Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Klosterkirche: No entry today

∞  15 Juni 2009, 21:28

Lissabon, 15. Juni 2009

Weil wir eh in der Nähe waren, wollten wir heute nochmals die Kirche des Hieronymus-Klosters besuchen. Als wir um vier Uhr da ankamen, standen wir zusammen mit anderen Touristen vor geschlossenen Türen. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir die Infotafel fanden, auf der zu lesen war: Kirche jeden Montag geschlossen.

Ich hörte Geräusche hinter der dicken, beschlagenen Holztür und horchte genauer hin. Unverkennbar waren das die Laute einer Kehrsaugmaschine, mit der hinter der Tür in der Kirche der Boden gereinigt wurde.

Bei der benachbarten Bibliothek, die eigentlich offen haben sollte, war ein Besen in die Tür geklemmt, mit einem Zettel dran – wir haben uns gar nicht mehr die Mühe gemacht, hin zu gehen und den Wisch zu lesen. Er sah von fern schon eindeutig genug aus. Menschen ließen sich eh keine Blicken, von Besuchern abgesehen, die alsbald wieder abzogen, wie wir auch.

Ich weiß nicht. Wir machen Kirchen zu Museen und wirtschaften sie alle tot. Wenn ich daran denke, welche Geräusche einst durch solche Mauern zurück geworfen wurden, welche Klänge einmal den Menschen stumm werden liessen, ihn, uns, zu echten Hörern gemacht haben mögen – und heute?

Wir sind wirklich in manchen Dingen verarmt. Und bitte, kommen Sie mir nun nicht mit dem an sich richtigen Argument, dass der dazu gehörende Prunk den Menschen abgewrungen wurde und so manches sakrale Bauwerk auf Blut und Tränen fußt. Es wäre nicht falsch, aber hier ein Einwand, der das tiefere Nachdenken über die heute noch vorhandenen und benutzten Wohnungen für unsere Gedanken verhindern würde. Und diese Frage wieder mehr zu stellen, wäre äußerst segensreich. In welchem Raum in meiner Wohnung, wo in meiner Umgebung, ist es eigentlich wirklich still? Und wo darf und kann ein Geräusch noch klingen?




  1. Urs Volkart · 16. Juni 2009, 08:10 · #

    Kirchen in Portugal sind sowieso eine Sache für sich. Das Erdbeben anfangs des 18. Jhdts. hat praktisch alle Sakralbauten aus der romanischen und gotischen Zeit flach gemacht (von den maurischen ganz zu schweigen). Die vom Sklavenhandel finanzierte Barockbauwut der Folgezeit führt uns mit seiner Gold-beladenen Machtdemonstration die Perversion der institutionellen Kirche bildlich und drastisch vor. Ich habe in Portugal praktisch keine Kirche gefunden, die energetisch eine sakrale Atmosphäre oder gar gute Schwingung aufwies. Aber zum Glück sind die Portugiesen liebe Menschen und haben offenbar keinen grossen Sakralschaden erlitten. Viel Freude in Portugal wünscht Dir – Urs.
    P.S. Wenn Du schon frustriert in Belém bist, kann ich Dir das Gartenrestaurant des Centro Cultural de Belém für eine besinnliche Zeit empfehlen. Vieleicht läuft gerade auch etwas Tolles.

  2. Thinkabout · 16. Juni 2009, 19:33 · #

    Lieber Urs
    Leider schon zu spät: Das Kulturzentrum von Belem haben wir leider nur von außen gesehen, aber ich behalte Deinen Tipp im Herzen. Und was Du über die “Resistenz” (oder eben nicht) der Portugiesen selbst, auch der Jungen, schreibst, kann ich nur unterstützen:
    Es ist, zum Beispiel, ein ganz neues Gefühl, in einer Kirche tagsüber auch junge Menschen anzutreffen, und zwar nicht als Touristen, sondern als Besucher, die Zeit mitbringen und in den Bänken sitzen.


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