Kopf und Bauch - II
Vertrauen ist ein Bauchgefühl. Lernen wir jemanden kennen, so mag der Verstand eine gewisse Selektion anbieten, der Kopf etwas sagen wollen – aber wir verlassen uns auf “die innere Stimme”, den Bauch. Im Zweifel scheint er meist stärker zu sein, und die meisten werden wohl sagen, dass mit die besten Entscheidungen ihres Lebens darauf beruhen, dass man diesem Gefühl vertraut hat.
Ich kenne jemanden, der auf jeden Fall einen grossen Mann heiraten wollte, der gut tanzen kann. Gefunden hat sie einen kleinen Appenzeller mit zwei liebenswert linken Beinen. Der Bauch hat entschieden (wenn Sie jetzt sagen mögen, Sie hofften doch eher, es wäre das Herz gewesen, dann antworte ich: “Keine Spitzfindigkeiten, bitte”).
Und wer hat nicht schon ein dargebotenes Glück im Kopf erst abgewehrt, weil man dachte, das könne nicht für einen bestimmt sein, um sich dann doch davon einnehmen zu lassen?
Wobei: Ist es wirklich ein Vertrauen? Ist es nicht viel mehr ein Nicht-anders-können? Und sind Menschen, deren Kopf ihnen nicht erlaubt, nach dem Bauch zu gehen, schlicht “arm dran”? Oder ist es ganz anders, und sehr oft so, dass wir zwar “wissen”, was uns gut täte, was falsch läuft, und doch handeln wir nicht danach? Wir sagen: “Ich weiss”, und tun doch das falsche. Wie eh und je. Es kommt uns vor, als würden wir stets nach den gleichen Mustern funktionieren. Wir “können uns nicht ändern”, sagen wir, glauben wir, meinen wir?
Wenn wir unglücklich sind, Mechanismen in uns erkennen, mit denen wir uns schaden, und doch gelingt es uns nicht, diese Abfolgen aufzubrechen, zu unterbinden, das Verhalten zu ändern – dann könnten wir verrückt werden und mutlos. Und mit uns, was uns dann fast noch bedrohlicher erscheint, diejenigen, die bisher nicht müde wurden, uns zu raten, zu unterstützen, zu begleiten.
Ja, warum nur ist es oft so, dass wir zwar in lichten Momenten erkennen, dass uns etwas nicht gut tut, dass ein bestimmtes Verhalten immer in den gleichen Misstritt führt, und diesen Schritt dann doch immer wieder machen?
Der Bauch will das, was er kennt, er sorgt für die Geborgenheit, er bewahrt das Bekannte, er sichert Identität. Und so bestätigt er sich auch gern einmal, dass etwas zum Kotzen ist. (Entschuldigung).
Unser Bauch, im hier verstandenen Sinn, ist nicht immer der Freund unserer Seele. Nicht selten neigen wir zu seelischer Bulimie – wir fressen Emotion und spucken sie dann aus. Wir sind masslos in der Kompensation jener Empfindungen, die wir glauben, zu vermissen – und in ihnen vermuten wir die mögliche Behebung eines Mangels, den wir in uns ausmachen. Und wenn wir etwas vermissen, und das akzeptieren, so tun wir es nur scheinbar und missbrauchen eine daraus sich strickende Form von Selbstmitleid als inneren Beweis dafür, dass uns etwas fehlt, das wir aber nicht verdienen. Wir können ganz schön kompliziert sein im Umgang mit uns selbst.
In uns ruhen unzählige Scheinwahrheiten, an die wir Bedingungen gehängt haben. Ich würde das ändern können, wenn…
Warum ist es so schwierig, falsch gelerntes Bauchempfinden in ein neues Bewusstsein zu verwandeln und dadurch abzulegen? Warum können wir zwar verstehen, was ein gut gemeinter Rat sagt, der uns von etwas frei machen will, wobei wir durchaus ehrlich glauben, verstanden zu haben – und unser Handeln wischt das wieder vom Tisch – oder wir vermögen die innere Haltung nicht wirklich zu ändern?
Ich glaube, dass ein wesentliches Element eines religiösen Erweckungserlebnisses, eines Aufwachens, wie es Buddhisten umschreiben, darin liegt, dass eine neue Kraft an diese Stelle in uns tritt, die für alles Negative in uns eine zementierende Antwort hatte: Der Mensch wird neu und darf neue Erfahrungen machen, die nichts mit jenen Verhaltensmustern zu tun haben, die der Mensch immer dann sich antrainiert hat, während vielen Jahren vielleicht, oder prägend unbewusst als kleines Kind, eben immer dann, wenn es ihm an Unterstützung und Selbstbewusstsein mangelte und es niemanden gab, der ihn bestärkt hätte in seinem offenen liebevollen Blick auf sich selbst.
Und wenn da kein Gott und kein Guru ist, der sich jetzt genau mich heraus pickt und mir so gehörig auf die Pelle rückt, dass ich einfach gar nicht anders kann, als einzusehen, dass ich einzigartig bin?
Ein Ansatz, bevor Sie als Leser wie ich als Schreiber erschöpft die Augäpfel schliesen und die Hirnlappen zusammen falten:
Tummelfelder, auf denen sich Hirn und Bauch begegnen sind:
Die Erwartungen.

Caro · 24. Oktober 2009, 09:52 · #
Ich hätte auf meinen Bauch hören sollen, dann wäre mir viel Leid erspart geblieben.
So einfach ist das.
Hausfrau Hanna · 24. Oktober 2009, 15:28 · #
Einen sehr komplexen Beitrag haben Sie da geschrieben,
lieber thinkabout,
mein Grosshirn war gefordert und aktiviert während des Lesens!
Ich persönlich schätze meine Grosshirnblase sehr als oberste und wichtigste Instanz, meine ‘Bauchgefühle’ und mein ‘Gespürtes’ zu überdenken und dann allenfalls nötige Veränderungen, die mein Leben betreffen, anzubahnen.
vR (von-Relax-Senf) · 25. Oktober 2009, 19:49 · #
Faszinierend, wie die verschiedenen Aspekte in diesen denk-mal-wieder Artikel eingeflossen sind. Der Bauch wollte spontan, dass ich mich dazu äussere. Der Kopf sagte halt. Die Botschaft ist zu komplex, zu vielschichtig, um einfach aus der Hüfte zu schiessen. Thinkabout hat zwar „einfach“ einen Artikel zum Lesen geschrieben, aber beim Lesen komme ich mir vor, dass ich – wäre es ein Persönlichkeitstest für einen Bewerber – sehr aufpassen muss, bei der Antwort, weil es nicht nur eine richtige Antwort gibt. Jetzt ist es ja bei Tests so, dass man erkennen will ob der Proband lügt oder milder ausgedrückt, zumindest versteht was er/sie gelesen hat. Da man hier nicht kommentieren muss, ist es natürlich auch nicht die Absicht von Thinkabout dies herauszufinden.
Also lieber Thinkabout, bei mir gibt es sowohl Kopf- wie Bauch-Entscheidungen. Will ich mich drücken mit dieser Antwort? Mitnichten. Schwergewichtig bin ich jemand, der sich viel Zeit für Kopfentscheidungen nimmt. Das ist manchmal eine Schwäche und kann auch von Dritten so wahrgenommen werden. Dazu folgende Geschichte. In meiner Karriere wurde ich mal von einem Amerikaner abgelöst. Als ich nach ca. einem Jahr einen meiner vormaligen Kadermitarbeiter traf, sagte der zu mir: Weisst du, es hat schon manchmal genervt, wenn du dir mit Entscheidungen Zeit gelassen hast und so war ich vom zackigen Entscheidungsverhalten von Bob (meinem US Nachfolger) ganz begeistert. Auf jede Frage gab es sofort eine Entscheidung mit Kursanweisung. Nur, Entscheidungen vom Morgen werden am Nachmittag wieder aufgehoben. Projekte an denen ich wochenlang mit voller Motivation arbeite, werden auch über Nicht annulliert, schubladisiert, als nicht mehr wichtig erklärt. Im Nachhinein, schätze ich deinen Managementstil. Wenn du etwas entschieden hast, hat es in der Regel auch gegolten. (Mein Zögern in diesem Beispiel hat nichts damit zu tun, dass Mitarbeiter im operativen Alltag eine Blitzentscheidung erhalten, wie mit einem akuten Problem verfahren werden soll. Mein geschildertes Zögern, hat mit der Aufhebung von bewährten Abläufen zu tun, mit der Einführung neuer Ideen ohne die Auswirkungen genügt analysiert und gewertet zu haben.)
Diese Einsicht macht aus der Schwäche eine Stärke und so ist im Leben. Alle unsere Stärken und Schwächen verkehren sich situativ auch ins Gegenteil. Jeder Mensch hat Schwächen, um dies hier laut und deutlich zu sagen. (Sich immer mal wieder selber damit befassen – freiwillig – hat auch mit Seelenhygiene zu und ist hilfreich. Bei mir wenigstens.)
Es ist jedoch eine Frage, wie wir damit umgehen. Es ist auch eine Ego Angelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen. Ich tue es. Ehrlich. Ich reflektiere immer wieder akribisch über die Schwäche, mir Zeit zu lassen um mich festzulegen. Diese offene Kommunikation mit dem Spiegelbild führt natürlich dazu, dass ich immer wieder feststelle, eins auf die Mütze bekommen zu haben, weil ich zuviel Zeit zugelassen habe. Entscheidend ist jedoch, dass ich für mich, unter dem Strich, sehr viel mehr Vorteile u n d Erfolge verbuchen kann. Damit ist meine selbst erkannte Schwäche, auch eine gewichtige Stärke.
Dann mache ich auch Bauchentscheide. Wo der Bauch sich gegen den Kopf durchsetzt. Also Google liest mit, deshalb nur 08/15 Beispiele. Faul sein, aufschieben obwohl im Kopf die Lampen schon gelb leuchten. Naschen und weiter naschen, wo der Kopf schon am Morgen beim täglichen Expansionsgefäss checken sagte: Kurskorrektur sofort, heute Abend nicht naschen. Etc. Auch als Verkehrsteilnehmer erlebe ich Momente, wo Bauch und Kopf mir unterschiedliche Signale senden. Klar, steht Bauch hier für Lust.
Beim neue Menschen Kennen lernen, verhalte ich mich zwar Mainstream mässig. Also ein Blick und wenige Sekunden und ein erster Eindruck ist gemacht. Doch, was mir da Bauch und Kopf mitteilen, wird im Nachhinein durchaus sorgfältig austariert. Bin also durchaus in der Lage den Bauchentscheid umzustossen und dem Kopf zu folgen und gegengleich. Wer mich zu einem Entscheid drängt, obwohl ich nicht ready bin, den auferlegten Zwang nicht einsehe, bewirkt bei mir das Gegenteil. Ich werde bockig. Kaufentscheide wiederum sind, ab einem gewissen Betrag, sorgfältig abgewogene Kopfentscheide. Je kleiner der Betrag, je mehr ich Lust o d e r Frust bediene, umso weitaus häufiger sind es spontane Bauchentscheide. Thinkabout, herrlicher Artikel. Auf die vielen Fragen gibt es nicht nur eine richtige Antwort, die immer und jederzeit dafür sorgt, dass wir unsere Entscheidungen bzw. unser Verhalten auch im Rückblick als angemessen und richtig empfinden. Bauchentscheide können zu kleinen lustvollen Sünden führen, Bauchentscheide können zwingend unvermeidbar sein, wenn die Situation es erfordert und keine Zeit für Analyse und Auswertung bleibt. Je gewichtiger der Entscheid in seiner Wirkung für eine längere Strecke auf der Zeitachse ist, umso mehr nehme ich mir Zeit. Auch, bzw. trotz dem Stress den ich damit manchmal bei Dritten auslöse.
Thinkabout @ VR · 26. Oktober 2009, 00:04 · #
An Deinem Kommentar – immer wieder faszinierend, was eigene Gedanken bei anderen auslösen können – finde ich vor allem den Aspekt der Zeit interessant:
Fragen wie:
Ist eine Kopfentscheidung, für die man sich Zeit lässt, in jedem Fall klarer, als wenn sie blitzartig getroffen wird?
Wie viel Bauch ist bei einer solchen schnellen Entscheidung immer dabei?
Wie hilft mir die Zeit, besser auf meinen Bauch zu hören? Macht die verstreichende Zeit mir Angst, oder kann ich sie nutzen, um da, wo ich nicht rational entscheiden kann, wirklich auf meinen Bauch zu hören?
Und was Du über neue Begegnungen und Beziehungen schreibst, ist auch spannend:
Wenn ich z.B. weiss, wie viel ich auf Begegnungen mit Menschen gebe – wie wirkt sich meine Vorsicht zu Beginn darauf aus? Ist sie vielleicht deshalb grösser, weil ich weiss, wie sehr ich meinen Bauch in ein Gespräch mit hinein tragen, wie sehr ich mein Herz offenbaren kann? Wo und wie schützt mich mein Kopf, wo und wann macht mir vielleicht gerade der Bauch Mut?
Es ist sehr interessant, diesen eigenen inneren Spannungen nachzufühlen. Und es kann sehr quälend sein, wenn man seinen eigenen Erfahrungen nicht zu vertrauen wagt – oder wenn man sich die Möglichkeit abspricht, neue, bessere machen zu können.
Antonie · 26. Oktober 2009, 11:16 · #
Ich finde Ihren Beitrag auch sehr lehrreich.
Habe ihn mir sogar ausgedruckt…
nicht Alles verstehe ich sofort, Manches
braucht längeres Verweilen, auch in
mir.
Danke
vR (von-Relax-Senf) · 26. Oktober 2009, 13:01 · #
@ Thinkabout:
In Deinem Kommentar, Nr. 4, legst Du den Finger auf einen Punkt, welcher mich schon beim Setzen lassen des Startbeitrags beschäftigt hat: Wie ist die Aufteilung von Kopf und Bauch Einmischung, bei gewissen Blitzentscheiden. Denke dabei z. B. an eine brenzlige Verkehrssituation, wo ich dann und wann SOFORT reagieren muss. Kommt da der Kopf zum Tragen, indem die Gefahr aus früheren Erlebnissen gespeichert ist und das Gehirn dann – ohne Analyse – zu einer kurzen Überleistung fähig ist? (Überleistung, keine vR Kreation, sondern wissenschaftlich belegt.) Oder sprechen wir vom Bauchgefühl, weil in unserer Wahrnehmung der Kopf gar nicht mehr eingeschaltet war sondern der Bauch unsere Action diktiert hat! ?
Ohne Deinen Denkanstoss, entfallen solche Gedanken zum Entstehen der eigenen Entscheide.
Auch beim Kennen lernen von Personen reagiere ich wie gesagt recht in Übereinstimmung mit dem Standardverhalten von Menschen, also mit einer rechten Portion von spontaner Voreingenommenheit. Doch stelle ich fest, dass dies mal vom Bauch her kommt (da es keinen erkennbaren Grund gibt) und mal vom Kopf (eine Bebachtung, eine Erkenntnis) die stört. Ist eine Interpretation unserer Einschätzung vom Kopf oder vom Bauch gesteuert?
Meine Voreingenommenheit habe ich bereits eingestanden. Die Gegenpartei, nimmt mich aber auch so wahr! Okay, ihr gutes Recht. Dann trennt sich aber die Spreu vom Weizen. Meine Ersteindrücke werden später laufend überprüft und anhand konkreter Kriterien angepasst, in beide Richtungen. Wobei – erneut menschliches Verhalten – der schlechten Eindrücke mehr Zeit und mehr Bestätigung benötigen für eine positive Anpassung, wie die guten Eindrücke. Bei guten Eindrücken ist man länger grosszügig mit der Ausgangseinschätzung, bis man die Anpassung nach unten vornimmt.