Mein Schreiben. Täglich.
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Um diese Jahreszeit, vor wenigen Jahren, ich glaube, es war 2004, füllte eine neue CD die Regale bei Hug und Ex-Libris, zierten neue Plakate die Wände bei SBB und Migros. Bo Katzman und sein Chor waren zurück, wie sie dieses Jahr zurück kommen werden – nein, sie sind schon da. Damals hiess die CD im Gepäck und die Konzert-Tournee in den Veranstaltungs-Agenden “Heaven’s Gate”: Das Tor zum Himmel.
Und so sah das Cover aus…
Jeder, der einen Blick auf Plakat und CD-Cover wagt, wird unweigerlich von den göttlichen Strahlen eines blendenden Elysiums gelockt, die zwischen den geöffneten Flügeln einer spätromanischen Pforte nach draussen dringen.
Doch halt! Der Einlass wird verwehrt! Zu Füssen einer archaischen, steilen Treppe aus gefurchten, Moos- und Feuchtigkeit-überzogenen Steinquadern sitzt ein leger gekleideter Held in cooler Popidol-Pose. In seinen muskulösen, wenngleich schwielenlosen Händen hält er ein Schwert am Schaft, einem Hostienschrein ähnlich, vor sich. Das Schwert selbst ist nicht etwa juwelenbesetzt, sondern zeugt in seiner altertümlichen Schlichtheit, mit schmucklosem Blech beschlagen, von der edlen Gesinnung seines Herrn. Oder von dem gut ausgestatteten Fundus eines Kostümverleihs.
Bewacht der Held die Himmelspforte? Schlägt er den vermessenen Feind zurück, der ruchlos Einlass in den dionysischen Himmel des Gospels begehrt? Oder steht er mutig voranschreitenden Helden und Kämpfern für den Fortbestand des Gospels zur Seite?
Die aristokratisch geformte hohe Stirn über dem stählernen, wenngleich Vertrauen erweckenden Blick geneigt, den linken Mundwinkel zu einem einladenden, obschon leicht frivolen Lächeln nach unten gezogen, hockt der Held im Frack – ja, auf was denn?
Seine Kehrseite löst sich im sanften Photoshop-Übergang zum Wolkenhintergrund hin auf, knietief stecken seine Waden in fluffigem Cumulus.
Der Manschettenknöpfe entledigt, den Kragen lässig geöffnet und nach oben gestülpt, zeugt das leutselige Erscheinungsbild unseres Helden von seiner unmittelbaren Bereitschaft, die Himmelspforte mit seinem eigenen Blute zu verteidigen. Es bleibt ungewiss, ob er sich im Moment des Ankleidens zu einem Konzert befand, als ihn der Ruf zur Verteidigung ereilte, oder ob er im Anschluss an einen Auftritt mit bereits in Auflösung begriffenem Tenu kurz bei den Stufen vorbeischaute um nach dem Rechten zu sehen – und dabei zufällig auf einen Pressefotografen stiess.
Eine Schar schwarzgewandeter Gestalten mit rosa angestrahlten Schals schwebt im Hintergrund. Sanft in Wolken eingehüllt, die Blicke erwartungsvoll, die Münder geschlossen, lassen Sie den Betrachter fragen: Haben sie es bereits geschafft? Sind sie bereits der elysischen Verzückung jenseits der Pforte teilhaftig? Doch warum sind sie dann im Schweigen erstarrt? Oder gehören sie zu den zurückgeschlagenen Eindringlingen, die an den Prüfungen scheitern mussten? Worin mussten sie sich als Einlass-Begehrende prüfen lassen – im Schwertkampf? Oder mussten sie gar vorsingen?
Letztlich bleibt die Frage offen, wohin die Himmelspforte führt. Der Betrachter wird sich des Eindruckes nicht erwehren können, sämtlicher Sinne beraubt in ein endloses Nirwana zu stürzen. Keine fernen Ufer locken, keine nebulösen Konturen künden von den Verlockungen jenseits der Türflügel – blindes Vertrauen muss dem Einlass Begehrenden eigen sein.
Doch, was kann einem bei einem solch wundervollen Helden schon Schlimmes widerfahren? Den Hinterkopf ins sanfte Gegenlicht der göttlichen Strahlen getaucht, die tatsächlich so was wie einen Heiligenschein formen, scheint Bo Katzman letztlich eines verkünden zu wollen:
“Komm und vertraue Dich meiner Führung an.”
-
Nun, es funktionierte. Die Konzerte waren innert Tagen weitgehend ausverkauft. Und diesbezüglich hat sich nichts verändert.
°
Gastbeitrag von Caro Nadler
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Titus · 17. November 2008, 20:54 · #
Danke Caro für Deine doch auch amüsanten Beobachtungen. Interessant wäre auch ein Vergleich mit dem aktuellen Cover (seiner Tournee).
Ich wäre der Ansicht, man sollte die Weihnachtsbäume in Bo Katzmann-Bäume umbenennen. Begründung: Beide treten in derselben Jahreszeit in Erscheinung ;-) (und beide haben wohl unter dem Jahr zu reifen).
Caro · 17. November 2008, 21:16 · #
@Titus: und beide entsorgt man am 6. Januar ;-)
andré · 17. November 2008, 23:38 · #
an der musikalischen himmelspforte stehen sie also wieder mal schlange – hey, fragt doch mal im irdischen bethlehem nach, wie das so ankommt mit dem bo kotzmann und seinem friede, freude eierkuchen-remake
paz · 18. November 2008, 00:25 · #
na ja… auch wenn ich die orginale besser mag (i go down to the river to pray…), möchte ich hier doch eine lanze brechen, beziehungsweise ein schwert…
chorarbeit ist etwas schönes, etwas spezielles, und der bo katzmann-chor tut ja eine gute arbeit.
nicht, dass ich jetzt unbedingt einmal wöchentlich nach bottmingen, bl, fahren würde, um da mitzumachen, aber im chor singen macht spass! wieso dass ganze bo katzmann-chor heisst, und nicht bottmingener-chor, ist mir zwar ein rätsel.
es hiess ja schliesslich damals auch nur:
schlierenmer-chind…
paz · 18. November 2008, 00:35 · #
... aber nach den fotos zu urteilen, hätte ich als einziges männliches chormitglied wohl eh keine chance “gecasted” zu werden… ;-)
Titus · 18. November 2008, 00:53 · #
ät PAZ
Schau’ nochmal genau hin. Da haben einige Chormitglieder aber ziemlich wenig Haare auf dem Kopf ;-)
caro · 18. November 2008, 11:34 · #
@PAZ: Mir geht es beileibe nicht um den Chorgesang, bin selbst begeisterte Sängerin und Leiterin.
Lediglich das Plakat ist etwas heftig auf meine Netzhaut geprallt ;-)
Mara · 18. November 2008, 12:29 · #
Mir kommt das ja eher wie ein Höllenchor vor… ;-) der den Ritter der Entrechteten begleitet.
paz · 18. November 2008, 12:36 · #
@titus & caro:
habe wohl beim falschen föteli aufgehört zu schauen. und das plakat ist halt, was die leute, die’s machen, glauben, dass’ die leute, die’s sehen, sehen wollen (welch eine satzkonstruktion ;-).
schweizer & gospel funktioniert meiner meinung nach eh nicht. wir sollten lieber alte alpsegen für chor umschreiben, oder so… das wäre originell!
caro · 18. November 2008, 13:32 · #
@PAZ: Spielst Du da etwas auf Francine Jordi an? ;-)
paz · 20. November 2008, 11:57 · #
also ich find’s gut! vorallem weil es mein heimatdialekt ist, das unterwaldnerische, nicht wahr? francine jordi kannte ich nicht, ich glaubte jordi währe eine uhrenmarke ;-))
Thinkabout · 21. November 2008, 13:06 · #
Tja. Was ist Kitsch. Wo fängt er an. Und ist er “schlecht”? Ist das alles objektiv festzustellen?
“Kitsch ist das tückischste aller Gefängnisse. Die Gitterstäbe sind mit dem Gold vereinfachter, unwirklicher Gefühle verkleidet, so dass man sie für die Säulen eines Palastes hält.”
(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)