Kriegen wir angeboten, was wir verdienen?
Wir alle kennen das Credo, wonach das Verhältnis von Nachfrage und Angebot den Preis bestimmt, Ausdruck von Mangel oder Überfluss ist. Nach dieser Regel, so glauben wir, funktioniert auch das Warenangebot im Supermarkt.
Ich habe da so meine Zweifel. Vor allem bezweifle ich nicht selten, dass die Konsumentenschutzorganisationen ihren Namen zu Recht tragen. Mit dem Eintritt der deutschen Discounter Aldi und (bald auch) Lidl hat eine übermässige Preisvergleicherei von K-Tipp, Saldo und Konsorten Einzug gehalten.
Rein vordergründig geschieht das zum Wohle des Kunden. Die Waren werden billiger. Nur: Haben Sie sich schon mal gefragt, ob die Qualität des Angebots auch unverändert bleibt – und die Vielfalt?
Die Tendenz sieht nämlich so aus:
Gab es vor fünfzehn Jahren in jeder typischen Schweizer Detailhandelskette ein Warenangebot, das in einer Art Pyramide eine breite Basis günstiger Lebensmittel, ein immer noch vielfältiges mittleres Angebot und wenige Luxusartikel enthielt, so wird heute aus der Pyramide immer mehr ein Zylinder, dem man um den Bauch einen zu engen Gurt geschnallt hat: Das Billig-Angebot wird ausgebaut, um das Abwandern der Kundschaft zum echten Discounter zu unterbinden, dafür muss die verlorene Marge mit Luxusgütern kompensiert werden. Was leidet ist das ganz normale Angebot für den Mittelstand – auch hier. Dieses Angebot dünnt sich aus.
Es geht gar nicht anders. Ein Detailhandelsunternehmen, das unter dem Strich 2-3% Reingewinn erwirtschaftet – in einem guten Jahr – kann sich massgebliche Margeneinbussen gar nicht leisten. Also muss bei Billigprodukten der Preisdruck, den wir Konsumenten aufbauen, an die Produzenten weiter gegeben werden – mit dem Ergebnis, dass die Qualität leidet. Denn zaubern kann auch der Produzent nicht. Rechnen aber schon.
Viele Preisvergleiche in Konsumentenschutz-Zeitschriften sind einigermassen willkürlich und führen vor allem zu einer unerwünschten Nebenwirkung: Das Angebot nivelliert sich auf tieferem Qualitätsniveau ein.
Dabei tragen wir Konsumenten alle zur falschen Psychologie im Detailhandel bei: Es ist beinahe schon vorauseilende Angst, welche die führenden Detaillisten Migros und Coop dazu trieb, ihren Konsumenten auf jeden Fall zu versprechen, dass das “gleiche” Discount-Produkt nirgends billiger verkauft werde.
Bitteschön, was heisst “gleich”? Eben.
Mit Ihnen, der Kundin, dem Kunden will man nicht diskutieren, mit den Konsumentenschutzorganisationen schon gar nicht. Also werden die Preise – auch trotz tatsächlichen Qualitätsunterschieden – angepasst. Ein Handtuch ist ein Handtuch. Nicht einmal die unterschiedliche Grösse fällt mehr ins Gewicht. Was aber wird die Folge sein? Die Qualität des ursprünglich teureren Produkts wird abgebaut werden. Und das grössere Handtuch in ihrem Laden wird so klein werden wie dasjenige in dem Geschäft, das sie selbst gar nicht aufsuchen würden. In Deutschland nennt man das die Aldisierung des Warenangebots.
Sagen Sie jetzt nicht, dass sie das nicht wollen! Wir haben alle ein teilweise bizarr-komisches Konsumverhalten.
Das Brot wird billiger. Es war den Hauptnachrichten in Radio und Fernsehen viel Sendezeit wert. Sagenhafte 10 Rappen pro kg.
Da lohnt es sich wieder, mit dem SUV zum Einkaufen zu fahren, nicht wahr?
Grundnahrungsmittel werden in Deutschland zu absoluten Kampfpreisen, mit Null Marge verkauft. Die Überlegung: Diese Dinge brauchen Sie täglich. Wer das Mehl, den Zucker, die Butter, Milch und das Brot am billigsten anbietet, hat am meisten Kundschaft. Das haben alle Anbieter begriffen. Und alle verkaufen diese Artikel ohne Gewinn. Wie meinen Sie, wirkt sich das auf die Nährwerte jener Esswaren aus, die Sie täglich konsumieren?
Wir haben ein komplett gestörtes Verhältnis zu unserem Bauch und einen unzurechnungsfähigen Geist. Denn wir rechnen und vergleichen uns krank. Dort aber, wo sparen richtig einschenken würde, sind wir markengläubig, statusbewusst und ausgabefreudig.
Noch ein Tipp zum Schluss: Gehen Sie dieses Jahr noch bewusst extra einmal zusätzlich einen Kaffee trinken. Die Cafés schlagen nächstes Jahr 30 Rappen auf, heisst es. Wie viel davon beim Erzeuger der Kaffeebohnen landet, weiss ich nicht. Aber ich befürchte, ich ahne es…
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[Bildquelle: Christine Bärlocher, ex-press.ch, via news.ch ]
Gesellschaft
und
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Marianne · 12. Dezember 2008, 07:24 · #
Klar kriegen wir angeboten, was wir verdienen. Wir kaufen den Schrott ja, weil er billig ist. Wenn wir uns überwinden könnten, Billig- und Luxuslebensmittel zu ignorieren und statt dessen auf Qualität zu achten, dann bekämen wir diese auch wieder vermehrt. Kaufen wir hingegen die billigsten Wasch- und Putzmittel, dann sparen wir echt Geld. auch wenn der Küchenboden nachher nicht nach Zitrone, die Wäsche nicht nach Südseezauber duftet. Wegzappen, wenn Werbung am Fernsehen kommt. Sich nicht verleiten lassen, immer das Neueste zu kaufen – dafür beim Einkaufen das Bewährte suchen und verlangen. Wir sind die Käufer. Wenn wir nur wollen, bestimmen wir, was angeboten wird.
Zappadong · 12. Dezember 2008, 11:43 · #
Nein, ich werde NICHT gefragt … d.h. gefragt schon, aber ich stehe mit meiner Meinung so quer in der Landschaft, dass ich eine vernachlässigbare Grösse bin. Kunden wie ich – solche ohne Kundenkarte mit einem Anspruch an Qualiätit und einem Pfeifen auf “Schnäppchen” – sind für die Industrie völlig uninteressant.
Ein Beispiel, das mich total nervt, ist die Milch:
Ich will für die Milch NICHT wengier bezahlen. Die Preise sind völlig okay. Wenn ich Milch mit Red Bull und Konsorten vergleiche, ist sie spottbillig, und ich sehe nicht ein, warum man da jetzt nochmals ein paar Rappen schräubeln will. Warum soll ein hochwertiges Naturprodukt so viel billiger sein als ein überzuckertes, klebriges (ungesundes) Gesöff?
PS: Die teurern Kaffeepreise können auch nicht an der Milch liegen.
paz · 12. Dezember 2008, 16:38 · #
Einkaufen ist sowieso etwas völlig anderes geworden. Als Kind auf dem Dorf (60iger) ging ich zum Dorfmetzger Fleisch holen (für Kinder und Hunde gab’s ein Wursträdchen), in der Molkerei/Käserei gab’s Milch und Käse, beim Bäcker gab es Brot und Backwaren, und beim Gemüsehändler Gemüse. Sogar Kolonialwaren gab es damals noch, notabene, auf dem Land. Man kaufte sich, was man qualitativ und vom Preis-Leistungs-Verhältnis als gut/anständig einstufte, und liess den Rest links liegen. Ich denke schon, dass wir als Konsumenten hier gefragt sind. Was wollen wir eigentlich? Uns von Marketing-Psychologen in’s Bockshorn jagen lassen, oder selber denken? Im Supermarkt bin ich übrigens immer ein sehr unbequemer Kunde, und es macht mir Spass, ein unbequemer Kunde zu sein!
Titus · 12. Dezember 2008, 21:54 · #
Danke, lieber Thinkabout, dass Du einmal mehr den Nagel auf den Kopf getroffen hast.
Mir geht’s heute ähnlich wie Frau Zappadong: Auch ich kann nicht verstehen, weshalb für soviel Arbeit so wenig verlangt wird, im Gegenzug aber für vollautomatisch, industriell hergestellte Produkte soviel bezahlt werden muss.
In die gleiche Kategorie gehen z. B. auch Früchte und Brotwaren. Ich habe mich oftmals geärgert, dass viele an den Produkten beider Kategorien “herumdrücken”. Aber Hand aufs Herz: Gibt’s noch Tomaten, die nicht nur rot, sondern auch reif sind? Gibt’s noch Brot, das frisch gebacken wird und nicht vorgebacken oder tiefgefroren in den Ofen geschoben wird (denn: “Frisches Brot bis zum Ladenschluss”)?
In eine andere Kategorie gehen z. B. Bekleidungsartikel. Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass 50 % der Ware, welche feil geboten wird, aus China stammt. Und zu welchen Arbeitsbedinungen wurden diese hergestellt (angefangen bei der Baumwoll-Ernte)? Mir scheint, als ob wir schon irgendwie unter einer Glasglocke leben und überhaupt keine Ahnung (mehr) haben, woher unsere Konsum- und Gebrauchsgüter kommen (und uns dafür häufig auch nicht interessieren, Hauptsache ich kriege drei Artikel für den Preis von zweien…).
Im Rahmen der ganzen Umweltdebatte nimmt das Ganze noch andere Dimensionen an: Wie sinnvoll ist es, Ware nach Europa zu importieren, welche hunderte oder tausende Kilometer von uns entfernt produziert wurde (das geht auch in die Kategorie “holländische Milch nach Italien fahren, um Yoghurts für Polen herzustellen”).
Ich sehe nur eine Lösung: Statt nur der Angabe von Nährwerten, Kalorien & Co. sollten eben auch Angaben über die Arbeitsbedingungen, den Herstellungsprozess (umweltfreundlich usw.), den zurückgelegten Weg usw. auf die Etiketten drauf. Das wäre dann eine Art Energieeffizienz-Etikette, nur nicht alleine in Bezug auf die dafür benötigte Energie, sondern eben auch in Bezug auf die oben genannten Beispiel-Kriterien.
Dann kann zumindest jeder Konsument selber entscheiden, ob er dieses oder jenes Produkt kaufen will. Heute haben wir keine Chance. Ob man dann dank dieser Transparenz noch Weiteres ableiten will (z. B. Verbote für Produkte mit “Klasse E”), lass ich mal offen.
Nun ja, im polnischen Posen hat man es ja nicht geschafft, klimamässig etwas gemeinsam zu vereinbaren. Somit wird mein Wunsch nach mehr Transparenz wohl auch noch Jahrzehnte auf sich warten lassen…
SeelenLeerer · 13. Dezember 2008, 09:32 · #
Wie wäre es,
wenn wir statt der Arbeit
die Energie besteuern würden?
flashfrog · 13. Dezember 2008, 14:55 · #
In meinem persönlichen Umfeld beobachte ich, seit vor ein paar Monaten in Reutlingen eine Migros erffnet hat, ich eine starke Migrosieung des Kaufverhaltens. Vermutlich machen Aldi und Lidl einige Verluste, weil die Leute lieber das Brot kaufen, das in der Migros-Bäckerei hinter einer Glasscheibe live geknetet und gebacken wird und so viel verführerischer durftet als das abgepackte Schnittbrot beim deutschen Discounter. Die Migros punktet hier nicht unbedingt mit Tiefpreisen, dafür aber mit “Produkten aus der Region” und “ Schweizer Qualität” und macht offenbar phantastische Umsätze damit.
Titus · 13. Dezember 2008, 16:53 · #
@ Flashfrog
Die Sache mit “Aus der Region, für die Region” ist zwar lobenswert, aber wohl doch nur ein reiner Marketing-Gag. Dieser Slogan ändert nichts daran, dass ein sehr grosser Teil der Lebensmittel gar nicht erst in der Schweiz produziert wird. Ihn über dem gesamten Sortiment aufzuhängen suggeriert jedoch, dass quasi alles “aus der Region” stamme.
Die Herkunft des Fleisches muss bekanntlich deklariert werden. Wer das nächste Mal in einen Take-away der Migros geht, soll sich diese Deklaration einmal genau anschauen. Er/sie braucht dabei das Wort “Schweiz” nicht zu kennen…
Und noch was: “Aus Schweizer Fleisch”, wie das bei Coop auf den Etiketten aufgedruckt steht, heisst nur, dass das Tier zwar hierzulande gemästet wurde, nicht aber, dass die Verarbeitung zum entsprechenden Produkt auch im Inland erfolgte…