Ich habe keine Zeit
Dieses Satz ist so trostlos.
Und doch haben wir ihn ständig auf der Zunge.
Wir sprechen ihn vor, wenn unangenehme Fragen drohen.
Im Moment bedauern wir es bestimmt, wenn wir keine Zeit haben.
Das, was jetzt alternativ sehr viel schöner wäre, lockt natürlich.
Nur ist unser Bedauern meist reaktiv, genau so fremdbestimmt wie der Ursprung der fehlenden Zeit, der Grund all unserer wichtigen Tätigkeiten und Pendenzen, die uns keine Zeit haben lassen:
Wir richten uns nicht bewusst dafür ein, mehr Zeit haben zu wollen. Der Wunsch steht immer zurück für einen Zeitpunkt “danach”.
Da wir ständig etwas erleben wollen, rennen wir mit im Wettlauf des Vergnügens, der Zerstreuung und Unterhaltung, haben wir dafür eben Zeit und für viel anderes nicht.
Würden wir denn mit mehr Zeit etwas anzufangen wissen?
Wenn sie einfach so da wäre, ohne ein Angebot im Schlepptau, sie gleich wieder totzuschlagen? Ist sie uns dann nicht sogleich fast eine Drohung? Nicht gefüllte Zeit scheint vielen eine Art Drohung der Leere zu sein.
Ich habe keine Zeit. Das ist ein Satz aus unserer Zivilisation. Kein Eingeborener eines Regenwalddorfes käme auf die Idee, so was zu sagen.
Wo die Menschen mit einem Bezug zur Natur leben, gibt es diesen Satz nicht.
Die Natur ist die Herrin der Zeit, sie gibt den Lebensrhythmus vor.
Ruhe und gebotene Eile stehen viel natürlicher in einem tatsächlichen Bezug zur Realität.
Ein aufkommender Sturm zwingt den Bauern, das Heu schnell einzubringen.
DA ist wirklich keine Zeit zu verlieren.
Wenn er dann im Trockenen sitzt und der Sturm ums Haus tobt, wird dem Bedürfnis nach Ruhe Recht gegeben. Die Gelassenheit ist auch eine Form von Demut: Es ist jetzt nichts zu tun. Ruhe ist eine Art Sammlung.
Wir machen uns so viel Stress selbst.
Und wie oft meine ich etwas anderes, wenn ich sage, ich habe Stress?
Sage ich mit diesem Satz im Grunde nicht zu mir selbst: Ich fange mit meiner Zeit nicht das Richtige an?
Wer Zeit hat, ist wirklich reich.
Lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen, ich habe Zeit. Sie auch.
Vielleicht beginnt die kleine Freiheit mit der leisen Subversion, sich diese Zeit einfach zu nehmen und dafür die eigenen Prioritäten zu verschieben. Erst fällt das schwer, ist das ein Kopfgedanke. Dann wird es vielleicht und hoffentlich zu einer Bauchentscheidung, und wenn möglich später zu einem Teil unseres Instinktes. Wäre doch irgendwie schön, nicht wahr? So natürlich…
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vom Okt 04
Fundstück:

Immerhin verspricht die Werbung uns Zeit… Willkommen bei Pudol

Zechbauer · 4. April 2007, 19:23 · #
Ja, das wäre schön. Aber in dieser Welt sicher nicht immer ganz so leicht umzusetzen.
Thinkabout · 4. April 2007, 23:48 · #
Lieber Herr Zechbauer,
Vielleicht wird es leichter, wenn wir uns die Behauptung gefallen lassen, dass – wenn der Leidensdruck nur gross genug wäre – wir sehr viel kreativer wären, um Zeit zu gewinnen? Wir haben schlicht eine falsche Vorstellung davon, wie die Zeit zu nützen wäre. Wir setzen nutzen mit “füllen” gleich. Und haben dann immer zuwenig davon.
Tina · 5. April 2007, 06:25 · #
Dieser Eintrag resultiert jetzt aber auch ein bißchen aus Deiner eigenen Lebensumstellung…
Gab es da nicht Ende des Jahres 2006 auch noch Tage, an denen Du selbst “keine Zeit” hattest?
Ich werte das jetzt mal so, daß es Dir gelungen ist, aus der eigenen Not eine Tugend zu machen…und die eigenen Gedanken dazu umzusetzen.
Ich bin – genau wie
@Herr Zechbauer auch noch auf dem Weg dahin :-)
P.S: Wenn Du meinen Chef schon mal flott davon überzeugen könnstest, daß es natürlicher ist, mit Dir ein Käffchen zu trinken, statt seine eiligen Rechnungen zu verschicken, kommen wir schneller Deinen Gedanken ein Stückchen näher….“smile…und den Idealisten in Dir mal lieb umarme…”
Richard · 5. April 2007, 14:17 · #
Dieses Thema beschäftigt mich auch schon lange.
An der Uni Klagenfurt gibt es einen Zeitverzögerungsverein. www.zeitverein.com
Ist ganz lustig wie hier die tatsächliche oder subjektiv empfundene Beschleunigung der Zeit wissenschaftlich angegangen wird. So nach dem Motto: Du kannst noch so oft an der Olive zupfen, sie wird nicht eher reif.
Danke für diesen Beitrag
Richard
Thinkabout · 5. April 2007, 19:26 · #
Lieber Richard,
Besuche und Kommentare wie der Deine sind die Würze am Bloggen – plötzlich kriegt man einen ausserordentlichen Lohn: Das Bild von der Olive ist fantastisch.
Liebe Tina
Du hast Recht: Auch ich bin nicht souverän mit meiner Zeit. Was Du ansprichst, habe ich allerdings tatsächlich als Qual empfunden und auch entsprechend ändern wollen. Das ist das, was ich mit dem Leidensdruck meine, der irgendwann während dem Klagen endlich gross genug wird…
Zechbauer · 6. April 2007, 09:21 · #
Das ist ein höchst interessantes Thema und in seinen Konsequenzen ein Thema, das weitgreifende Auswirkungen auf viele Probleme unserer Gesellschaft hat. Ich gehe sogar soweit und behaupte: Hier liegt die Wurzel allen Strebens und die Wurzel menschlicher Schwächen. Ich habe hier – wieder einmal – einige sehr interessante Ansätze (im Text, sowohl in den Kommentaren) lesen dürfen, und vielleicht ist es gar nicht das subjektive Zeitempfinden, welches uns so zu schaffen macht. Vielleicht ist es die subjektive Stresserzeugung. “In der Ruhe liegt die Kraft” sagt man, und ich wünschte ich hätte mehr davon.
Ein schönes Osterfest wünsche ich.
Janna · 7. April 2007, 14:33 · #
...jaaaa – und immer mehr komm ich auf die Tatsache, dass “Zeit” relativ ist – ich hab nun im Vorruhestand viel Zeit..und zu nichts Zeit….hmja.
Und ich kann nicht schlafen…auch eine besondere Zeit, die mir fehlt…. :-) Janna