Lebensfreude in der Küche
Einen Spätnachmittag und einen frühen Abend lang hatte ich ein bisschen “Küchendienst”. Und wieder einmal sitze ich nun mit der Gaumenerinnerung an ein eben genossenes Festmahl auf dem Sofa. Durch die Wohnung streichen nun die Düfte, welche den Nikolaus per 6. Dezember vorankündigen.
Es ist immer wieder schön, mit Alltagsverrichtungen, die so tolle Dinge herzaubern, jegliches Unbehagen über “die Welt” zu verscheuchen. Es liegt ein Trost darin, sich auf die Arbeiten ganz konzentrieren zu dürfen, mit denen ich Hilfsrüster und Obercasserolier die Zaubereien von Thinkabouts Wife mit begünstigen kann, so dass ihr die Arbeit ein bisschen leichter von der Hand geht. Und es liegt eine friedfertige Ruhe in der geschäftigen Zufriedenheit, mit der sie um mich herum wuselt und werkelt, ohne im grössten Tohuwabohu wirlich einmal die Übersicht zu verlieren.
Ansteckend ist das, tröstend, und es erfüllt mich immer wieder neu mit Ruhe. Wir haben in diesem Jahr an vielen Veränderungen um uns herum mit gelitten, haben viele Um-brüche erlebt und in so manchem Fall mit anderen die Sicherheit geteilt, dass nichts wirklich sicher ist, was äusserlich Halt verspricht…
Ich weiss: Gerade in diesem Blog wird immer davon geschrieben, dass wirklicher Halt, Ordnung und Heimat nur in sich selbst tatsächlich zu finden ist. Aber es ist dennoch häufig nicht leicht, zu akzeptieren (gerade im Mitsorgen für andere), dass dies mit viel Leid verbunden sein kann.
Dazu kommt, dass ich alt werde, und ich hätte nicht gedacht, dass dies vor dem fünfzigsten Geburtstag schon geschieht: Wenn ich das, was ich im geschäftlichen Alltag, im öffentlichen Leben, in Politik, Sport und Kunst orte und über die letzten dreissig Jahre einander gegenüber stelle, dann erschreckt mich die Kühle, mit der heute Ideale verlacht, oder noch schlimmer, still begraben werden: Staat und Gemeinwesen sind nur noch fremde Gebilde, an die man allenfalls Forderungen zu stellen hat und denen man Skepsis entgegen bringen soll – die eigene Verantwortung aber bleibt darauf reduziert, für sich selbst sorgen zu können. Liegt das am Ende auch daran, dass wir heute kaum mehr konkrete Bedrohungen kennen? Denn jene, die bestehen, sind so gross, dass sie nicht wirklich fassbar werden: Klimaerwärmung, globale Finanzkrise… Wie soll sich da der Einzelne verantwortlich fühlen, wenn es nicht mal “ganze Staaten” tun?
Für sich selbst sorgen können und alles andere dem Lauf der Dinge überlassen – das reicht doch nicht, um glücklich leben zu können! So steril wird doch niemand seines Lebens froh, es sei denn, er hat gar keine Vorstellung mehr davon, was das alles beinhalten könnte, dieses Leben. Oder geben wir uns je länger je mehr mit immer weniger unzufrieden?
Was ich aber kann: Morgen wieder in die Küche stehen und fragen: Wie und was kann ich helfen?
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Relax-Senf · 5. Dezember 2010, 01:16 · #
„….dann erschreckt mich die Kühle, mit der heute Ideale verlacht, oder noch schlimmer, still begraben werden:“
Ja. der Bebachtung stimme ich zu, doch zu obiger Reihenfolge möchte ich eine Anmerkung machen. Das still begraben komm in vielfältigen Nuancen sehr häufig vor und wir alle – meine ich – lassen es auch persönlich zu und sei es „nur“ unbewusst. Das bewusste darüber Lachen finde ich daher schlimmer, auch weil wir beim Herdentrieb und Collness zeigen auch mal mitlachen, wo es nicht richtig unserer Überzeugung entspricht. Aber tagtäglich gegen alles Störende ankämpfen und wir würden als Störfaktor wahrgenommen…. und nichts an der Smalltalk Situation ändern.
„Liegt das am Ende auch daran, dass wir heute kaum mehr konkrete Bedrohungen kennen?“
Ja grosse Bedrohungen, die das Zusammenhalten und Näherrücken fördern, sind in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund getreten. Doch genügend Grund um sich das „eigene“ Leben auch in Szenarien vorzustellen – best and worst case und Varianten zwischen den Poolen – gibt es immer und da wird schrecklich gesündigt. Dabei geht es mir um „gesunde“ Gedanken und nicht um den Aufbau und Unterhalt von Depressionen. Doch ein Grossteil der Erwachsenen lebt unbeschwert und gedankenlos in die TAGE hinein ohne auch nur einen Gedanken an mögliche Veränderungen zu verschwenden! Wobei doch Veränderungen das einzige Beständige ist, das ohne Unterbruch fortgesetzt stattfindet,
Bist Du eigentlich vorbereitet, wenn der Nikolaus plötzlich vor Dir bzw. vor Deiner Türe steht? Du runzelst die Stirn, doch meine Frage ist nicht unberechtigt. Bei den guten Düften die durch Euere Naschhallen ziehen, könnten von der öffentlichen Bushaltstelle viele den Weg vor die Thinkabout Türe finden. Deshalb der Richtige für Dich kommt mit dickem Buch und der begleitende Schmutzli ist grösser als der Nikolaus. Bei diesen klaren Kriterien hoffe ich, dass Du die richtige Wahl triffst beim Freigeben zur Sternen-Regenerierungsoase :
Sofasophia · 5. Dezember 2010, 13:15 · #
“Oder geben wir uns je länger je mehr mit immer weniger unzufrieden?”, schreibst du.
alles gratwanderungen – ich bin gestern mit der frage ins bett gegangen, wie viele menschen wohl in dieser nacht erfrieren werden, weil sie kein dach über dem kopf haben. und ob ich, würde einer oder eine von ihnen bei mir klingeln, sie einlassen würde.
Gabi · 5. Dezember 2010, 19:19 · #
Für mich selbst sorgen zu können, empfinde ich als die Herausforderung meines Lebens Thinkabout und sie lässt mir immer weniger Zeit für andere Dinge.
Außer, was mit der Selbstversorgung,dessen Umfeld/Umständen und die Kontaktpflege mir nahestehender Personen betrifft, kann ich oder will ich gar nicht? Einfluß nehmen. Auf wen oder was auch?
Dazu be – halte ich zu viel Abstand und nenne dies “Respekt” oder, ich kann eh nix ändern.
An vielen Dingen sicher nicht, siehe Politik, unsinnige Vorschriften, Gerechtigkeit usw. Aber das hast Du so wahrscheinlich gar nicht gemeint.
Meine Kreise sind klein, überschaubar für mich und ich bin soweit zufrieden.
Mich irritiert Dein Satz “Oder geben wir uns je länger je mehr mit immer weniger unzufrieden?”
Unzufrieden?
Wir geben uns vielleicht mit immer weniger zufrieden und sind dabei dennoch unzufrieden?!
Herzliche Grüße in die duftende Küche:-)
Thinkabout · 9. Dezember 2010, 20:39 · #
Ich möchte alle Voten berücksichtigen, indem ich diesen Gedanken aufnehme:
Ja, ständig aufbegehren verändert wohl nichts, fühlt nur zu Ausgrenzung. Ich möchte ja vielmehr, dass für das augenscheinlich Vermisste nicht gestritten werden müsste, weil es alle wünschen und anstreben. Oder wenigstens Viele. Und: Tatsächlich ist der Weg die eigene Haltung im Kleinen. Egal, ob es an der Tür klingelt oder es schlicht darum geht, trotz aller Mühsal für sich auch still glücklich sein zu können. Oder zufrieden. Was nicht wenig ist.
Der Satz mit dem “Stöcklein” zwischen die Beine ist also, liebe @Gabi, extra so gesetzt worden.