Mein Kirchgang mit mir
Ich bin der erste, der Ihnen Recht gibt, als Protestant sowieso: Unsere Kirchen sind nüchtern. Und leer. Manche dürften sie auch vornehmlich als kalt empfinden. Das ist alles nicht falsch. Ich bin der letzte, der dies bestreiten würde.
Und dennoch kann es ganz falsch sein. Das Zentrum der Zwingli-Stadt Zürich beherbergt auf kleinem Raum mehrere grosse Kirchen, die sich alle in einem gleichen, sieht man mal von den Chagall-Fenstern im Fraumünster ab:
Sie sind nüchtern. Sehr kahl. Spartanisch gar. Die Mauern vor allem dick. Aber mystisch? Spirituell anregend?
Nun, stellen wir uns dennoch mal vor, sie gingen da hin. Nicht zum Gottesdienst. Unter der Woche. An einem “freien” Tag, in einem Zeitfenster, das einem Panoramafenster ähnlich ist und Ihnen wirklich Zeit lässt:
Ich treffe da niemanden. Es gibt keine Predigt, keinen Pfarrer. Ich habe höchstens ein Treffen mit mir selbst. Mit dem Lärm in mir. Wenn ich auf die Kirchenbänke zu steuere, habe ich schon das Gefühl, ich ginge irgendwie zu weit. Ich bin doch kein Sonderling. Was habe ich hier verloren? Aussergewöhnlich? Sich auf die harte Kirchenbank setzen? Ich weiss ja sehr wohl, wie sich das anfühlt. So unbequem hart. Und da sollte man sich dann konzentrieren können? Freiwillig? Zuhören, irgend einem armen Teufel (Tschuldigung…), der Sonntag für Sonntag eine Rede halten muss, obwohl er rein gar kein Talent dafür besitzt… Es soll Pfarrer geben, die darunter mehr leiden als ihre Zuhörer.
Während das Café am Limmatquai so nah ist, in dem ich meine Studienerinnerungen aufleben lassen könnte, setze ich mich. Und bin idiotisch stolz darauf.
Meine Gedanken sind überall, nur nicht dort, wo ich mich hin begeben habe.
Die Bänke sind blank poliert. Manche in alten Kirchen haben aber richtig Patina angesetzt, haben rissige Furchen im Holz, wie wenn sie ähnlich viel erzählen wollten, wie die schwielige Hand einer alten Bauersfrau. Doch die Bänke sind schweigsamer als jede arbeitsselige Magd, und ich muss mir die Geschichten dazu selber denken. Wie viele Hintern haben sich hier vor mir nicht wohl gefühlt? Wie manches Leid wurde hierher getragen, genau da hin? Einsam, still, taub vor Sorge vielleicht. Wie manche Demut wurde im stillen Gebet mit Gott gesucht? Wie manches Predigerwort verpuffte, prallte an den Gedanken ans nachmittägliche Fussballspiel schon an der Ohrmuschel ab?
Und so sitze ich da. Fünf Minuten? Eine halbe Stunde? Manchmal kommt jemand den Mittelgang entlang, betrachtet mit zurück gelegtem Kopf scheinbar starr in sich versunken einen kurzen Moment das völlig uninteressante Dachgewölbe, um sich dann mit einem flüchtigen Blick zu mir hin umzudrehen und zurück zu gehen. Nach draussen. Ins Leben. Was mag ich nur für ein Spinner sein?
Je länger ich sitze, desto weniger bleibt, was um mich geschieht, von Belang. Es ist ja herzlich wenig genug. Es ist sehr still in Kirchen. Wenn eine Tür sich schliesst, lässt sie ihren Hall zurück, als müsste ein Laut eine Endgültigkeit und Verbindlichkeit betonen, die wir zu empfinden verlernt haben.
Ich denke daran, wie gut es mir geht, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich Gott bitte, dem nächsten Menschen, der hier sitzt, ähnliche Perspektiven zu eröffnen, wie sie mir vergönnt waren. Ich sehe nach vorn, tauche ein in ein graues Braun, und der Raum wird zur Kirche in mir.
Hinter mir geht die Tür auf. Ein Lichtstrahl brennt sich in den Boden im Mittelgang und hellt auf, was ich längst nicht mehr als Dunkel empfand. Und dennoch trete ich gern in dieses Licht, bin mir aber schon im Rausgehen bewusst, dass dieser Schritt in die Welt manchen Menschen Woche für Woche schwer fallen mag. Nicht jedem ist die Welt ein Füllhorn an Chancen, lebendige Möglichkeit zur Veränderung, sondern eine Art Bannstrahl auf das Elend im eigenen Leben, der in erster Linie die Schatten länger macht.
Ich schlendere durch die Altstadt und stehe kurz darauf vor einer neuen Kirchentür, die sich vor mir öffnet, noch ehe ich die Hand auf den Knauf legen kann. Vor mir steht eine bestürzend junge und schöne Frau in nachtschwarzer Trauerkleidung. Sie schaut mich mit offenem Gesicht an, und ihr Lächeln ist wie in Güte gemeisselt.
Wie, wenn Gott wirklich in den Menschen wohnte, wir aber unser Glück einfach so wenig fassen könnten, wie es uns auch nicht gelingt, die Stille der Kirchen zu nutzen?
Ich will da rein. Diesmal ist mein Gang zu einer Bank vorne links von bedächtigen Gedanken begleitet. Nichts an diesem Weg und an diesem Ort ist verkehrt, noch denke ich, dass es eine Leistung wäre, hier zu sein. Das einzige, was ich mich frage, ist: Warum mache ich das nicht öfter?
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Bild: St. Peter, Zürich

uertner · 16. Mai 2009, 15:35 · #
St. Peter ist doch so kahl auch wieder nicht. Mit der gediegenen Ausstattung, der letzten Zentralkanzel, die noch in Zürich steht, ein wunderbarer Raum. Wie es in der Kirche abgeht, wenn jemand drin ist:
http://willensnation.blogspot.com/2008/09/der-kirchgang.html
Und was mit der “Prädestinationslehre Calvins” es auf sich hat, hat der Bubiker Pfarrer Thomas Muggli kürzlich auch erklärt.
http://willensnation.blogspot.com/2009/05/predigt-zu-calvins-pradestinationslehre.html
Wie es sich mit Predigt und Meinungsäusserungsfreiheit verhält
http://willensnation.blogspot.com/2009/05/freiheit-der-rede.html
Man soll es ruhig mal wagen, an einem Sonntag hineinzugehen! Pfärrer – und auch Pfarrerinnen – sind die letzten “Journalisten”, die noch eine Woche Zeit haben um einen grossen “Leitartikel” zu verfassen, der “konstruktiv” (erbaulich) sein soll und auf die ältesten Texte in unserem Kulturkreis sich beziehen soll (Bibel).
Thinkabout · 17. Mai 2009, 10:48 · #
Danke, @Uertner, für Ihre motivierenden Worte. Die Kirchenbänke des St. Peter sind wirklich das “vielleicht falsche” Beispiel zur Illustration. Meine Reflexion hatte ich auch im Grossmünster – in den St. Peter ging ich danach.
Danke für die Links! Und: Schreiben Sie weiter in der Willensnation. Das wäre schön – und fände dann sicher auch Raum auf blogbibliothek.ch.
LD · 18. Mai 2009, 22:11 · #
Die Religion (d.h. der Glaube an Gott) und der freie Wille, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, unterscheidet den Menschen vom Tier. Um sich dessen bewusst zu werden, muss man sich einfach immer wieder die Zeit nehmen. Dann erkennt man auch wieder die wesentlichen Dinge im Leben und lernt so die Welt in Gut und Böse einzuteilen, wobei meist auch der Kontext eine wesentliche Rolle spielt. So entwickeln sich die Werte einer Gesellschaft und über den gegenseitigen Austausch darüber entsteht erst der Wertekonsens. Und wo dieser herrscht, ist Frieden.
Eine Kirche ist ein idealer Ort für eine innere Einkehr. Mich erstaunt und freut zugleich, solche Gedanken und Erfahrungen in (D)einem Blog zu lesen. Viele Leute haben nicht den Mut, ihr Innerstes derart der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Danke für die Teilhabe daran!