Jungs und Mädels, wir brauchen euch
Manchmal denke ich, dass ich eindeutig zu wenig junge Menschen um mich habe:
Von Jahr zu Jahr kommt es mir so vor, dass mein persönlicher Ausblick aufs Neue Jahr defensiver wird: Hauptsache, es geht einigermassen “so weiter”. Es scheint mir, als würden die Unsicherheiten laufend zunehmen.
Würde ich mir selbst aber vor dreissig Jahren zuhören können und würde ich mehr junge Menschen mit ihrem Ausblick aufs neue Jahr hören, so fiele mir auf: Die Jungen nehmen es leichter, sie erwarten viel selbstverständlicher, dass ihnen die Welt Türen öffnet. Sie glauben an die positive Entwicklung, denn sie haben das Leben vor sich.
Darum ist es so wahnsinnig wichtig, dass wir die Voraussetzungen schaffen, dass diese Haltung auch belohnt wird, dass das Leben sich erkenntlich zeigen kann für eine positive Grundhaltung. Wir brauchen Euch, Jungs und Mädels. Und es ist schön, wenn Ihr uns ein wenig ansteckt mit Eurem postiven Blick auf die Welt.
Tatsächlich sollten wir gerade heute wieder mal feststellen, wie gut es uns geht – und wie viel Unsicherheit in erster Linie daher rührt, dass wir im Grunde schlicht Angst haben, wir könnten von diesem guten Leben ein Stück verlieren. Also ist ein erster konkreter Wunsch an mich selbst, dass es mir noch besser gelingt, all das zu sehen und zu schätzen, was ich habe und das Teil meines guten Lebens sein darf.
![]()

Claudia · 2. Januar 2012, 03:20 · #
Ich erinnere mich GUT an heftige Auseinandersetzungen mit “Etablierten” in meiner wilden Jugendzeit. Sie hielten unseren berechtigten Forderungen und Argumenten entgegen: Ihr wollt einen neuen Menschen – der Mensch aber ist nicht SO!
DAS konnten wir als Jungendliche und junge Erwachsene natürlich nicht wissen, Von heute aus gesehen würde ich das soi besvchreiben: Wir WAREN ja faktisch “die neuen Menschen”, bzw. hielten uns dafür. Das Gegenteil hatte uns noch keine Lebenserfahrung mit uns selbst bewiesen!
Der gute Rat eines von mir namentlich leider vergessenen Autors hieß: Gehe nicht von deinen Parolen, sondern von deinen Beständen aus!
Das ist es, was die Jugend noch nicht hat und also auch nicht kennt. Sobald die jungen Niemande dann irgendwo ein Jemand werden, ändert sich das Blatt und auch die Sicht der Dinge.
Deshalb ist es gut, dass wir irgendwann mal sterben und den Jüngeren, weniger Erfahrenen und Informierten, dafür noch idealistisch Engagierten, das Feld überlassen!
Typisch ist z.B, der Vorwurf der Älteren, dass früher alles besser war. Jedenfall noch lang nicht so kundig und effektiv ins Böse hinein entwickelt, wie heute…
Darüber werden viele verbittert, resigniert, zynisch – und behindern damit nurmehr den Elan der Jüngeren, die noch an positive Veränderungen glauben.
Wer aber in eine für die Älteren “späte Phase der Misstände” (=schon fast Hölle…) hinein geboren wird, wird das Bestehende als erträgliche Normalität erleben – und wenns von da aus dann knirscht, behindert kein “erfahrender Defätismus” den herzblut-getragenen Widerstand!
Deshalb: Ja, wir brauchen Euch Jüngere!
Alice · 2. Januar 2012, 09:12 · #
Wenn ich dann noch anfügen dürfte:
Begegnet diesen Jungen ohne Vorurteile. Schliesst nicht voreilig vom Äusseren aufs Innere.
Akzeptiert andere Lebensentwürfe. Nehmt sie ernst. Macht sie nicht kaputt mit einem “Ach, du wirst dich auch noch ändern. / Ach, du bist noch jung, auch du wirst dich irgendwann anpassen”
Seid offen. Hört zu. Redet auf Augenhöhe nicht von eurer Lebenserfahrung herab.
Und wenn ich als Jugendbuchautorin noch etwas anfügen darf: Wenn ihr denkt, die Jungen nicht zu verstehen, lest ab und zu ein Jugendbuch. Dort sind Jugendliche zu finden. So, wie sie sind. Mit den Problemen, die sie haben. Manche von ihnen mögen uns lachhaft erscheinen. Sie sind es für die Jugendlichen nicht. Manche von ihnen werden euch Angst machen. Verschliesst die Augen nicht. Versucht, zu verstehen (zurückzudenken an die eigene Jugend hilft auch).
Thinkabout @Alice · 7. Januar 2012, 22:30 · #
Ach, du bist noch jung, auch du wirst dich irgendwann anpassen
Das ist der ödeste Satz, den Junge zu hören kriegen. Dann wird oft noch von den “Sachzwängen” gesrprochen. Seit vielen Generationen. Meist erst und vor allem von den eigenen Eltern, Wenn das Deiner Tochter anders ergehen darf, hat sie schon viel gewonnen.
Thinkabout @Claudia · 7. Januar 2012, 22:35 · #
Wow. Danke für Deine Gedanken!
Ich erinnere mich gern an unsere Gespräche, und ich kann wunderbar verstehen, wie Du zu dieser Sicht der Dinge kommst. Manchmal wünschte ich mir einfach, die Jungen würden viel früher oder überhaupt auf Ältere in Deinem Sinn treffen, welche zwar schon einen Bestand haben, ihn aber noch so gern bei Lebzeiten verjüngen möchten, ohne dies als Bedrohung zu empfinden…
materiell wie ideell gesprochen.
Claudia Klinger · 8. Januar 2012, 15:22 · #
Danke Thinkabout! :-)
Übrigens verbessert sich das Verhältnis jung/alt im Lauf der Jahrzehnte tatsächlich. Ein gefühliger Song zum Lobe der Eltern, wie ihn die “Söhne Mannheims” mit Eltern wie Engel als zeitgenössischen Song zum Besten geben, wäre “zu meiner Zeit” in den 60gern, 70gern und 80gern KOMPLETT UNDENKBAR gewesen!