oder Trennende.

  3. SeelenLeerer · 4. Februar 2008, 04:04 · #

    Müssen wir am Ende noch der SVP dafür dankbar sein,
    dass sie die Frau gerne an den Herd zurück hätten?

    Eigentlich stehen unserer Gesellschaft einige Grundsatzdiskussionen bevor,
    doch Wer soll die Themen festlegen,
    Wer soll Wortführer sein
    und Wer sorgt dafür, dass es nicht Polemisch wird?

    Falls wir dies unterlassen (und danach sieht es zur Zeit aus) wird die “Mehrheit” wohl eher durch den kleinsten gemeinsamen Nenner und durch Ängste definiert werden.
    So lange der Kapitalismus jedoch als einzig herschende Kraft zur Auswahl steht,
    wird sich der Einzelne vorallem durch Ansprüche hervor tun.
    The winner takes it all, sangen schon ABBA und so lange jeder denkt,
    mit etwas Glück, könnte er selber es sein,
    lässt er es mit sich machen,
    dieses Separieren.

    Die Mehrheit ist quasi dadurch schon festgelegt, dass sich jeder nur um seinen Teil des Kuchens fürchtet.


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