Lieber dumpf und stumpf?
Immer wieder beobachte ich folgende Szene:
Begegnung von drei oder mehr Menschen auf der Strasse, im Café, zu Beginn einer Sitzung, auf einem Messestand.
Der eine, der “be-grüsst”, reicht die Hand, spricht die erste Person an und redet weiter mit ihr, während die Hand zur Seite schwingt und die andere, nächste schüttelt – ohne dass die Person angesehen würde.
Es gibt wohl keine despektierlichere Geste als diese: Es wird zwar die Hand zum Gruss gereicht, doch der ganze Körper und Geist ist wo anders. Es ist dies eine tiefe Respektlosigkeit, und sie ist schlimmer, als wenn die begrüsste Person von Anfang an ignoriert würde.
Ich glaube, solche Dinge mehr beobachten zu können als auch schon. Nur weiss ich nicht, ob dies meiner geschärften Wahrnehmung zuzuschreiben ist, oder einer grösseren Empfindlichkeit, oder ob die Unachtsamkeit im Umgang zwischen uns wirklich zugenommen hat?
Die geschilderte Szene ist eine Art Sinnbild: Statt der Situation und den Anwesenden zuzutrauen, dass sie einen interessieren, ja überraschen können, winken wir die Begegnungen geradezu weiter, wischen sie vom Tisch, bevor sie stattfinden können. Wir sind überfordert, nur schon einen Blickkontakt einzugehen. Ist es, weil die Gedanken schon weiter hasten, oder weil wir automatisch Menschen, die uns in der Gruppe begegnen, kategorisieren, unwillkürlich aber sofort einordnen und entscheiden, wer wie wichtig für uns ist, sein kann?
Und was ist mit dem Verkäufer, der über die Ladentheke hinweg die Ware schiebt und das Geld in Empfang nimmt, während er nur Augen für den Kollegen links hat, mit dem er schwatzt – oder, noch “besser”, in seiner Aufmerksamkeit ganz vom Fernseher in der Ecke gebannt wird?
Wie viele Menschen gibt es, die in solcher Art und Weise sich vom Leben auf Dauer enttäuschen lassen, bis sie die Bagatelle in jedem Fall der Überraschung vorziehen? Die gewohnt taub machende, dumpfe Einsamkeit will man nicht mehr verscheuchen. Es ist eher Furcht zu spüren vor der möglichen neuen, lebendigen Begegnung.
Dass so jemand dann auch noch im Verkauf arbeiten “kann”, macht es auf eine traurige Weise absurd.

Strandsteine · 28. Februar 2007, 23:33 · #
Lieber Thinkabout,
beim Lesen Deines Beitrages kommt noch eine
andere Sichtweise Deiner beschriebenen
Beispiele in meinen Gedanken hoch.
kann es nicht auch eine ungewollte / gewollte Machtausübung des Gegenübers sein ?
Oft kann ich die Grenze nicht entdecken….
da ich selber einige Mitmenschen bei der Ausübung
ihres Berufes sehr genau beobachtet habe,
neige ich auch zu dieser Deutung des Benehmens.
nachdenklich Grüße von den Steinen
Tina · 1. März 2007, 04:38 · #
Signale und Gesten, die in sekundenschnelle ablaufen und im Unterbewußtsein sofort die Punkte auf die i´s setzen….: Du bist unwichtig!
Jetzt kommt es ja immer darauf an, was man daraus macht.
Man kann seine Chance nutzen und sich in das Gespräch einbringen. Die Aufmerksamkeit des Gegenüber läßt sich im allgemeinen recht leicht erhaschen, wenn man ihm etwas zu sagen hat und einem selbst der Kontakt wichtig ist.
Ich kann mich aber auch schmollend in mich selbst zurückziehen und die Begegnung nach den ersten 2 Minuten als gescheitert erklären, da ich verletzt wurde.
Meist ist das “ignorieren” wie von Dir beschrieben ja eher ein unbewußter Vorgang. Ein Lächeln, ein aufmerksamkeitforderndes “Hallo” verbunden mit einem freundlichen Winken und schon hat man den Stups gesetzt und Du HAST seine Aufmerksamkeit. Jetzt muß aber auch was kommen, was das Interessse rechtfertigt :-)
Schmollen oder Probieren?
Sich ins Abseits rücken oder einbringen?
Niederlage oder Chance?
Halbleer oder halbvoll?
...immer Deine Wahl!
P.S.: Wo hat der Herr Hesse eigentlich die Smileys versteckt? Oder brauchen die Schweizer so was nicht? sfg
Thinkabout · 1. März 2007, 08:03 · #
Liebe Tina,
Die Frage nach den Smileys kann ich Dir nicht beantworten. Aber sie sind mir auch nicht so wichtig. Deine Texte lachen in sich, oder regen ganz allgemein zum Nachdenken an. Da braucht es keinen optischen “Aufheller”, auch wenn sich diese sicher von anderswo “importieren” lassen.
Thinkabout · 1. März 2007, 08:34 · #
Liebe Tina (und @ alle anderen):

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