Futterneid, einmal ganz anders
Es ist offensichtlich: Ich werde alt. Ich brauche mittlerweile nur noch für eine halbe Stunde aus dem Haus zu gehen, und ich kann mich dabei durchwegs auf vertrauten Pfaden bewegen – dennoch kann ich fast ganz sicher sein, dass ich mich wundern werde. Und zwar so was von. So wie heute:
Ich stehe also in meinem kleinen, geliebten Migros. Der Einkaufswagen steht geduldig neben mir, die Wocheneinkäufe sind eingeladen, das Schwätzchen samt Witzchen mit dem Filialleiter ist geführt und die Dame, die auch heute die Yoghurts nachfüllt, ist so nett wie eh und je. Aber dann steht es da, der Extra-Waren-Display, der ganz offensichtlich auf eine Neuheit aufmerksam machen soll.
Ich ärgere mich schon aus der Distanz: Wieder so ein aufwendig verpacktes Instant-Menu, genannt Convenience Food, diese Evolution der Instant-Suppe, die heute den Yuppies die Rechtfertigung für die Designer-Küche liefern muss, weil man dafür wenigstens die Mikrowelle öffnen muss.
Und dann bin ich so nah dran, dass ich es lesen kann (und das muss heute näher sein als auch schon):
Hochglanzfarben, warm verlaufend, brillianter Druck, verführerischer Text:
Saftige Filetstreifen – mit Huhn – mit Truthahn
Zarte Stückchen – mit Rind – mit Kaninchen
Ja, genau. Es ist Katzenfutter. In diesem Fall der Marke Sheba. Aber das spielt keine Rolle. Das Muster ist immer das gleiche.
Gepflegter Tellerservice für das Kuschelmonster ist das mindeste in der Werbung. Keine Firma macht den Fehler, dem Wohlfühlsamtpfotenmiauz-Status des Katerichs in den Gefühlswogen ihres Frauchens (oder Herrchens?) nicht die absolut unbestreitbar hochehrbarste Referenz zu erweisen. Das hat längst bizarrste Formen angenommen.
Im Fall von Sheba können Sie sich Hintergrundbilder für den Desktop und das Handy herunter laden. Sie brauchen in keiner Lebenslage auf die soziale Kompetenz ihres Tierfutterproduzenten zu verzichten, wenn es darum geht, Ihrem liebsten Vierbeiner die gebotene Referenz zu erweisen und ihre Liebe zum Tierchen zum eigenen Pläsierchen machen zu können.
Wenn ich meinem indischen Freund, der im übrigen meinen ganzen Haushalt gleich mehrmals selbst finanzieren könnte, einen Werbespot bei uns zeigen müsste, so würde er uns als endgültig verrückt geworden betrachten. Und dabei hat er absolut Recht.
Bald ist Weihnachten. Das dürfte dann wieder in etwa so aussehen, wie bei www.epamedia.at:

Einen schönen Abend noch. Ich reagiere mich heute noch etwas beim Tennis ab. Dabei werde ich acht geben, dass ich nicht die streunende Katze des Bauern überfahre, die bei der Mäusejagd schon mal vergisst, dass da eine Landstrasse droht. Ich kann, wenn sie mögen, stattdessen ganz genau hinschauen. Aber ich bin ganz sicher und vesichere es Ihnen hiermit schon im voraus: Sie trägt keinen Latz und denkt gar nicht daran, vor dem Morgengrauen zurück ins Heim zu kriechen. Obwohl dort wohl kein Whiskas oder Sheba oder Katta oder wie auch immer droht. Oder winkt. Ach zum Teufel, wer wollte es den Katzen übel nehmen, dass sie zu Diven werden? Wenn der Frass nur halb so gut schmeckt, wie er aussieht, haben sie ein Herrschaftsleben. So lange nicht ein brasilianisches Strassenkind vorbei kommt und zum Nahrungskonkurrenten wird…
Und darum ist das hier auch nicht in allererster Linie eine Kritik an den Anbietern, sondern an uns Konsumenten.
°
update vom 3.10.08, 20h15
Marianne hat mich auf den folgenden Artikel hingewiesen, der eine weitere Facette des Themas beleuchtet:
Kekse für vierbeinige Feinschmecker in der baz online.
Gesellschaft
und
Vom Bild zum Wort
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SeelenLeerer · 2. Oktober 2008, 13:43 · #
Zudem ist diese Form von Futter noch höchst ungesund für die Tiere.
Aber die Verpackung wirds schon richten.
Chat Atkins · 2. Oktober 2008, 15:42 · #
Pfui, pfui, pfui – du Katzenhasser! Außerdem ernährt sich doch gerade die Bauernkatze noch halbwegs artgerecht …
;-)
Thinkabout · 2. Oktober 2008, 16:09 · #
@Seelenleerer: Nur ungesund für Tiere? Siehe Convenience Food für Menschen, oder das, was wir davon noch sind…
@Chat Atkins
Ja! Und die Bauernkatze zu jagen macht auch viel mehr Spass.
Jetzt muss ich dann aufpassen, dass man in mir nicht wirklich einen Katzenhasser sieht, vor allem, wenn man
diese Geschichte noch lesen sollte…
Darum betone ich hier ausdrücklich wenn auch wohl erfolglos: Mein Artikelchen beweist mein Engagement PRO Katze. Die wollte dieses “Bibäbeli-Zeugs” nämlich gar nicht, wüsste sie noch, wie schön anders sein kann.
Sina · 2. Oktober 2008, 18:49 · #
Was können die Tiere
für …
Meine Katze, fast wurde sie 20 Jahre alt,
ließ ich in diese oder jene Töpfchen dippen
bzw. sie entschied!, in welches sie ihr Pfötchen
tunkte. Dann führte sie es mit Bedacht an
ihr Schnäuzchen. Ihr Wohl- oder Missgefallen
zeichnete sich an der Mimik bzw. an der Stellung
ihrer Öhrchen ab.. leises Schnurren zeugte
von Wohlbehagen beim Kosten des Dipps.
Bei Nichtgefallen schüttelte sie wie verrückt
die Pfote, dass es nur so spritzte. Und wehe
ein Teilchen bekleckterte ihr Fell. Uuuih..!
Wie auch immer die Katzen entscheiden,
Verpackung ist Nebensache, wenn nicht sogar
gänzlich uninteressant.
Ihr Näschen liebte
Billig- und Hausmannskost auch sogenannte Luxusteile… Aufschnitt vom Feinsten.
Sie hatte mich im Griff!
So sollte es sein. – Ein schlaues Kätzchen, halt! :O)
Die Menschen und das liebe Geld..
Ein Thema ohne Ende.
(Ach, im IKEA leuchteten bereits Weihnachtsbäumchen
und Strickstiefelchen hingen wie selbstverständlich an allem Möglichen.. ich vermisste White Christmas.. das hätte die Sache abgerundet..
aber das ist ein andere Thema)
Das liebe Geld.
liebe Grüße
Sina
SeelenLeerer · 3. Oktober 2008, 10:42 · #
Liebe Sina
Das Näschen Deiner Katze läst sich mit Lockstoffen gar listig hinters Wohlriechen führen.
Mein Grossvater wurde trotz intensivem Rauchen auch 94,
ob dies wohl die Gesundheit dessen beweist?
Lieber Thinkabout
Ja, auch unsere Nahrung wird mittlerweile korumpiert,
doch wir können immerhin am Regal wählen,
was der Katze leider verwehrt bleibt.
Ernst Moll · 4. Oktober 2008, 14:12 · #
danke, du hast mir aus dem herzen gesprochen!
im übrigen hasse ich katzen.