Mein Glauben - meine Richtschnur
Die Frage, wie ich es selbst mit der Religion halte, was also mein persönlicher Glaube sei, möchte ich beantworten. Dies ist also ein recht persönlicher Beitrag, mit dem ich mich niemandem aufdrängen will und der auch nicht aus missionarischem Eifer geschrieben wird, keine Sorge.
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In den Diskussionen rund um Segen oder Fluch der Religionen, um ihren überholten oder eben kernigen Beitrag zu Lebensbildern, Sinnfragen oder Gemeinschaftsregeln, ist immer wieder die Frage gestreift worden, wie indivduell geprägt der persönliche Glaube jeweils sein mag, wie leicht es heute ist, ihn sich einem Patchwork ähnlich aus verschiedensten Weisheiten und Lebensschulen zusammen zu nähen und wie beliebig oder wandelbar solche Gebilde aus Fragen und Antworten in einem Leben sein mögen.
Doch wie weit richtet sich Glaube notgedrungen nach einer verbindlichen Vorgabe, wird erst durch Religion eine ernst zu nehmende, den Gläubigen auch verpflichtende Lebensschule daraus? Braucht nicht gerade Glaube eine verpflichtende Autorität, um nicht beliebig zu wirken?
Was wir Menschen nicht beweisen können, aber sehr wohl zum Kern unseres Lebens machen, verteidigen, beteuern, und bekräftigen wir wahrscheinlich genau deswegen so vehement, weil wir um diese “Schwäche” wissen. Ein Glaube lässt sich vorleben und vorbeten, durch Argumente allein aber wird niemand zum Christen oder Muslim. Religion ist immer mehr und gleichzeitig weniger als Philosophie, weil sie das Transzendentale nicht aus der Distanz als Phänomen beschreibt und es nicht durch Begründung zu ergründen sucht. In der Religion wird Spiritualtiät zu einer Praxis, wird diese Ansprache des Unterbewusstseins Grund für Lithurgien und für symbolische Handlungen, welche zu dieser Ebene hinführen sollen. Doch auch Glauben kann nicht wirklich vorgebetet werden.
Glaube ist mein persönliches Rüstzeug – und meine Erfahrung. Ich kann Glaubenssätze nachbeten. Aber meine Stimme wird dort an Wärme gewinnen, wo ich eine gemurmelte Maxime mit meinen ganz konkreten eigenen Erfahrungen verbinde. Also lässt sich über meinen Glauben eigentlich nicht streiten, man kann ihn aber sehr wohl ganz grundsätzlich bezweifeln oder rundweg ablehnen. Darum will ich auch niemanden überzeugen. Ich wünsche mir zwar, dass Menschen sich die gleichen Fragen stellen wie ich, aber ich habe keine Sorge, wenn sie andere Antworten finden.
Es wurde festgestellt, dass wir alle über unseren Glauben eigentlich genauso wenig reden wie über unseren Lohn. Der Gaube ist in ganz besonderer Weise persönlich. Wir alle kennen wohl die Siuationen, in denen man seinen Glauben zu erklären versucht, und sich anhand der Reaktionen vorkommt, als redete man in einer fremden Sprache. Oder aber die Repliken sind heftig und ablehnend, gerade so, als hätte man ein fremdes Haus einreissen wollen und müsse nun davon gejagt werden. Als junger Mensch ist das hart zu erfahren, wenn das eigene Herz warm und voll ist und die Seele ins Feuer gerät, weil man teilen möchte, was einem selbst Halt gibt, weil man seine Mitmenschen liebt und sich wünscht, die eigenen Antworten zum Geschenk für andere machen zu können und in der Gemeinschaft Frieden zu erfahren.
Im Zentrum meines persönlichen Glaubens steht kein Dogma und nicht die Frage, woher ich komme und wohin ich gehe. Diese Fragen haben mich zum Glauben geführt, aber meine Sicherheit als Christ ist in keiner Weise davon abhängig, dass eine biblische Geschichte “wahr” ist oder ewiges Leben so, wie es die christlichen Religionen verheissen, tatsächlich auf mich wartet. Im Zentrum meines Glaubens steht meine Beziehung, mein Gottesbild: Ich erlebe diesen Gott wie eine Vaterfigur. Das Wort vom “himmlischen Vater” hat mich enorm beglückt und das Bild des idealen Vaters, den wir alle gerne hätten, der stets verzeihen kann, der in seiner Erziehung nie die Liebe für seinen Sohn vergisst, der geleiten will, aber nicht zwingen, der warten kann auf die Gegenliebe, der nie zu stolz ist, ein neues Beispiel, ein neues Licht für die Kraft seiner Güte vor mich hin zu stellen, bis ich es endlich sehe und neue darauf vertraue – das macht meinen Glauben aus und darin eingebettet mache ich alle meine Lebenserfahrungen.
Ich habe oft enorme Mühe, mich anzunehmen – aber in diesem eben beschriebenen Grundverständnis werde ich nie aufhören, es neu zu versuchen, weil mich mein Gott will: Ich bin gottgewollt. Wir alle sind es. Wenn wir daran glauben können, werden wir uns wünschen, auch genau das zu werden, was wir sein können – und wir möchten die besten in uns schlummernden Anlagen zum Blühen bringen. Denn Gott hat sich bei Ihnen und bei mir etwas gedacht. Wollen wir das nicht alle? Jaaah, wir wollen erfolgreich sein, Geld haben, eine gute Liebe, Familie.
In meinem Glauben frage ich bei dem allem, ob ich dabei mich selber bin? Bleibe? Werde? Und ich denke, dass wir alle so angelegt sind, dass wir uns diese Fragen sehr gut beantworten können, ganz egal, ob Sie mit meinem Glaubensbild etwas anfangen können.
Die christlichen Botschaften der Nächstenliebe, die Gleichnisse der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen, die Fähigkeit, wirklich selbstlos lieben zu können, menschliche Güte zu entwickeln – wir haben so viel in uns, das Freiheit atmet.
Gott lässt sich nicht beweisen. Aber erfahren. Es lässt sich der von Gott vorgesehene Mensch werden. Geborgen, aber fern von jeder Selbstgefälligkeit ständig danach zu fragen, wer man ist und wie man sich näher kommen kann, ist eine aufregende Reise. Mit einem Vater, der nie verloren geht. Ich habe ihn schon unzählige Male quälend lange gesucht, und immer verstehen gelernt, dass ich es war, der mich entfernte: Es liegt im christlichen Glauben eine Urgewalt verborgen, die wir tatsächlich nur ganz, ganz schwer glauben können: Seine Liebe in dieser hier skizzierten Form.
Verstehen Sie mich recht: Meine Frau kann morgen von einem Auto überfahren werden, ich kann im Rollstuhl landen. Es gibt keine Garantie, dass mir das nicht geschieht, und ich kaufe mir mit meinem Glauben keine Wohlbehütung vor solchem Unglück ein. Wenn Menschen sagen, dass sie nicht länger an Gott glauben können, weil ihnen der Tod eines liebsten Menschen zugemutet wird, dann kann ich das menschlich sehr gut verstehen. Aber es liegt gleichzeitig ein unerträglicher Hochmut darin, zu meinen , das eigene Leben müsse äusserlich glücklicher verlaufen als ein anderes. Nein. Das Glaubensglück ist die immer wiederkehrende Zuversicht, dass ich alles schaffen kann, was meine Seele braucht, um gesunden zu können. Und in diesem Kampf bin ich nie allein. Nicht mehr zu brauchen als diese Zuversicht – das wünsche ich mir tatsächlich. Nicht nur für diese wunderbar hellen Minuten wie gerade jetzt, die ich aber immer wieder geschenkt bekomme, schon mein Leben lang, und für die ich daran arbeite, Mensch zu werden.
Ich habe kein Sendungsbewusstsein. Wenn aber jemand nach meinen Sicherheiten fragt (und die bietet mir mein Glaube), dann erzähle ich davon. Zu diesen Sicherheiten gibt es viele Wege, aber sie müssen immer dazu führen, dass wir im absoluten Einklang mit unserem Wesen leben oder auf diesem Weg ständig Fortschritte machen können. Und weil ich weiss, wie segensreich dieses Glück ist und wie gut es unserer Welt tut, wenn wir friedvoll unseren Mikrokosmos betrachten und gestalten können, wäre wohl zu wünschen, wir würden alle ein bisschen mehr dazu bereit sein, über die positiven Kräfte unseres persönlichen Glaubens zu reden.
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Und jetzt darf selbstverständlich gefragt werden, wenn es jemanden juckt. Hier oder per Mail.
Ich bin auch nicht traurig, wenn das nicht der Fall ist. Es ist wie mit allem anderen auch, das wir schaffen und weiter geben:
Es ist gesagt, geschrieben, und seine Wirkung, Richtig oder Falsch ist nicht von sichtbaren Reaktionen zu bestimmen. Es ist dies einer der schönsten Prozesse über die Jahre meines Bloggens, dass ich davon sehr frei werden konnte: Die unmittelbaren “Resultate” beeinflussen meine Energie und meinen Willen, mich mitzuteilen nicht. Ich muss nicht beeinflussen wollen, wer weiter was versteht oder links liegen lässt. Es ist mein Bestes, das ich in diesem Moment dazu zu sagen habe, und ich freue mich, wenn man mir dabei hilft, mit solchen Fragen, wie sie am Ursprung dieses Artikels standen, meine ganz persönliche Auslegeordnung neu vorzunehmen.

dirk · 17. Juli 2012, 12:59 · #
Merci! Nun bin ich irritiert. Du nennst dich Christ und schreibst vom Vater. Christus nennst du nicht. Seine Botschaft der Nächstenliebe und die Gleichnisse führst du an, die Lehre, nicht sein Opfer, den Kern des christlichen Glaubens. Bedeuten dir die Sakramente etwas? Wohin du gehst, stehe nicht im Zentrum, daraus lese ich, dass es dir ums das Leben geht, nicht um den Tod, um das Blühen der “besten Anlagen”, die führen wohl zu weltlichen Freuden (“Wollen wir das nicht alle?”). Ist das Religion? Oder Weisheit? Das Problem der Theodizee erscheint dir als Hochmut, das ist klug gedacht. An Gott zweifeln in der Not aber die, die Gott nicht denken, sondern ihm folgen. (Nicht an Gottes Existenz übrigens – manche meinen, das Hadern sei der lebendigste Glaube.) Besonders verwirrt mich der Satz über die Zuversicht, alles schaffen zu können, das die Seele braucht, um zu gesunden. Vielleicht habe ich zu viele christliche Mystiker gelesen (Eckart, Suso, Teresa, Johannes), um die Wörter “schaffen” und “Kampf” leicht deuten zu können, oder vermisse darum das Wort ‘Gnade’. Vielleicht denke ich mir zum Begriff des Gesundens das Falsche, hänge zu sehr an der Auffassung der grossen Kirchen, das Leid der Seele bestehe in der Entfernung zu Gott. Tatsächlich ist mir mit nicht einmal klar, ob dein Christentum dem protestantischen oder dem katholischen näher steht, oder keinem von beiden. Nimmst du an einem Gemeindeleben teil? Könntest du deinen Glauben leben, ohne getauft zu sein?
Ich frage und fragte nicht nach einer Erklärung und nicht nach Sicherheiten, sondern nach dem Erleben. Ich habe eine Antwort bekommen, die Gotteskindschaft, das Geliebtwerden, eine Sehnsucht danach und Vertrauen darauf, Nächstenliebe leben zu können mit Gottes Hilfe. Und doch liest sich diese Antwort für mich, als hätte ein Gandhi geantwortet auf die Frage nach der Quelle seiner Kraft und kein Christ.
Vielleicht behindern mich die Bilder, die ich im Kopf habe, lese ich Dinge hinein, die du nicht geschrieben hast (z.B.: ‘Ist der Vater, der stets verzeihen kann, in seiner Liebe nie nachlässt, nicht die Mutter?’). Deine Antwort ist persönlich, wie ich sie erfragte, mir missverständlich, weil ich eine andere Person bin. Du schreibst nicht nur über Gott, auch über dich, deine Hoffnungen, Wünsche, und ich muss einsehen, dass ich manche nicht teile. Vater, Gemeinschaft, Wohlstand usw. bedeuten mir weniger als dir, ich bin lieber auf See als im Hafen, du stehst mitten im Leben, ich spiele bloss. Da ich es mit meinem Leben kaum koppeln kann, versuche ich das, was du schreibst, mit dem zu verbinden, das ich halbwegs kenne, mit dem Christentum. Das gelingt mir nicht, bzw. unzureichend. Auf die konkreten Fragen, die ich nun nachgeschoben habe, bist du wahrscheinlich mit Grund nicht eingegangen – es sind wohl nicht deine. Reime ich mir aber aus dieser Vermutung den Rest, liege ich bestimmt ganz daneben. So schreibe ich noch einmal, statt mir was zu denken. Ich danke dir sehr, denn ich lerne, wo ich verstört werde, nicht wo ich gleich einsehe. Aber du hast auch Recht, was ich nicht verstehe, ich meine Sache. (So schreibe ich hier nur von mir.)