Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Leadership aus den USA, aber diesmal substanziell?

∞  6 November 2008, 22:03

Amerika hat gewählt. Diesmal haben sie wirklich gewählt, die Amerikaner. Haben sie sich vor acht Jahren noch auszählen lassen und den Mann, der sie so manipulierte, vier Jahre später dafür auch noch belohnt, so dass man ihnen nachrufen könnte: “Selber schuld”, so ist einem nun gar nicht mehr ums Keifen zumute. Das hat damit zu tun, dass wir unsererseits durchaus selbst im Schlamassel stecken, denn irgendwie haben wir ja alle mitgemacht im Wahn, das Geld liege auf der Strasse, oder an der Börse (und müssten wir dafür auch Schulden machen, so ist das doch egal).



ORIGINALFOTO :EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images, VIA THE BIG PICTURE


Aber gratis ist nichts. Das erleben wir jetzt.
Und was passiert? In diese erschütterte Hybris hinein platzt eine Gestalt, deren Charisma es tatsächlich fertig bringt, dass Amerika den Wandel wählt. Das Wagnis. Da tritt einer an, der vereinen will, was eigentlich doch wirklich zusammen gehört. Er ist ein charismatischer Redner, aber ganz offensichtlich auch ein hart arbeitender Politiker mit einem organisatorischen Talent. Und er will zuhören. Sagt er. In der Tat sind jene Bilder dieses Mannes am Stärksten, auf denen er abseits der Veranstaltungen gezeigt wird, in den Momenten davor oder danach, zwischen den Stühlen.
Sieben Jahre nach 9/11, nach einer beispiellosen Intrigen- und Hetzkampagne der Administration Bush-Cheney-Rumsfeld, die den Irak-Feldzug lostrat, wird der Sohn eines schwarzen Kenianers mit dem Namen Barack Hussein Obama der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist vor allem auch die Wahl des jungen Amerika. Noch nie haben sich so viele junge Amerikaner dazu bewegen lassen, auch zu wählen. Und nicht nur das. Sie haben sich in unzähligen kleinen und grösseren Einheiten engagiert und andere mobilisiert, das gleiche zu tun. Und nun stehen sie kurz vor Mitternacht in Chicago, mit 75’000 anderen, und jubeln dem jugendlich wirkenden Hoffnungsträger zu.
Sein Auftritt ist beeindruckend ruhig. Seine Gestik wirkt zurückhaltend, sein Gesicht zeigt Freude, aber auch gemessenen Ernst. Was liegt alles hinter ihm – aber was liegt vor allem vor ihm! Zwei Jahre hat der Kampf ums weisse Haus gedauert, Hillary Clinton und John McCain haben Obama alles abverlangt – und ihm am Ende in der Niederlage mit Fairness gratuliert.

Bestimmt ist er an einem Scheitelpunkt angelangt, an dem der Körper vor Erschöpfung zusammen brechen könnte: In der Erlösung, das grosse Ziel erreicht zu haben, doch einfach mal die Seele baumeln lassen. Doch es ist dafür keine Zeit. Obama wirkt so, als wollte er jede Minute nützen, immer wissen, was als nächstes zu tun sei. Er soll ein äusserst disziplinierter Arbeiter sein, heisst es. Wahrscheinlich bringt man es ohne diese Eigenschaft mit dieser Herkunft nicht an eine amerikanische Eliteuniversität, und schon gar nicht ins weisse Haus.

Und unten stehen seine Wähler und feiern ihn. Aber es wird kaum geschrien. Sie hängen eher gebannt an seinen Lippen, fast andächtig im Bewusstsein, einen ausserordentlichen Moment zu erleben. Die Menschen lechzen geradezu nach Authentizität, nach einer Führungspersönlichkeit, der sie vertrauen können. Die Bilder der oft jungen Menschen, die Schulter an Schulter zu ihm aufsehen, Latinos, Schwarze und Weisse frei durcheinander gemischt, werde ich so schnell nicht vergessen. Die Jugend ist nicht nur in Amerika die Zukunft der Welt. Aber in den USA hat sie dafür ein ganz neues Bewusstsein entwickelt.

Dieser gut aussehende, junge Präsident mag eine Vision für ein besseres Verständnis der Ethnien und Völker für einander haben, aber er wird stets die Interessen seines Landes ins Zentrum stellen. Wie jeder Präsident vor ihm und neben ihm auch. Aber er wird es mit einer von ihm erneuerten Partei im Rücken tun und mit jenem Teil der Identität des amerikanischen Volkes, der sich in den letzten acht Jahren häufig vor Scham still in sich zurück zog.
Die Begeisterung wird der Ernüchterung weichen, wenn nicht alles sich so leicht zum Besseren wandelt. Die Zeiten werden härter werden. Und die Kriege in Irak und vor allem Afghanistan werden eine schwere Belastungsprobe darstellen. Sie sind nicht so leicht zu beenden (Irak) oder zu gewinnen (Afghanistan), wie sich viele wünschen. Und genau so zäh wird der Kampf gegen die Rezession werden.

Und dennoch wird in allen Schwierigkeiten das Charisma Obamas, wenn es sich denn erhält, auch inspirierend wirken. Denn tatsächlich können Menschen alles zerstören, was ihnen heilig sein sollte. Sie verfügen aber auch über die Fähigkeit, Besonnenheit zurück zu gewinnen und mit enormer Energie Rückschläge und Schwierigkeiten zu überwinden.

Bush hat von der Führungsstärke der USA gesprochen, hat sie beschworen, für sich und die USA reklamiert. Obama könnte sie vorleben und damit einen Karren anschieben, an dem in der Folge auch Europa mitziehen könnte. Wir werden sehen, wie viele bittere Pillen dafür gegenseitig geschluckt werden müssten, und ob der Westen und damit wir alle dazu bereit sein werden.


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abgelegt in den Themen
Politisch
und
Prosa[isch]



Leadership muss kein leeres Wort sein


Kommentare

  1. SeelenLeerer · 7. November 2008, 04:16 · #

    Bis zuletzt wollte ich nicht recht an seinen Sieg glauben, denn das Herz Amerikas ist selbst nach diesen acht Jahren noch republikanisch – siehe Karte der einzelnen Staaten – bloss die Ränder sind aufgeweicht.

    Doch viel stärker hat mich das Wort substanziell angesprochen.
    Wieviele Arbeitsplätze hätten geschaffen werden können, wenn diese unglaublichen Summen in die Entwicklungen alternativer Energie- und umweltfreundlicher Transportsysteme gesteckt worden wäre,
    statt es dem goldenen Kalb zu opfern?
    (schon eigenartig, dass die Börsen genau den Stier als Zeichen des Aufschwungs gewählt haben)

    Das wäre echter Leadership in einem Thema das uns alle wirklich was angeht und die ärmeren Länder in den nächsten Jahren noch viel härter treffen wird als uns.
    Das wäre echtes Zusammenstehen zwischen den Völkern und Ethnien.

  2. Mara · 7. November 2008, 11:10 · #

    Ich muss gestehen, mir zuckt es immer unangenehm in den Zehen, wenn es um Führer jeglicher Art geht. Sicherlich er ist klug und kann die Folgen seiner Entscheidungen besser abschätzen als sein Vorgänger – abgesehen davon, dass in dieser Hinsicht eine Steigerung nicht besonders schwer war.
    So von aussen fällt es mir aber sehr schwer nachzuvollziehen inwieweit inhaltlich die breite Masse ihm auch folgen wird. Mir persönlich sind Initiativen und Gruppen die von mehreren Personen getragen werden sympathischer.

  3. andré · 7. November 2008, 15:45 · #

    @mara: Obama einen Führer zu nennen, hat allenfalls was mit deinem hintergrund und (geschichtlichen) erfahrungen zu tun, realistischerweise besehen ist das ja wohl unbestrittenermassen einer der bestbeobachteten menschen / leader der welt – wenn schon ist das beunruhigende wohl eher die sehnsucht vieler, endlich wieder einen visionär zu sehen, der im günstigsten fall nicht sofort an den nicht zu erfüllenden erwartungen gemessen wird. oder?

  4. Mara · 7. November 2008, 15:53 · #

    @ André
    Ich bin nicht die erste die das Wort auf ihn verwendete. Ich weiss leider nicht mehr in welcher Zeitung ich es
    als Schlagzeile lesen “durfte”. (nein nicht in Deutschland sondern in der Schweiz). Und warum darf man ihn dann leader nennen? Ob er “nur” Aushängeschild einer ganzen Gruppe die Zusammenarbeitet ist, oder wirklich als Einzelner dieser Visionär ist kann ich nicht beurteilen. Aber wie gesagt…sympathischer…weil tragfähiger…
    Aber warum müssen es immer die einzelnen Visionäre sein, nach denen sich viele sehnen (hat was von Messiagedanken).

  5. SeelenLeerer · 7. November 2008, 17:43 · #

    @Mara
    Weil “man” einen Einzelnen hängen kann und eine Gruppe nicht.

    Wir stöhnen zur Zeit auch über George W.,
    dabei wird er kaum die Intellgenz für all dies haben.
    Das war jetzt fies und sollte das hängen symbolisieren.

    Nein im Ernst, hinter George W. stehen einige starke Einflüsterer.
    Wolfowitz, Pearl um nur zwei zu nennen und einige die wahnsinnig an seiner Politik verdienen. Rumsfeld, Cheyney und der gesamte Bushclan, aber darüber wurde anderswo schon viel geschrieben.
    Die Abneigung konzentriert sich auf George W. alleine, so wie die Zuneigung nun auf Obama zielt.

  6. Thinkabout · 7. November 2008, 20:09 · #

    Wie sieht denn unser Geschichtsunterricht aus? Es geht doch darin immer um starke Persönlichkeiten. von Bismarck, Lenin, Stalin, Mao, Hitler, Churchill, De Gaulle, Kennedy und: Martin Luther King und Mahatma Gandhi.
    Der berühmte rote Knopf im Oval Office ist für einen Entscheidungsträger reserviert. Keine Frage, dass dieser Mensch beeinflusst wird und ständigen Versuchen der Manipulation ausgesetzt ist. Da ist es wohl leichter, damit zu leben, wenn man den Eindruck haben darf, dass der Präsident nicht eine gelenkte Kasperlifigur ist, sondern mehr selber lenkt.
    Und Vertrauen in die Regierung ist immer auch Vertrauen und Identifikation mit Personen. Gewählt und kontrolliert wird sie von einem politischen System. Am Ende müssen die Amerikaner wissen, ob sie dem Präsidenten, den sie gewählt haben, trauen können – und dem Parlament, das auch nur wegen ihnen sitzt, wo es hockt.
    Mit André Marty möchte ich sagen:
    Ich wünsche der Welt ein paar Obamas, die mit einer einzigen Rede in Menschen einen Ruck erzeugen können, einen Blick nach vorn. Die Zeiten sind schwierig genug. Ich traue Obama zu, dass er seinen Entscheidungen sorgfältige Analysen vorausgehen lässt. Im Wahlkampf hat er nicht die schlechtesten Visitenkarten für diese Annahme abgegeben.

  7. paz · 9. November 2008, 15:24 · #

    barack tut mir leid! er tut etwas, das ist, wie wenn ich nun die ubs als ceo übernähmen müsste. schlicht unmöglich. zwar hätte ich ideen sowie lösungsvorschläge, aber die anderen… die werden sich wehren.
    es ist etwas anderes, als wenn man eine abgef”“kte scheune übernimmt, und die nach gusto wieder aufbaut, renoviert. “an easy task” sozusagen. da hat man danach wenigstens ein rustico… für die sommerferien. die welt hat keine sommerferien, sie tut nur so, als hätte sie es.
    eigentlich hätt ich noch viel zu sagen, mit-zu-teilen, doch ich bin müde.
    barack wird ein präsident der verunreinigten staaten wie jeder andere. die wirtschaftskräfte, die fabrikanten, die bankiers, die establishten, werden auch in zukunf das sagen haben.
    weshalb?
    weil wir nicht establishten es verpasst haben, uns zu organisieren.
    viva la revolucion!


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