Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Irgendwie habe ich gerade so was von genug

∞  26 Februar 2010, 13:34

Liebe Leser

Es sei Ihnen gestanden: Ich habe ein Motivationsproblem! Die Reaktionen und Episoden rund um Helen Hegemann, die in ihrem Bestseller, der sich als ein gigantisches Plagiat erweist, massenweise geklaute Textpassagen verwendet, unter anderem aus einem Blog von Airen, den ich auch in die Blogbibliothek aufgenommen habe, diese Geschichte also drückt mich irgendwie zu Boden. Dabei geht es nicht um das Verhalten einer 17-jährigen Göre, die nicht mal ohne Talent schreibt, sondern um den Umgang von Verlagen und Kritikern mit dem Gut des geistigen Eigentums.

Und das in Deutschland, wo Blogger sich umgekehrt oft manischen Abmahnungsattacken scheinbar etablierter Medien erwehren müssen.

Wir Blogger ziehen doch irgendwie regelmässig die Arschkarte, nicht wahr? Wir werden von den alten Medien regelmässig als seichte Beliebigkeitsschreiberlinge ohne Substanz, Gehalt und Existenzberechtigung betitelt und entsprechend diffamiert. Wir produzieren Inhalte für lau, sprich 60 Minuten in der Stunde, die einfach unserem ehrliche Bedürfnis, zu schreiben, entsprechen und mit unheimlich viel Herzblut und Zeitaufwand entstehen – und dann gibt gerade aus jenen Kreisen, welche wissen müssten, wie viel es dafür braucht, wenn ein bisschen Qualität und Individualität heraus kommen soll, nicht den geringsten Respekt vor den Urhebern.

Das k—-tzt mich gerade so dermassen an, dass ich die grösste Lust hätte, dieses Blog einzustellen.
Oder muss man am Ende einfach Geld verlangen, damit man mit seiner kreativen Kraft auch wahr genommen wird bzw. dem letzten Fötzel aus der Zunft klar wird, dass, wer abschreibt, zumindest zu zitieren und zu benennen hat, wo er was abkupfert?

Das alles ist doch ein einziger grosser Skandal und eine Offenlegung einer weiteren Bankrotterklärung, zu der kommerzielle Interessen die Vorlage liefern, um alle Skrupel weg wischen zu können. Pfui Teufel.




Kommentare

  1. Monsieur Croche · 26. Februar 2010, 16:35 · #

    Ich verstehe dein Ärgernis natürlich, würde es aber sehr schätzen, wenn du dein Blog nicht einstellen würdest ;)

    Es ist wohl schlicht und einfach schon so, dass man als Blogger zur Zeit noch zu wenig Gewicht hat, um ernst genommen zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass ein Grossteil der Bevölkerung nicht wirklich weiss, was ein Blog ist und deshalb können es sich Verlage leisten, um auf Blogger “zu scheissen”.

    Zudem ist es ja auch immer so, dass ein Verlag als Konglomerat vieler einzelner Personen auftritt und die Verlockung für die Mitarbeiter gross ist, sich hinter der eigenen Firma/Organisation zu verstecken und somit die Eigenverantwortung abzugeben.

    Am Besten dürfte es doch einfach sein, sich auf den Grund zu besinnen, weshalb wir eigentlich bloggen; der Freude am Schreiben und der Gemeinschaft wegen. Wenn wir uns über die Ungerechtigkeiten ärgern, die uns zugegebenermassen seitens Medien, Verlagen usw. zugetragen werden, so vergeht einem wohl schon bald die Lust am Schreiben.

    So halte ich es zumindest. Wobei ich totale Resignation auch nicht befürworte, jedoch versuche ich es einfach irgendwie “locker” zu nehmen.

  2. Jean-Paul Robin · 26. Februar 2010, 17:26 · #

    Lieber Thinkabout
    Ich kann Deinen Ärger teilweise nachvollziehen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es die Diskussion weder bereichert, wenn Du Helene Hegemann eine “Göre” nennst (auch wenn Du ihr Talent attestierst), noch wenn Du die Medien und Verlage im Kollektiv angreifst. Meines Erachtens beschert uns der “Fall Hegemann”, sofern man ihn so plakativ nennen möchte, eine durchaus interessante Flut von tiefsinnigen und unsinnigen Meinungen. Dabei lohnt es sich zu betrachten welche Interessen jeweils dahinter stehen mögen. Insbesondere, wenn die Feuilletonisten sogar gegeneinander schiessen (siehe die Ausgabe der ZEIT von letzter Woche) – Meinungsfreiheit à la perfection.
    Zudem bin ich dankbar für die somit öffentlich ausgetragene Diskussionen (auch im Fall Deines Posts, Thinkabout) über Literatur im Allgemeinen und Plagiat im Besonderen – solche gibt es meines Erachtens viel zu wenig. Eine willkommene Abwechslung am Stammtisch.
    Schliesslich bin ich der Meinung, dass Abgrenzung und Gruppenbildung Nichts bringt. Früher (und z.T. immer noch) haben sich die Schriftsteller als Schreiber erster Klasse von den Journalisten abgegrenzt und nun sollen wir Blogger noch einen Keil zwischen die Papier- und Onlinezunft treiben? Da bin ich dezidiert dagegen. Schreiben ist Freiheit, über alle Medien und Inhalte hinweg und sollte nur durch das Urheberrecht des benachbarten Schreibers begrenzt werden. Und dabei sind gerade die Blogger mit Verlinkung und Trackbacks vorbildlich in der Quellenangabe.

  3. Zappadong · 26. Februar 2010, 18:02 · #

    Lieber Thinkabout

    Besuch uns im vierten Untergeschoss des Zappadong-Gebäudes und wir lassen auch dein Selbstmitleidmonster absaufen. Das macht frei für neue Texte. Neue Ideen. Neue Motivation.

    Hegemann: Der Literaturbetrieb brauchte mal wieder Frischfleisch. Einen Star zum Hochjubeln. Die birnenweichen Argumente jener, die früher Schübe bekamen, wenn man mehr als drei Wörter aus ihren publizierten Werken zitierte, und jetzt von irgendwelcher Interdingsbums des Schreibens reden, sind lachhaft – aber sie halten einen Hype am Leben. An der nächsten Strassenecke wird man die Hegemann ausspucken wie seinerzeit die Zoe Jenni in der Schweiz, die nun im der Schweizer Illustrierten über ihre Schwangerschaft berichtet. Du aber kannst bloggen, bis du den Löffel abgibst und dir dabei treu bleiben – und auf deine treuen Leser zählen.

    Sei froh, bist du ein alter Hase und somit denkbar ungeeignet für diese Frischfleisch- und Hypekultur. So kannst du jenseits des ganzen Irrsinns deine Texte veröffentlichen. Es ist eine Art Vogelfreiheit. Oder die Freiheit des Desperados. Und ein Desperado zu sein, ist doch eine tolle Sache (auch wenn einem ab und zu der Himmel auf den Kopf fällt und man sich als Depp vom Dienst fühlt).

  4. Uwe · 26. Februar 2010, 18:27 · #

    Schöner Kommentar, Zappadong!
    Ich mag Dein Blog, Thinkabout!

    Du tust es doch für Dich, weil´s Dir Freude macht, Thinkabout. Tätest Du´s für Geld, wer weiß wem´s dann noch Freude machte? Was kümmert uns die Literaturindustrie? Lass sie allein mit den Problemen ihrer Käuflichkeit fertig werden. ;)

    “Geistiges Eigentum” halte ich für Illusion. Kein Gedanke, der nicht immer wieder gedacht wird, tausendmal vorher schon und tausendmal nachher.

  5. Thinkabout · 26. Februar 2010, 20:43 · #

    ich verdeutliche es gerne noch ein wenig:

    Als ich mit blogblibliothek.ch anfing, gab es einige etablierte Internetler, die mich des billigen Content-Sammelns verdächtigten und ein verkapptes kommerzielles Projekt dahinter vermuteten.

    Blogger werden gerne bezichtigt, sie wären nur Wiederkäuer professioneller News und Möchtegern-Originelle – während Printerzeugnisse es online bis heute nicht schaffen, Quellen sauber zu verlinken – schon gar nicht Blogger.

    Die Abmahnung von Bloggern ist in Deutschland geradezu Volkssport – und Google Image Search wird durch jedes pseudo-kritische IT-Redaktiönchen kritisiert. Vor noch nicht so langer Zeit wurde darüber fabuliert, wie Firmen für ihre Fotokopien Urheberrechtsbeiträge zu berappen haben würden – und noch mancherlei Quatsch mehr.
    Das Schlimmste aber:

    Auch in dieser aktuellen Diskussion bleibt der kopierte Inhalt am Ende beschädigt, ausgeraubt, entseelt. Denn gerade Airen hat sein Blog aus einer ganz eigenen Motivation geschrieben, die mit der Hegeman-Motivation nun mal aber überhaupt nichts zu tun hat. Da Airen’s Blog auch in die Blogbibliothek aufgenommen wurde, kann ich das beurteilen, denn ich, wir, haben uns mit seiner ganz spezifischen Situation beschäftigt.
    Hier wird auf Kosten anderer ein Betrug verübt, damit Geld verdient, bis er rauskommt, und danach weiter Geld mit ihm verdient, weil er rauskam.
    Nur eines geschieht nicht: Die Verantwortung suggerierende, Schadenersatz generierende und damit wirtschaftlich schmerzvolle Sanktion eines Verlages, der ein Tabu bricht, das uns alle noch beschäftigen wird. Schlicht jeden, der kreatives geistiges Eigentum besitzt – und sei es nur eine Idee.

    Willkommen in der Realität? Vielleicht. Zum k…. ist es trotzdem.

    Selbstmitleid? Vielleicht. Meine Wut richtet sich vor allem gegen die Vereinnamung jener, welche hier wirklich für den Inhalt stehen (mag man den mögen oder nicht).

  6. Relax-Senf · 27. Februar 2010, 01:55 · #

    Interessens-, Macht- und Verteilungs-Kämpfe etc., alle sind nicht durch Rückzug zu gewinnen. Alle Ausführungen kann ich verstehen, aber der Gedanke den “Blog einstellen” ist fehl am Platz. Jene, auf die Du zielst, wäre es wurscht und Leser und Kommentatoren auf diesem Blog, sind die falsche Zielgruppe für dieses Statement.

    Dein Angriff auf Medien und Buchverlage zeigt nur, dass Moral nur einen Tageswert besitzt und selbstverständlich immer unterschiedlich gewertet und umgesetzt wird, wenn es um eigene Interessen geht. Was mich aber nicht wundert sondern schlicht ein philosophischer Fakt ist, weshalb es nicht lohnt echte Energie in die Diskussion zu investieren. Spielerische Energie ja. Also Thinkabout, die Flinte ins Korn werfen gilt nicht sondern die Kanonen in Stellung bringen und zielgenauer Kommentarkritik abfeuern, das erwarte ich von einem Thinkabout, der Feuer im Herzen für Wortgefechte und freies Bloggertum trägt.

  7. Thinkabout · 27. Februar 2010, 05:15 · #

    Kanonen in Stellung bringen, @Relax-Senf?
    Und mit was schiessen? Platzpatronen?
    Ich bin einfach müde. Und zielgenauer als im letzten Kommentar kann ich nicht werden.

    Wahrscheinlich erwischt mich diese Geschichte einfach bei jenen Punkten, für die ich immer mit besonders viel Willen zur Seriösität eingestanden bin und versucht habe, schreibende Menschen in ihrem Stolz zu unterstützen, welcher an das eigene Talent glaubt und beständig an der eigenen Verbesserung arbeitet, auch im Vertrauen darauf, dass das respektiert wird – gerade von jenen, welche zu den Profis der Zunft gehören. Darin sehe ich mich als Naivling und Phantast entlarvt.

  8. Uwe · 27. Februar 2010, 09:48 · #

    “… an das eigene Talent glaubt … im Vertrauen darauf, daß das respektiert wird.”

    Ein Fall von Superbia, Thinkabout.

    Ich streue meine Perlen gerne vor die Säue. Weiß ich denn überhaupt, was Perlen und was Säue sind?
    Ich weiß nur, was meine Wahrheit ist und ich weiß, wann ich Freude empfinde. :)

  9. Relax-Senf · 27. Februar 2010, 12:18 · #

    @ Thinkabout:
    Die Reaktion zeigt, wie schwierig es ist, Worte so zu verwenden, dass unausweichlich nur eine Interpretation möglich ist. Erlebe ich auch immer wieder im privaten Bereich, inklusiv in Situationen, wo es einem wichtig ist, “nur” eine “richtige” Aussage zu übermitteln. Doch unser Denkapparat ist so ausgestattet, dass dies nicht möglich ist. Es sei denn, Juristen präzisieren in einem Wörterkatalog im Voraus, wie ein Wort ausschliesslich zu verwenden und damit zu verstehen ist.

    Dem Thinkabout Kommentar fehlt es nicht an Klarheit, aber es entsteht das Bild: Ich allein gegen die Welt. So gesehen steht er eben für ein Stimmungsbild. Und das kann ich bei meinen eigenen kürzlichen Stimmungswolken durchaus nachvollziehen. Habe mich über Wochen mit Google gestritten, über eine happige Abbuchung über meine Kreditkarte, die nichts als pure Abzockerei ist. Und es hat weh getan.

    Das unterschiedliche Verhalten der Gesellschaft und das Verhalten von Einzelgruppen bzw. Gesellschaftsegmenten, wird uns immer Grund geben, uns daran zu reiben. Nur am Verhalten der Gruppe, zu der wir selber gehören, bzw. der wir uns mehr oder weniger zurechnen, kritisieren wir weniger. Vielleicht, weil wir vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen.

    Thinkabout, take it easy and relax. Ich tue es am Wochenende in Montreux.
    Relax-Grüsse

  10. Uwe · 27. Februar 2010, 15:12 · #

    Hatte ich da etwas mißverstanden? Thinkabout ist frustriert darüber, daß die öffentlich verschenkten Ideen und Texte von Bloggern durch Kommerzielle geplündert, aus dem Zusammenhang genommen und zum Zwecke des Geldverdienens recycelt werden. Oder war es nicht so?

  11. Seelenleerer · 27. Februar 2010, 15:56 · #

    Lieber Thinkabout
    Deine Enttäuschung verstehe ich sehr gut,
    aber Du würdest uns damit bestrafen und nicht die Urheber Deines Ärgers.
    Kannst Du das wirklich wollen?

    Die Verantwortung für sein Handeln (nicht) zu übernehmen war schon öfters Thema Deines Blogs und es gibt immer wieder Menschen oder Gruppen, die scheinbar ungestraft damit durchkommen. Wir ehrlichen Häute stehen dann oft wie die Verlierer da.
    Mir persönlich hilft in solchen Momenten der Gedanke, dass ich mir beim Rasieren in die Augen sehen kann. Wäre ich weniger integer, würde mir dies Mühe bereiten. Damit kann ich mir zwar nix kaufen, aber dessen Wert schätze ich trotzdem höher ein.

    Wie es die anderen machen und wie sie es mit ihrem Spiegelbild halten,
    geht mich nix an, aber ich bin sicher, dass auch sie ihr Handeln spätestens
    im Angesicht ihrer Schöpferin vertreten müssen.


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